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Chronik

1988

Januar

Am Theologischen Seminar in Leipzig konstituiert sich der Arbeitskreis Gerechtigkeit.

1988 verlassen 39.832 Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik.

Seit Jahresbeginn werden in Ungarn Reisepässe ausgestellt, mit denen ungarische Bürger ohne Visum in den Westen reisen dürfen.

In Düsseldorf beginnt der Prozess gegen Abbas Ali Hamadi. Ihm wird Nötigung der Bundesregierung wegen der Beteiligung an der Entführung von Alfred Schmidt und Rudolf Cordes im Januar 1987 im Libanon vorgeworfen. Am 19. April wird Abbas Ali Hamadi zu 13 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Eine vom sowjetischen Politbüro eingesetzte Rehabilitierungskommission zu den stalinistischen Repressalien in der Sowjetunion nimmt ihre Arbeit auf.

Erich Honecker wird in Frankreich als Staatsgast empfangen. Francois Mitterand kritisiert die „anachronistischen Behinderungen im Personenverkehr und im Gedankenaustausch“ zwischen der DDR und den westlichen Staaten.

Die Vereinigten Staaten heben das seit 1952 bestehende Einreiseverbot für Mitglieder kommunistischer Organisationen auf. Einreisewillige müssen keine Auskunft über eine etwaige Mitgliedschaft in einer kommunistischen Gruppierung geben.

Carlo Jordan in den 1970er Jahren. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

30 Vertreter von Umweltgruppen beschließen in Berlin die Gründung der „Arche – grün-ökologisches Netzwerk in der Evangelischen Kirche“. Eines der wichtigsten Mitglieder ist Carlo Jordan.
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Jürgen Sparwasser, einer der prominentesten Fußballspieler der DDR, setzt sich in die Bundesrepublik ab.

Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher trifft Im Rahmen eines Staatsbesuchs in Polen mit dem Führer der verbotenen polnischen Gewerkschaft Solidarität, Lech Walesa, zusammen. Er sichert der polnischen Oppositionsbewegung die Unterstützung der Bundesregierung zu.

Als erste unabhängige Institution in der Sowjetunion wird in Moskau die „Stiftung für das Überleben und die Entwicklung der Menschheit“ gegründet.

Während der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Ost-Berlin werden 150 Teilnehmer verhaftet. Die Demonstranten haben auf Plakaten das Rosa-Luxemburg-Zitat „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ getragen und ihr Recht zum Verlassen des Landes gefordert. In der Gethsemane-Kirche werden für die Verhafteten Fürbittandachten gehalten. Der verantwortliche Pfarrer wird daraufhin von der Stasi bedroht.

Oppositionelle am Vorabend der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration mit ihren selbstgefertigten Transparenten. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Freutel

Während der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Ost-Berlin werden 150 Teilnehmer verhaftet. Die Demonstranten haben auf Plakaten das Rosa-Luxemburg-Zitat „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ getragen und ihr Recht zum Verlassen des Landes gefordert. In der Gethsemane-Kirche werden für die Verhafteten Fürbittandachten gehalten. Der verantwortliche Pfarrer wird daraufhin von der Stasi bedroht.
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Das Ministerium für Staatssicherheit nimmt Lotte Templin und Wolfgang Templin fest. Zeitgleich werden Freya Klier, Bärbel Bohley, Werner Fischer und Ralf Hirsch verhaftet.

Während eines Besuchs in der Tschechoslowakei gedenkt Bundeskanzler Helmut Kohl in Lidice der Opfer des SS-Massakers von 1942 und erinnert zugleich an die Vertreibung der Deutschen nach Kriegsende.

Februar

Freya Klier und Stephan Krawczyk werden aus der MfS-Haft nach Westdeutschland abgeschoben. Mit dabei ist auch Freya Kliers Tochter Nadja.

In einem internen Bericht des Staatssicherheitsdienstes wird die Zahl der rechtsradikalen Skinheads in der DDR mit rund 800 beziffert. Offiziell wurde die Existenz von Neo-Nazis in der DDR bisher geleugnet.

Der Untersuchungsausschuss des Landtags in Kiel zur Aufklärung der Barschel-Affäre legt seinen Abschlussbericht vor. Darin werden dem verstorbenen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel (CDU), schwere Verfehlungen im Wahlkampf gegen den SPD-Kandidaten Björn Engholm und Machtmissbrauch vorgeworfen.

Gegen 22.45 Uhr entfaltet ein junger Mann vor der Berliner Gethsemanekirche ein Transparent mit der Aufschrift: „Als mündiger Bürger fordere ich meine Ausreise“. Zwei Tage später wird er verhaftet und am 12. Februar im beschleunigten Verfahren nach § 214 StGB zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Bereits am 15. Februar wird seine Entlassung für den nächsten Tag verfügt, bei zweijähriger Bewährung. Kurze Zeit später kann er die DDR verlassen.

Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher fordert in einer Rede vor der in Genf tagenden UN-Abrüstungskonferenz ein weltweites Verbot chemischer Waffen.

Lotte Templin und Wolfgang Templin werden direkt aus der MfS-Haftanstalt Hohenschönhausen in den Westen abgeschoben.

Bärbel Bohley und Werner Fischer werden nach Westdeutschland abgeschoben.

Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow kündigt den Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan an. Sowjetische Truppen waren 1979 in Afghanistan einmarschiert.

Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen verabredet mit Erich Honecker Reiseerleichterungen: Unter anderem dürfen Westberliner bei Tagesbesuchen in Ost-Berlin einmal übernachten.

Nach schweren Unruhen in Berg-Karabach, eine mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region im Südosten des kleinen Kaukasus, setzt die Sowjetunion Truppen ein.

In Dresden findet die 1. Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung statt.

Pfarrer Christian Führer führt in der Leipziger Nikolaikirche einen Gemeindeabend unter dem Motto „Leben und Bleiben in der DDR“ durch, an dem circa 900 Menschen teilnehmen. Damit wird Ausreiseantragstellern zum ersten Mal ein großes öffentliches Forum geboten. Gleichzeitig bietet Christian Führer das Friedensgebet als Kontaktmöglichkeit für Antragsteller an. Dieses Ansinnen weist Superintendent Magirius während des Friedensgebets am 22. Februar 1988 zurück. Er teilt mit, dass Seelsorge für Ausreiseantragsteller nur individuell geschehen könne.

In der Hauptstadt der Sowjetrepublik Litauen, Linius, demonstrieren mehr als 100.000 Menschen für politische Reformen und die Unabhängigkeit ihres Landes. Am 24. Februar kommt es in Tallin, der Hauptstadt der Sowjetrepublik Estland, zu einer Demonstration von 3.000 Menschen, die trotz eines offiziellen Verbots für die Unabhängigkeit eintreten.

Das SED-Politbüro beschließt, die Reiseregelungen wieder restriktiver zu handhaben.

Die Sowjetunion beginnt mit dem Abzug atomarer Mittelstreckenraketen aus der DDR.

März

Tagesreisen nach Ost-Berlin dürfen für Westberliner fortan 48 Stunden dauern.

Der evangelische Bischof Leich fordert von DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker die Eröffnung eines Dialogs zwischen SED und Gesellschaft und den Beginn einer Reformpolitik.

Mit einem LKW gelingt drei jungen Männern aus Babelsberg der Durchbruch der Grenzsperranlagen auf der Glienicker Brücke nach West-Berlin.

Nach dem Friedensgebet am Abend des 14. März kommt es vor der Leipziger Nikolaikirche zu einer Demonstration. Rund 300 Ausreiseantragsteller und Mitglieder oppositioneller Gruppen nutzen den Messe-Montag und die Anwesenheit vieler Journalisten, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Sie ziehen schweigend von der Nikolaikirche bis zur Thomaskirche und bilden dort eine Menschenkette. Die Sicherungskräfte schreiten wegen der vielen westlichen Pressevertreter nicht ein.

In Simferopol auf der Halbinsel Krim demonstrieren rund 2.000 Krimtataren unbehelligt von der Polizei für die Rückkehr ihrer Volksgruppe auf die Krim. Sie waren 1944 auf Befehl Stalins aus ihrer angestammten Heimat deportiert worden.

Vereinbarung über einen Gebietsaustausch zwischen West-Berlin und der DDR. Betroffen ist unter anderem das etwa vier Hektar große Lenné-Dreieck am Potsdamer Platz, ein Grundstück, das zwar auf der westlichen Seite der Mauer liegt, jedoch bis dahin zu Ost-Berlin gehörte.

April

SED, SPD und die KP der Tschechoslowakei veröffentlichen eine gemeinsame Erklärung, die die Schaffung einer Chemiewaffen-freien Zone in Europa fordert.

Die USA verlegen 800 Marinesoldaten nach Panama, wo sie die US-amerikanische Militärpräsenz in der Kanalzone verstärken sollen. In den vergangenen Monaten haben sich die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Panama verschärft.

Die eingeschränkte Genehmigung von Reiseanträgen wird nach kurzer Zeit spürbar. Deshalb spricht Bonns Ständiger Vertreter in der DDR, Hans Otto Bräutigam, bei Egon Krenz vor. Egon Krenz gibt zu verstehen, dass die Regelungen zu Reisefragen allein eine „Angelegenheit der DDR selbst“ seien.

Nach fast sechsjährigen Verhandlungen unterzeichnen die Außenminister der USA, der Sowjetunion, Pakistans und Afghanistans in Genf das Abkommen zur Lösung des Afghanistan-Konflikts. Es sieht den vollständigen Abzug der sowjetischen Soldaten und die Rückkehr der rund fünf Millionen Flüchtlinge in ihre Heimat vor.

In Frankfurt am Main wird auf das jüdische Gemeindezentrum ein Sprengstoffanschlag verübt.

Streik im polnischen Stahlwerk Nova Huta bei Krakau. Neben einer Lohnerhöhung wird auch die Wiedereinstellung von Kollegen gefordert, die wegen Mitarbeit in der verbotenen Gewerkschaft Solidarnosc entlassen wurden.

Mai

In West-Berlin kommt es im Anschluss an ein Straßenfest im Bezirk Kreuzberg zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der linksautonomen Szene und der Polizei.

Die erste Ausgabe der Samisdat Zeitschrift „Arche Nova“ der Gruppe Grün-ökologisches-Netzwerk Arche der Berlin-Brandenburgischen Kirche erscheint.

Bei einem Besuch in den USA erörtert Hermann Axen (SED) Modalitäten für einen Besuch Erich Honeckers in Amerika.

Unterzeichnung eines Partnerschaftsvertrags zwischen Peking und Ost-Berlin. Bundeskanzleramtsminister Wolfgang Schäuble und SED-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski führen ein Gespräch über die Neufestsetzung der Transitpauschale und über Regelungen zur Elbgrenze.

Francois Mitterrand wird für eine zweite Amtszeit von sieben Jahren zum französischen Staatspräsidenten gewählt.

Gerhard Schürer, Vorsitzender der Staatlichen Plankommission, schlägt aufgrund der hohen West-Verschuldung der DDR und die drohende Zahlungsunfähigkeit einen einschneidenden Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik vor.

Die deutsch-sowjetische Wirtschaftskommission (Bundesrepublik/UdSSR) tritt in Moskau zusammen.

Elitetruppen der indischen Armee stürmen den Goldenen Tempel in Amritsar in Indien, in dem sich Hunderte von extremistischen Sikhs verschanzt haben. Nach dreitägigen blutigen Gefechten vertreiben sie die Besetzer.

Die Sowjetunion leitet den Rückzug ihrer Soldaten aus Afghanistan ein.

In Ungarn wird Ministerpräsident Karoly Grosz als Verfechter politischer und wirtschaftlicher Reformen als Nachfolger von Janos Kadar zum Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei gewählt.

Ein viertes Gipfeltreffen von Präsident Ronald Reagan (USA) und Generalsekretär Michail Gorbatschow (UdSSR) findet statt.

Juni

In der litauischen Hauptstadt Vilnius gründet sich die Volksbewegung Sajudis als Reformbewegung.

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, denken sich die Leipziger Oppositionsgruppen: Mit dem Pleiße-Marsch am 5. Juni 1988 (Weltumwelttag) machen sie auf die Umweltzerstörung in ihrer Stadt aufmerksam. Es ist die erste größere Leipziger Aktion außerhalb kirchlicher Räume. Im Bild: ein Aufnäher zum ersten Pleiße-Gedenk-Umzug in Leipzig. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Am Weltumwelttag ziehen etwa 230 Menschen am Ufer der Pleiße entlang, um in Leipzig gegen die zunehmende Umweltverschmutzung in der DDR zu demonstrieren. Bereits 1956 war der Fluss wegen des von ihm ausgehenden Gestanks teilweise unter die Erde verlegt worden. Durch Aktionen wie diese und die aktive Arbeit von Gruppen wie der Initiativgruppe Leben und der Arbeitsgruppe Umweltschutz entwickelt sich Leipzig zu einem Zentrum der Friedlichen Revolution.
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Das SED-Politbüro beschäftigt sich mit der Nichterfüllung des Plans 1987. Zentralkomitee-Wirtschaftssekretär Günter Mittag macht dafür die Generaldirektoren der Kombinate und die Minister verantwortlich. Ministerratsvorsitzender Willi Stoph wehrt sich gegen die plötzliche Verlagerung der Verantwortung vom Politbüro auf den Ministerrat. Erich Honecker appelliert an alle: „Wir müssen den Zusammenbruch verhindern!“.

In Ost-Berlin versammeln sich einige Jugendliche in der Nähe der Mauer, um dem Konzert des Pop-Superstars Michael Jackson vor dem Reichstagsgebäude in West-Berlin zuzuhören. Dabei kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Volkspolizei, die vor allem gegen westliche Kamerateams scharf vorgeht.

In Luxemburg unterzeichnen Vertreter der EG und des RGW eine Erklärung, die offizielle Beziehungen zwischen beiden Bündnissen herstellt.

Auf dem EG-Gipfeltreffen in Hannover beschließen die Staats- und Regierungschefs die Einsetzung einer Expertengruppe, die sich um konkrete Schritte in Richtung auf eine Wirtschafts- und Währungsunion bemühen soll.

Juli

Die Ostberliner Enklave Lenné-Dreieck geht in den Besitz West-Berlins über. Das Gebiet wurde bis dahin von Westberliner Autonomen als rechtsfreier Raum besetzt. Die Besetzer flüchten vor der Räumung durch die West-Berliner Polizei über die Mauer in den Ost-Berliner Grenzstreifen. Die freundliche Aufnahme durch die Grenzposten beruht auf einer Vereinbarung des Stasi-Informanten Till Meyer mit dem ostdeutschen Geheimdienst.

Bei der RGW-Tagung in Prag treten heftige Spannungen auf. Die DDR und Rumänien sträuben sich gegen tief greifende Reformen.

Der Oberste Sowjet beschließt nach den Unruhen in der Enklave Berg-Karabach den Verbleib der Region bei der Sowjetrepublik Aserbaidschan. Allerdings sollen dabei die Autonomierechte des armenischen Gebietes stärker beachtet werden. Die Unruhen dauern nach diesem Beschluss jedoch an, woraufhin Moskau am 24. November Militär einsetzt.

Bruce Springsteen gibt vor rund 160.000 begeisterten Zuschauern ein Konzert auf der Bühne der Radrennbahn Weißensee in Ost-Berlin. Die Show wird zeitversetzt und zensiert auch im DDR-Radio und -Fernsehen ausgestrahlt.

In Potsdam treffen 40 Beobachter aus 20 KSZE-Staaten ein, um Truppenübungen von sowjetischen Streitkräften und der NVA zu beobachten.

August

Die polnische Regierung genehmigt die Wiederaufnahme der Arbeit polnischer Schriftsteller im internationalen Autorenverband PEN. Der Sektion waren vor sieben Jahren im Rahmen des Kriegsrechts internationale Kontakte verboten worden.

Der westdeutsche Sportflieger Matthias Rust wird vom Obersten Sowjet begnadigt und aus der Sowjetunion ausgewiesen. Rust landete 1987 in einer spektakulären Aktion mit einer Cessna auf dem Roten Platz in Moskau und wurde zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt.

Der seit 1975 andauernde Bürgerkrieg in Angola wird in einem Waffenstillstandsvertrag zwischen Angola, Südafrika und Kuba für beendet erklärt.

Ein Offizier der DDR-Grenztruppen flüchtet in die Bundesrepublik. In einem Interview mit dem RIAS bestätigt er die Existenz des Schießbefehls für die DDR-Grenztruppen, der während des Honecker-Besuchs 1987 in der Bundesrepublik ausgesetzt wurde.

Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der EG-Kommission und der DDR.

Oskar Lafontaine, sozialdemokratischer Ministerpräsident des Saarlands, wird von DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker auf dem Jagdschloss Hubertusstock empfangen. Oskar Lafontaine setzt sich erneut für die Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft und für die Auflösung der Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter ein.

In der Nähe des Berliner Reichstags fliehen vier DDR-Bürger vor zahlreichen West-Berliner Zuschauern durch die Spree. Die Besatzung des sie verfolgenden Wachboots macht von ihren Schusswaffen keinen Gebrauch; alle erreichen unverletzt den West-Teil der Stadt.

Eine Streikwelle in Polen führt zu einem Treffen von General Czeslaw Kiszczak und Lech Walesa. Erste formelle Erörterung von Gesprächen mit Solidanosc am Runden Tisch.

September

Die beiden deutschen Staaten vereinbaren zahlreiche Verbesserungen im Transitverkehr; die Bundesregierung erhöht die Transitpauschale für die Jahre 1990 bis 1999 von bisher 525 auf 860 Millionen D-Mark.

Bundeskanzler Helmut Kohl besucht die Sowjetunion. In einem Vier-Augen-Gespräch mit Parteichef Michail Gorbatschow betont er, dass eine neue Qualität in den Beziehungen zur Sowjetunion erreicht werden soll. Michail Gorbatschow begrüßt dies und spricht davon, dass die Zeit gekommen sei, um an einem gemeinsamen europäischen Haus zu bauen.

Oktober

Michail Gorbatschow wird zum Vorsitzenden des Obersten Sowjets gewählt. Als sowjetisches Staatsoberhaupt kann er die personelle Veränderungen an der Spitze der KPdSU stärker voranbringen und damit die personelle Basis für seine Reformpolitik festigen.

Sicherheitskräfte lösen in Ost-Berlin einen Protestmarsch von etwa 200 Demonstranten auf, die gegen die Zensur kirchlicher Zeitungen protestierten.

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Miles Bronfman, besucht die DDR. DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker erklärt ihm, die DDR erkenne nunmehr ihre Mitverantwortung für den Holocaust an. Sie sei nun auch zu symbolischen Zahlungen an die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung bereit.

Aufruf zur Solidarität mit den Schülern der Carl-von-Ossietzky-Schule (1988). Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Die Umweltblätter berichten über die Relegation von vier Schülern der Berliner Carl-von-Ossietzky-Schule. Die Mitglieder der Umweltbibliothek drucken Flugblätter und erklären sich mit den relegierten Schülern solidarisch. Anfang Oktober protestierten die Schüler am Schwarzen Brett der Schule gegen die jährlich stattfindenden Militärparaden zum Jahrestag der Gründung der DDR am 7. Oktober.
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Udo Hartmann, Frank Sellentin, Rainer Müller, Anita Unger und Uwe Schwabe (v.l.n.r.) protestieren am 24. Oktober 1988 gegen das Verbot von selbst gestalteten Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche. Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig/Christoph Motzer

Seit Anfang der achtziger Jahre finden in der Leipziger Nikolaikirche jeden Montag Friedensgebete statt. Im September 88 werden die Veranstaltungen zunehmend politischer. Die Kirchenleitung verbietet daraufhin deren selbstständige Organisation durch unabhängige Basisgruppen. Am 24. Oktober 1988 protestieren diese gegen das Verbot von selbst gestalteten Friedensgebeten. Die Regelung wird im Frühjahr 89 wieder aufgehoben. Ein Erfolg für die Leipziger Gruppen.
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Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher besuchen die UdSSR. Im Vorfeld ruft der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow dazu auf, die beiden Staaten sollten sich nicht als ehemalige Feinde sehen, sondern als Partner und mögliche Freunde.

Außenministertreffen der Warschauer-Pakt-Staaten in Budapest, bei dem über weitere Abrüstungsmaßnahmen beraten wird.

November

Die DDR plant eine Verschärfung des politischen Strafrechts.

Die Volkskammer gedenkt in einer Sondersitzung der „Opfer der faschistischen Pogromnacht vom 9. November 1938“. Zwei Tage später wird der Grundstein für den Wiederaufbau der Synagoge in der Oranienburger Straße gelegt.

Wahl des bisherigen US-Vizepräsidenten George Bush zum 41. Präsidenten der USA.

Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble führt in Ost-Berlin Gespräche mit DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker über die deutsch-deutschen Beziehungen.

Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) tritt nach seiner umstrittenen Rede zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 zurück. Seine Nachfolgerin wird Rita Süssmuth (CDU).

Der Palästinensische Nationalrat proklamiert in Algier einen unabhängigen Staat in den von Israel besetzten Gebieten.

DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker verleiht dem rumänischen Diktator Nicolai Ceausescu während seines Besuchs in der DDR den Karl-Marx-Orden.

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Die DDR-Regierung untersagte ab dem 18. November 1988 den Vertrieb der Zeitschrift Sputnik. Das aktuelle Heft wird eingezogen und eingestampft. Das Verbot der Zeitschrift erzeugt vielfachen Protest. Der kommt von staatsnahen Organisationen wie der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) ebenso wie von Oppositionsgruppen und einzelnen Bürgern.
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Die in der DDR erscheinende deutschsprachige sowjetische Zeitschrift Sputnik wird von der Liste des Postzeitungsvertriebs in der DDR gestrichen.

Dezember

DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker betont auf einer Tagung des SED-Zentralkomitees in Ost-Berlin seine ablehnende Haltung gegenüber der sowjetischen Reformpolitik.

Der russische Staatschef Michail Gorbatschow spricht vor der UNO: Er bekennt sich zu den Prinzipien der Entscheidungsfreiheit und des Gewaltverzichts.

Die neue DDR-Verordnung über Reise- und Ausreiseangelegenheiten enthält kein generelles Recht auf Reisen.


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