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Bildungsverbot für Protestierende

Die Freunde Matthias Domaschk und Manfred Hildebrandt während ihrer Zeit als Lehrlinge Ende 1970er Jahre. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Die Freunde Matthias Domaschk und Manfred Hildebrandt während ihrer Zeit als Lehrlinge Ende 1970er Jahre. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Folgenschwere Stellungnahme: Am 29. November 1976 erklärt Roland Jahn, Student der Wirtschaftswissenschaften, dass er die Ausbürgerung von Wolf Biermann nicht gutheißt. Im Februar 1977 wird er von der Universität exmatrikuliert. Quelle: BStU, MfS,...
Folgenschwere Stellungnahme: Am 29. November 1976 erklärt Roland Jahn, Student der Wirtschaftswissenschaften, dass er die Ausbürgerung von Wolf Biermann nicht gutheißt. Im Februar 1977 wird er von der Universität exmatrikuliert. Quelle: BStU, MfS, HA XX 16922/91, Seite 1 von 3
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Folgenschwere Stellungnahme: Am 29. November 1976 erklärt Roland Jahn, Student der Wirtschaftswissenschaften, dass er die Ausbürgerung von Wolf Biermann nicht gutheißt. Im Februar 1977 wird er von der Universität exmatrikuliert. Quelle: BStU, MfS,...
Folgenschwere Stellungnahme: Am 29. November 1976 erklärt Roland Jahn, Student der Wirtschaftswissenschaften, dass er die Ausbürgerung von Wolf Biermann nicht gutheißt. Im Februar 1977 wird er von der Universität exmatrikuliert. Quelle: BStU, MfS, HA XX 16922/91, Seite 2 von 3
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Folgenschwere Stellungnahme: Am 29. November 1976 erklärt Roland Jahn, Student der Wirtschaftswissenschaften, dass er die Ausbürgerung von Wolf Biermann nicht gutheißt. Im Februar 1977 wird er von der Universität exmatrikuliert. Quelle: BStU, MfS,...
Folgenschwere Stellungnahme: Am 29. November 1976 erklärt Roland Jahn, Student der Wirtschaftswissenschaften, dass er die Ausbürgerung von Wolf Biermann nicht gutheißt. Im Februar 1977 wird er von der Universität exmatrikuliert. Quelle: BStU, MfS, HA XX 16922/91, Seite 3 von 3
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Roland Jahn wird 1975 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Fachbreich Wirtschaftswissenschaften immatrikuliert. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Roland Jahn wird 1975 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Fachbreich Wirtschaftswissenschaften immatrikuliert. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Passfoto von Roland Jahn in seinem Studienbuch. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Passfoto von Roland Jahn in seinem Studienbuch. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
„... weil er gröblich gegen die Studiendisziplin verstoßen hat“: der Eintrag im Studienbuch von Roland Jahn, mit dem seine Exmatrikulation 1977 begründet wird. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
„... weil er gröblich gegen die Studiendisziplin verstoßen hat“: der Eintrag im Studienbuch von Roland Jahn, mit dem seine Exmatrikulation 1977 begründet wird. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
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Alleingelassen: So beantragt die Seminargruppe 1977 die Exmatrikulation ihres Kommilitonen Roland Jahn. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)
Alleingelassen: So beantragt die Seminargruppe 1977 die Exmatrikulation ihres Kommilitonen Roland Jahn. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)
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Lutz Leibner (27) unterschreibt den Protestbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Die Folgen: Er wird von seinem Pädagogik-Fernstudium exmatrikuliert und muss nach einem Disziplinarverfahren seine Arbeit als Erzieher in einem Kinderheim aufgeben....
Lutz Leibner (27) unterschreibt den Protestbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Die Folgen: Er wird von seinem Pädagogik-Fernstudium exmatrikuliert und muss nach einem Disziplinarverfahren seine Arbeit als Erzieher in einem Kinderheim aufgeben. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Hans-Helmut Kurz

Die Ausbildung an Schulen und Universitäten in der DDR ist in den 1970er Jahren vollkommen auf die Entwicklung „sozialistischer Persönlichkeiten“ ausgerichtet. Wer einen der begrenzten Abiturplätze bekommen will, muss mit einer strengen politischen Auslese rechnen. Das gilt in noch stärkerem Maße für die Vergabe von Studienplätzen. Vor allem die höheren Bildungseinrichtungen unterstehen einem Kontrollsystem, an dem SED-Mitglieder, FDJler und Lehrer mitwirken. Die Stasi wirbt auch Schüler und Studierende für Spitzeldienste an. Weigern sich die Jugendlichen, Mitschüler oder Kommilitonen zu verpetzen, werden sie vielfach erpresst.

Dennoch kommt es an Schulen und Universitäten immer wieder zum Aufbegehren gegen die SED und den Staat. Auch an der Jenaer Universität, an der Tausende Studierende eingeschrieben sind, wird die Ausbürgerung von Wolf Biermann hinter vorgehaltener Hand heiß diskutiert. Und wieder sind es einige wenige, die es wagen, ihre Meinung öffentlich zu machen. Einer von ihnen ist Roland Jahn, damals 23-jähriger Student der Wirtschaftswissenschaften. (Roland Jahn berichtet im Zeitzeugen-Video über seine Zeit des aktiven Widerstands während und nach dem Studium.)

Ideologische Bestnoten statt Numerus clausus

Am 23. November 1976 kritisiert Roland Jahn in einem Seminar zum Wissenschaftlichen Kommunismus die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Ein eifriger Student protokolliert seine Worte mit. Roland Jahn wird zur Universitätsleitung zitiert, die ihm erklärt, dass er mit seiner Unterstützung für Wolf Biermann als Akademiker untauglich sei. Von seinen Mitstudenten bekommt Roland Jahn keine Hilfe. Im Gegenteil: Der zuständige FDJ-Sekretär fordert im Namen der Studentenschaft den Rauswurf des Aufmüpfigen. Im Februar 1977 wird er schließlich von der Universität exmatrikuliert. Die Aufnahme eines Studiums in der DDR ist ihm fortan verwehrt.

Ein ähnliches Schicksal erleiden Lutz Leibner, Lutz Rathenow, Katharina Voigt, Manfred Hildebrandt und Matthias Domaschk. Lutz Leibner (27) ist einer derjenigen, die ihre Unterschrift unter einen Protestbrief gegen die Ausbürgerung setzen. Die Folgen: Er wird von seinem Pädagogik-Fernstudium exmatrikuliert und muss nach einem Disziplinarverfahren seine Arbeit als Erzieher in einem Kinderheim aufgeben.

Ebenfalls vom Studium ausgeschlossen wird Lutz Rathenow (24). Er gehört zu den Ersten, die in Jena Hausdurchsuchungen und Verhöre über sich ergehen lassen müssen. Sein Vergehen: Er hat versucht, Autoren für den Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung zu gewinnen. Die Unterstufenlehrerin Katharina Voigt (19) bekommt nach ihrer Beteiligung an der Unterschriftenaktion Berufsverbot.

Matthias Domaschk und Manfred Hildebrandt, beide 19 Jahre alt, werden kurz vor den mündlichen Prüfungen nicht mehr zum Abitur zugelassen. Auch sie hatten gegen die Ausbürgerung unterschrieben beziehungsweise Unterschriften gesammelt.

Zitierempfehlung: „Bildungsverbot für Protestierende“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2017, www.jugendopposition.de/145384

 


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