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Prager Frühling

„In Prag ist Pariser Kommune“ – ein Lied von Wolf Biermann, dessen Text als Grundlage für Flugblätter gegen die Okkupation der CSSR durch die Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten dient (1968). Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
„In Prag ist Pariser Kommune“ – ein Lied von Wolf Biermann, dessen Text als Grundlage für Flugblätter gegen die Okkupation der CSSR durch die Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten dient (1968). Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Abschrift
„In Prag ist Pariser Kommune“ – ein Lied von Wolf Biermann, dessen Text als Grundlage für Flugblätter gegen die Okkupation der CSSR durch die Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten dient (1968). Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
„In Prag ist Pariser Kommune“ – ein Lied von Wolf Biermann, dessen Text als Grundlage für Flugblätter gegen die Okkupation der CSSR durch die Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten dient (1968). Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
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Anfang der 1960er Jahre setzt sich in der Sowjetunion und anderen Ostblockländern die Erkenntnis durch, dass eine Modernisierung des Wirtschaftssystems unumgänglich ist. Die Wirtschaftsfachleute beginnen, über mehr Eigenverantwortung in den Betrieben nachzudenken, über realistische Preissysteme und sogar über eine sozialistische Marktwirtschaft. Langsam werden die ideologischen Fesseln in einigen Ländern gelockert. Doch die herrschenden kommunistischen Parteien fürchten den Verlust der absoluten Macht.

Dezember 1965. In der DDR wird die kulturpolitische Öffnung durch das sogenannte „Kahlschlag-Plenum“, das 11. Plenum des ZK der SED, jäh abgebrochen. Die SED-Führung verbietet fast die gesamte Jahresproduktion der Deutschen Film AG (DEFA) sowie mehrere Bücher und Theaterstücke. Besonders der Schriftsteller Stefan Heym, der Liedermacher Wolf Biermann und Prof. Robert Havemann ernten harte Kritik. Auf das Plenum folgen zahlreiche Berufs- und Auftrittsverbote.

Die Wirtschaftsreformen werden nur noch eingeschränkt fortgesetzt. In Polen reagiert die kommunistische Führung mit einer antisemitischen Hetzkampagne auf die Demokratiebewegung. Im März 1968 knüppelt die Polizei protestierende Studenten in Warschau auseinander. Die Arbeiterschaft schweigt dazu.

„Wir atmen wieder, Genossen. Wir lachen die faule Traurigkeit raus aus der Brust ...“

In der Tschechoslowakei (CSSR) hingegen entwickelt sich die „Reform von oben“ zu einer gesellschaftlichen Befreiungsbewegung. Die „Kafka-Konferenz“ in Liblice setzt Signale und sorgt für ein kurzzeitiges Ende der kulturellen Isolation. Das Werk des Schriftstellers gilt als ideologischer Sprengstoff, der Autor selbst als dekadent und bürgerlich. Anlässlich seines 80. Geburtstages widmet sich 1963 ein Schriftstellerkongress dem Problem: Kann die literarische Leistung Franz Kafkas in den sozialistischen Ländern anerkannt werden? Erstmals wird offen über die vorhandenen ideologischen Scheuklappen debattiert. Das Ende dieses Tabus sorgte für Aufbruchstimmung unter den Künstlern. Das Land öffnet sich der modernen Kunst, kritische Filme entstehen. Prag gilt als Welthauptstadt des Theaters. Im Schriftstellerverband und dessen Zeitschriften finden die sozialistischen Reformkräfte ein Podium.

Zwei Probleme sind in diesem Land besonders brennend. Erstens: Der stalinistische Terror hat tiefe Wunden hinterlassen. Niemals ist bisher öffentlich über die tschechoslowakischen Schauprozesse aus jener Zeit gesprochen worden. Nun soll eine Kommission die unrechtmäßigen Urteile aufheben. Zweitens: die ungelöste Nationalitätenfrage. Die Slowaken fühlen sich gegenüber den Tschechen benachteiligt. Sie erstreben eine föderale Struktur der CSSR.

Die Führung der kommunistischen Partei, der KPC, verliert die Kontrolle über den Erneuerungsprozess. Deshalb wählt das Präsidium im Januar 1968 Alexander Dubcek zum neuen Ersten Sekretär. Eigentlich ist der Slowake ein Kompromisskandidat von Reformern und slowakischen Föderalisten. Doch sein bescheidener Lebensstil und sein herzliches Auftreten lassen ihn schnell zur Symbolfigur für eine neue Tschechoslowakei werden.

„ ... Mensch, wir sind stärker als Ratten und Drachen. Und hatten's vergessen und immer gewusst“

Die Losung der neuen Parteiführung lautet „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, und sie fällt auf fruchtbaren Boden. Öffentlich wird über die Probleme des Landes diskutiert. Die Zensur wird abgeschafft. Die Medien berichten so vielseitig und objektiv wie lange nicht mehr. Es entstehen politisch unabhängige Gruppen. Erstmals in der Geschichte fürchtet sich eine kommunistische Führung nicht mehr vor ihrem eigenen Volk. Das Land öffnet sich dem Westen, und die Bürger können ungehindert ins Ausland reisen.

Aus der DDR reisen viele Menschen ins „Bruderland“, um einen Hauch jenes Frühlings zu genießen, und etliche junge DDR-Bürger sympathisieren mit dem Reformkurs. Viele meinen, in der DDR seien solche Veränderungen überfällig. In Moskau, Ost-Berlin und den anderen Hauptstädten der Warschauer-Pakt-Staaten beginnen die Herrschenden zu zittern. Im August 1968 marschieren ihre Truppen in die CSSR ein und zerschlagen die Hoffnung auf einen demokratischen Kommunismus.

Zitierempfehlung: „Prager Frühling“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung Oktober 2018, www.jugendopposition.de/145365

 


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