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Pogo in Ost-Berlin

Anfang der 1980er Jahre treffen sich Punks regelmäßig auf dem Alexanderplatz im Zentrum der Hauptstadt der DDR. Damit wollen sie die Staatsmacht provozieren – schließlich ist der Alex ein beliebtes Touristenziel. Polizei und Stasi reagieren rigoros:...
Anfang der 1980er Jahre treffen sich Punks regelmäßig auf dem Alexanderplatz im Zentrum der Hauptstadt der DDR. Damit wollen sie die Staatsmacht provozieren – schließlich ist der Alex ein beliebtes Touristenziel. Polizei und Stasi reagieren rigoros: Täglich hagelt es Ausweiskontrollen und Verhaftungen. Ab 1982 gibt es zu offiziellen Anlässen wie dem Aufmarsch zum 1. Mai „Alex-Verbot“ für Punks. Quelle: Archiv Substitut
Ende 1980 trifft sich in Berlin-Pankow der Großteil der Ostberliner Punks im Grabbe-Club. Quelle: Michael Boehlke (BStU-Kopie)
Ende 1980 trifft sich in Berlin-Pankow der Großteil der Ostberliner Punks im Grabbe-Club. Quelle: Michael Boehlke (BStU-Kopie)
Die Bands Unerwünscht und Planlos teilen sich einen Proberaum in der Metzer Straße 11 im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Unerwünscht greift im Titel „Oi Oi Oi Destroy“ früh das Thema Skinheads in Ost-Berlin auf. Mindestens dreimal wechselt...
Die Bands Unerwünscht und Planlos teilen sich einen Proberaum in der Metzer Straße 11 im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Unerwünscht greift im Titel „Oi Oi Oi Destroy“ früh das Thema Skinheads in Ost-Berlin auf. Mindestens dreimal wechselt die Band ihren Frontmann. Dementsprechend ändert sich auch das Erscheinungsbild der Band, die von 1982 bis 1984 besteht. Quelle: Archiv Substitut
Punk-Quartett: Erki, Colonel, Waiti und Fatzo 1981 im Ostberliner Kulturpark Plänterwald. Der Kulti ist zentraler Treffpunkt für die gesamte Punkszene der DDR. Quelle: Archiv Substitut
Punk-Quartett: Erki, Colonel, Waiti und Fatzo 1981 im Ostberliner Kulturpark Plänterwald. Der Kulti ist zentraler Treffpunkt für die gesamte Punkszene der DDR. Quelle: Archiv Substitut
Punkkonzert in einer Kirche in Karl-Marx-Stadt (1983): „A-Micha“ von der Band Namenlos, „Locke“ und Lorenz Postler (v.l.n.r.). Lorenz Postler ist der Sozialdiakon der Berliner Erlöserkirche. Quelle: Archiv Substitut
Punkkonzert in einer Kirche in Karl-Marx-Stadt (1983): „A-Micha“ von der Band Namenlos, „Locke“ und Lorenz Postler (v.l.n.r.). Lorenz Postler ist der Sozialdiakon der Berliner Erlöserkirche. Quelle: Archiv Substitut
1985 entsteht das von Punks aus Berlin illegal produzierte Fanzine Alösa. Alösa bezieht sich auf die Erlöserkirche in Berlin Rummelsburg. Die Evangelische Kirche stellt den Punks den sogenannte Profikeller zur Verfügung – unter der Obhut des Sozialdiakons...
1985 entsteht das von Punks aus Berlin illegal produzierte Fanzine Alösa. Alösa bezieht sich auf die Erlöserkirche in Berlin Rummelsburg. Die Evangelische Kirche stellt den Punks den sogenannte Profikeller zur Verfügung – unter der Obhut des Sozialdiakons Lorenz Postler. Der Profikeller wird zum Szenetreff für Punks aus der gesamten DDR. Hier können die Punkbands regelmäßig auftreten. Ab 1985 gibt es hier auch Konzerte von Punkbands aus West-Berlin, Polen etc. Quelle: Archiv Jana Schlosser
„Speiche“ ist einer der ersten Punks in Ost-Berlin und nicht nur in der Punkszene bekannt. Als Fan des 1. FC Union Berlin ist er auch unter den Fußballfans in Ost-Berlin eine feste Größe. Bei den Anhängern des BFC Dynamo, dem Lieblingsverein von...
„Speiche“ ist einer der ersten Punks in Ost-Berlin und nicht nur in der Punkszene bekannt. Als Fan des 1. FC Union Berlin ist er auch unter den Fußballfans in Ost-Berlin eine feste Größe. Bei den Anhängern des BFC Dynamo, dem Lieblingsverein von Stasi-Chef Erich Mielke, gibt es den Schlachtruf: „Speiche, Speiche wir wollen deine Leiche“. Quelle: Archiv Substitut
AG Mauerstein. Komplette Raumgestaltung in der illegalen Berliner Galerie von Jörg Deloch. Nach den Inszenierungen werden konsequent alle Kunstwerke vernichtet. Quelle: Archiv Igor Tatschke
AG Mauerstein. Komplette Raumgestaltung in der illegalen Berliner Galerie von Jörg Deloch. Nach den Inszenierungen werden konsequent alle Kunstwerke vernichtet. Quelle: Archiv Igor Tatschke
Kassettencover der Ostberliner Punkband Weiterverarbeitung aus Karow, die von 1982 bis 1983 besteht. Quelle: Archiv Substitut/Frank Nietsch
Kassettencover der Ostberliner Punkband Weiterverarbeitung aus Karow, die von 1982 bis 1983 besteht. Quelle: Archiv Substitut/Frank Nietsch

In der ersten Ostberliner Punkband Koks spielt das jugoslawische Botschafterkind „Ilja“ (16) mit. Kaum gegründet, gibt Koks das erste Konzert in der Jugoslawischen Handelsvertretung. Man verschwendet keine Zeit mit dem Stimmen der Gitarren und kommt gleich zur Sache. Der Saal brennt. Etwa 40 Punks pogen auf solidem jugoslawischem Linoleum. Und in der Pause geht es kollektiv in die nahe gelegene Charité, um ein paar grüne OP-Klamotten zu klauen, denn Punk-Outfits gibt es selbstverständlich nicht zu kaufen.

Legendäres Punkfest in der Lychener Straße, Prenzlauer Berg

Lychener Straße 5 im Prenzlauer Berg, Hinterhof: Es heißt, in einem Atelier sollen ein paar Punkbands spielen. Der Hof ist rammelvoll mit bunten Gestalten, und man hat Mühe, sich durchs Treppenhaus zu kämpfen. In der Mitte einer Altbauwohnung sitzt „Locke“ (16) auf einer Leiter und versucht, mit einem Walkman die Musik aufzunehmen. Drei andere verteidigen den Kanonenofen gegen die Pogotänzer.

Es spielen die Bands Rosa Extra, Fünf Wochen im Ballon, Planlos und Unerwünscht. Sie spielen laut, wütend, falsch und mitreißend („Smog und Ruß, wohin ich komm, Langeweile gebaut aus Beton“ oder „Wenn ich laut denke, dann bist du da, wo ist der Monitor hinter der Kamera?“ Die Musiker schreien dem jungen Publikum aus der Seele. Es ist Silvester 1981, und wir sind auf dem vielleicht besten Punkfest, das Berlin je erlebt.

Die evangelische Kirche nimmt sich der Randgruppe Punk an. Zweimal wöchentlich gibt es einen Raum im Glockenturm der Pfingstkirche und Schmalzstullen. Auf die Räume der Kirche hat die Polizei kein Zugriffsrecht. Und schon bald dröhnt Punk aus allen möglichen Kirchen der Republik. Just an dem Tag, als die Toten Hosen es dank ihrer Trinkerhymne „Bommerlunder“ bis ins westdeutsche Fernsehen schaffen, poltern sie in den Proberaum der Ostberliner Band Planlos und wollen mal spielen – im Osten.

Die Toten Hosen geben ein spontanes Gastspiel in Ost-Berlin

Pfarrer Langhammer von der Erlöserkirche nickt das Ganze ab. Es gibt ein Konzert – zur Hälfte Planlos, zur Hälfte die Hosen – vor circa 15 Zuschauern. Pünktlich null Uhr sind die Hosen wieder am Checkpoint Charlie und werden Stars. Im Osten kommt die Order von ganz oben: Das Punk-Problem ist bis Ende 1983 zu lösen!

Eines Tages klingeln zwei junge Herren in Krawatte und Anzug bei der Familie Kobs. Nein, sie wollen nicht zum Vater, sie wollen zum Sohn. An der Grenze sei eine Waffenlieferung abgefangen worden, und man habe da Hinweise, dass der Sohn genau wisse, für wen diese Waffen bestimmt sind. Michael Kobs (17) weiß von nichts, doch der dramatische Auftritt wirkt in der Familie nach. Beim nächsten Mal werden vier Freunde verhaftet und einer gleich wieder auf freien Fuß gesetzt. Den Rest lässt man schmoren, denn Misstrauen kann eine scharfe Waffe sein. Dann bricht man in die Proberäume ein und sucht nach Textheften. Wo man fündig wird, straft man die Jugendlichen mit äußerster Härte.

Ende 1983 organisieren einige Punks eine Kranzniederlegung für die Opfer des Faschismus, um sich von dem braunen Anstrich zu distanzieren, der ihnen von den staatlichen Organen verpasst wird. Aber der Bahnhof von Oranienburg wird abgeriegelt und das Konzentrationslager Sachsenhausen für geschlossen erklärt. Die Punks ziehen unverrichteter Dinge ab und legen ihren Kranz am Mahnmal für die Opfer des Faschismus nieder – mitten in Berlin, Unter den Linden, in aller touristischer Öffentlichkeit.

Die Stasi-Spießer schließen die Szenetreffs in Ost-Berlin

Für das Cover einer Schallplatte fotografiert der Grafiker Bernd Scheubert einen Punk. Scheubert bekommt nie wieder einen Auftrag. Pfarrer Gilbert Furian interviewt Punks und macht ein Heft daraus. Er wird zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Die Szenekneipe Tute am Alex (eigentlich Posthorn) wird geschlossen und in eine Würstchenbude umgebaut. Das Mosaik in der Prenzlauer Allee wird geschlossen und monatelang renoviert. Das Scala in der Schönhauser Allee wird samt Mietshaus aus der Häuserzeile gesprengt.

Damit verschwinden die alten Treffpunkte der Szene in Ost-Berlin. Ab November 1983 hagelt es Einberufungsbefehle. Planmäßig trifft es auch die Musiker der Band Planlos. Andere Punks sitzen im Gefängnis, verurteilt für die Inhalte ihrer Songs. Ironischerweise bestätigt der Staat mit jedem verhängten Urteil genau jene Inhalte.

Zitierempfehlung: „Pogo in Ost-Berlin“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung Dezember 2018, www.jugendopposition.de/145419

 


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