Kontext

Kontext

Redaktion

Kalter Krieg, Aufrüstung und Krisen weltweit: Überall wächst der Protest. Auch in der DDR formieren sich Opposition, Jugendkultur und Friedensbewegung gegen Kontrolle, Militarisierung und Repression.

International

In der ersten Hälfte der 1980er Jahre steht die Welt unter dem starken Eindruck des nahezu ungezügelten Wettrüstens zwischen der Interner Link: NATO und dem Interner Link: Warschauer Pakt. Noch nie, so fühlen viele Menschen in Ost und West, steht die Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs so dicht vor einem atomaren Inferno. Und nie zuvor gehen so viele Menschen gegen diese Bedrohung auf die Straßen.

Vor allem in der DDR, der Interner Link: ČSSR, Ungarn und Polen entwickelt sich eine von der Interner Link: Staatsdoktrin unabhängige Friedensbewegung, die nicht zuletzt eine Oppositionsbewegung gegen das unterdrückende System ist. Mit großer Sorge beobachten die Parteiführer des Interner Link: Ostblocks die Entwicklung in der Volksrepublik Polen. Mit der Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Interner Link: Solidarnosc bildet sich in einem sozialistischen Land erstmals seit dem Interner Link: Prager Frühling von 1968 wieder eine Interner Link: Opposition, die anscheinend nur noch mit offener Gewalt bekämpft werden kann: 1981 verhängt der Regierungs- und Parteichef Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht über das Land.

Auch die übrige Welt ist Anfang der 1980er Jahre nicht friedlicher gestimmt. Die Interner Link: Sowjetunion gerät seit ihrem Einmarsch in Afghanistan 1979 in starke außen- und innenpolitische Kritik sowie in militärische Bedrängnis durch die Mudschahedin. Die werden von den USA, Pakistan und den arabischen Ländern unterstützt. Erst 1989 findet dieser Krieg mit dem sieglosen Abzug der sowjetischen Truppen sein Ende.
Seit den 1980er Jahren entwickelt sich der Persische Golf zu einem weiteren blutigen Krisenherd. Im Irak verschafft sich Saddam Hussein 1979 die Herrschaft. Nach dem Sturz des persischen Schahs 1979 kommt im Iran eine fundamentalistische Führungsschicht unter Ayatollah Chomeini an die Macht. Nach militärischem Vorgeplänkel greifen im September 1980 irakische Truppen den Iran an – ein Krieg, der erst im August 1988 endet. Beide Kriegsparteien werden von den Großmächten sowie weiteren Ländern des Ost- und Westblocks mit Waffen ausgerüstet, unter ihnen auch die DDR. Der Irak wird dabei maßgeblich von den USA und der Iran von der Sowjetunion unterstützt.

Im August 1981 schießen amerikanische Flugzeuge 60 Meilen vor der Küste Libyens zwei libysche Militärmaschinen ab. Im April 1982 beginnt der Falklandkrieg zwischen Argentinien und England, der nach sechs Wochen mit einem Sieg Englands endet. Dem Einmarsch israelischer Truppen in den Libanon im Juni 1982 folgt ein Massaker christlicher Milizen an Frauen, Kindern und Greisen in zwei palästinensischen Flüchtlingslagern in Beirut. Daraus entwickelt sich ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Moslems und Christen.

Deutsche Demokratische Republik

„Interner Link: Sozialismus bedeutet Frieden!“ So lautet eine der gängigsten Parolen in der DDR, mit denen den Bürgern die Stationierung sowjetischer Atomraketen vom Typ SS 20 schmackhaft gemacht werden soll. Doch dem Volk zeigt sich ein ganz anderer Staat: Die Einführung des Schulfachs Interner Link: Wehrerziehung 1978 ist ein weiterer Schritt hin zur Militarisierung des Alltags. Im März 1982 wird ein neues Gesetz verkündet, wonach nun auch Frauen zur Armee eingezogen werden sollen – im Verteidigungsfall. Und in den Kindergärten singen schon die Kleinsten verklärte Lieder vom Soldatenleben.

Im Zuge einer Amnestie (= Straferlass, Begnadigung) zum 30. Jahrestag der DDR, durch die knapp 22.000 Gefangene vorzeitig in Freiheit kommen, wird 1979 nach internationalen Protesten auch der Systemkritiker Interner Link: Rudolf Bahro aus dem Gefängnis in die Bundesrepublik entlassen. Er ist ein Jahr zuvor zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Zur selben Zeit verschärft die Interner Link: Volkskammer das Strafrecht – auch für politische Straftaten. Die DDR-Führung verbietet den visafreien Reiseverkehr nach Polen ab dem 30. Oktober 1980. Sie reagiert damit auf die Entwicklung in der benachbarten Volksrepublik. Für die DDR-Bürger ist die Welt, in die sie reisen können, wieder ein Stück kleiner geworden. Ende 1984 sagt Interner Link: Erich Honecker unter Druck aus Moskau einen geplanten Besuch in der Bundesrepublik ab.

Die Opposition macht sich die Westmedien nun gezielt zunutze. Durch enge Kontakte zu Korrespondenten stellt sie eine größere Öffentlichkeitswirkung her, die gleichzeitig einen gewissen Schutzraum darstellt. Jede große Verhaftungsaktion der Interner Link: Stasi kann nun an die Weltöffentlichkeit gelangen – und das setzt die DDR-Führung mächtig unter Druck. Andererseits kommt es immer wieder vor, dass ebendiese Medienkontakte den Oppositionellen zum Verhängnis werden: Sie werden verhaftet. Das strafwürdige Vergehen lautet dann, wie im Falle von Roland Jahn und Manfred Hildebrandt: „Weitergabe von Informationen“.

Erst mit dem Verschwinden der DDR wird bekannt, dass die Obrigkeit des Terrors müde gewordenen RAF-Terroristen heimlich „Exil“ in der Republik gewährt hatte. Außerdem durften aktive Linksterroristen mit Kenntnis und Unterstützung des Interner Link: Ministeriums für Staatssicherheit (Interner Link: MfS) die DDR als Transitland und zeitweiligen Ruheraum nutzen. Aber auch Odfried Hepp, ein von der straffen Haltung der DDR-Staatsjugend Interner Link: FDJ begeisterter rechtsradikaler Bombenleger aus der Bundesrepublik, konnte Anfang der 1980er Jahre mithilfe des MfS zeitweilig in der DDR untertauchen.

Jugend in der DDR

In der Jugendkultur verliert der DDR-Staat Anfang der 1980er Jahre beinahe die Kontrolle über die bunter werdende Musikszene. Immer mehr neue, unangepasste Rock- und Punkbands verdrängen die etablierten, unkritischen DDR-Bands aus der Publikumsgunst. Es hagelt Auftrittsverbote, Aussprachen mit Kulturfunktionären, Stasi-Verhöre und Interner Link: Ausreiseanträge.

1982 initiiert die FDJ das erste große Konzert der Reihe „Rock für den Frieden“, bei der später auch ausgesuchte West-Musiker auftreten dürfen. Doch es gelingt nur teilweise, den Hunger der Jugend nach aktueller Musik zu stillen. Eine wichtigere Rolle spielen die Westmedien. Über Fernsehen und Radio können die Ostjugendlichen zusammen mit ihren Altersgenossen im Westen die neuesten Trends verfolgen. Nur, dass sie sich auf offiziellem Wege weder eine Platte noch ein Poster kaufen können.

Wie im benachbarten West-Berlin werden auch im Ostteil der Stadt – und in einigen anderen DDR-Städten – Häuser besetzt. Auf der Suche nach Wohnraum und einem selbst bestimmten Leben eignen sich junge Leute Wohnungen in Altbauten und Abrisshäusern an.

Bundesrepublik Deutschland

In der Bundesrepublik werden die thematischen Felder der neuen sozialen Bewegungen breiter. In West-Berlin und in Hamburg finden im großen Umfang Hausbesetzungen und harte Auseinandersetzungen mit der Polizei statt. Seit 1981 streiten Hunderte Bürgerinitiativen erfolgreich gegen die für 1983 geplante Volkszählung. Sie wird noch vor dem abschließenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts ausgesetzt.

Im Bundestag wechselt die FDP 1982 die Seite: Sie kündigt die Koalition mit der SPD auf und wird unter Bundeskanzler Helmut Kohl zum Juniorpartner in einer neuen Koalition mit der CDU/CSU. Der Kanzler verspricht eine geistig-moralische Wende. Im Kern wird die Deutschlandpolitik der sozialliberalen Koalition fortgesetzt. Die Grünen ziehen 1983 mit 27 Abgeordneten zum ersten Mal in den Bundestag ein. 1985 gibt es die erste Regierungsbeteiligung der Grünen in Hessen. Einige grüne Abgeordnete unterstützen die Oppositionsbewegung in der DDR tatkräftig.

Die Demonstrationen gegen den Interner Link: NATO-Doppelbeschluss, der zur Stationierung amerikanischer Pershing-II- und Interner Link: Cruise-Missiles-Raketen in der Bundesrepublik führt, ziehen 1981, 1982 und 1983 Hunderttausende auf die Straße. Am 22. Oktober 1983 versammeln sich im Bonner Hofgarten mehrere Hunderttausend Menschen zur bis dahin größten Demo in der deutschen Geschichte. Ab 1985 führen Großdemonstrationen mit mehr als 100.000 Teilnehmern gegen den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf zum Stopp des Projekts.

Nicht nur die Linksterroristen morden weiter. Auch rechtsradikale Anschläge häufen sich – zum Beispiel auf Asylantenunterkünfte. Beim Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest im September 1980 sterben 13 Menschen.

An der deutsch-deutschen Geheimdienstfront kann die DDR im August 1985 einen großen Erfolg feiern: Der für die Spionageabwehr im Bundesamt für Verfassungsschutz zuständige Regierungsdirektor, Hansjoachim Tiedge, läuft zur DDR über.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Artikel

Bewegter Frieden

Ein Aufnäher wird zum Symbol für die Friedensbewegung in der DDR. Das Ziel: Stopp der atomaren Aufrüstung in Ost und West.

Artikel

Prager Frühling

Was sich in diesen Monaten in der CSSR ereignet, wühlt die ganze Welt auf: Freiheit und Sozialismus sollen eine Einheit bilden.

Zeitzeuge

Roland Jahn

Roland Jahn wird am 8. Juni 1983 gegen seinen Willen ausgebürgert und mit Gewalt in die Bundesrepublik abgeschoben. In Knebelketten zum Grenzübergang Probstzella gebracht, sperrt man ihn in ein…

Artikel

Too much future

Aliens in der DDR: Die Wirkung, die die Punks im Arbeiter-und-Bauern-Staat hinterlassen, ist eigentlich nur mit der Landung von Außerirdischen zu vergleichen.

Artikel

Flugblatt gegen Wehrdienstgesetz

In Dresden und Ost-Berlin fordern Flugblätter eine Volksdiskussion zum Wehrdienstgesetz. Trotz intensiver Ermittlungen gelingt es der Stasi nicht, die 15 Beteiligten zu überführen.

Artikel

Wohnungsbesetzungen in Ost-Berlin

Junge Menschen in Ost-Berlin besetzen leerstehende Altbauten im Prenzlauer Berg, um der Wohnungsnot zu entkommen. Das Hoffen auf nachträgliche Mietverträge wird zum Ausdruck ihrer Unangepasstheit.

Artikel

Die Grünen und die DDR-Friedensbewegung

Solidarität mit der DDR-Opposition: Grüne Aktivisten protestieren auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin. Nach dem Entrollen eines Plakats folgt prompt die Festnahme.