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Proteste in Berlin

Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei stellen Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und Sanda Weigl am 22. August 1968 rund 500 handgeschriebene Flugblätter mit verschiedenen Losungen her. Quelle: BStU,...
Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei stellen Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und Sanda Weigl am 22. August 1968 rund 500 handgeschriebene Flugblätter mit verschiedenen Losungen her. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Bd. 1
Flugblatt von Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und Sanda Weigl gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei. Die Flugblätter verteilen sie in der Nacht vom 22. auf den 23. August 1968 in Ost-Berlin. Quelle:...
Flugblatt von Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und Sanda Weigl gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei. Die Flugblätter verteilen sie in der Nacht vom 22. auf den 23. August 1968 in Ost-Berlin. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Bd. 1
Nach der Verhaftung ihres Freundes Thomas Brasch, mit dem sie ein Kind zusammen hat, setzt Bettina Wegner die Flugblattaktion mit eigenen Losungen fort. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Bd. 1
Nach der Verhaftung ihres Freundes Thomas Brasch, mit dem sie ein Kind zusammen hat, setzt Bettina Wegner die Flugblattaktion mit eigenen Losungen fort. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Bd. 1
Ein Flugblatt, das Bettina Wegner nach der Verhaftung ihres Freundes Thomas Brasch schreibt und in Ost-Berlin verteilt. Kurze Zeit später wird sie ebenfalls von der Staatssicherheit verhaftet. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Bd. 1
Ein Flugblatt, das Bettina Wegner nach der Verhaftung ihres Freundes Thomas Brasch schreibt und in Ost-Berlin verteilt. Kurze Zeit später wird sie ebenfalls von der Staatssicherheit verhaftet. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Bd. 1
Alle Hände voll zu tun für die Stasi: Hier die vom MfS gesammelten handschriftlichen Flugblätter der Gruppe um Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und Sanda Weigl. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Bd. 1
Alle Hände voll zu tun für die Stasi: Hier die vom MfS gesammelten handschriftlichen Flugblätter der Gruppe um Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und Sanda Weigl. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Bd. 1
„Staatsfeindliche Hetze“: Bericht des MfS über die Flugblattaktion von Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold, Sanda Weigl und Bettina Wegner. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Seite 1 von 2
„Staatsfeindliche Hetze“: Bericht des MfS über die Flugblattaktion von Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold, Sanda Weigl und Bettina Wegner. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Seite 1 von 2
„Staatsfeindliche Hetze“: Bericht des MfS über die Flugblattaktion von Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold, Sanda Weigl und Bettina Wegner. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Seite 2 von 2
„Staatsfeindliche Hetze“: Bericht des MfS über die Flugblattaktion von Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold, Sanda Weigl und Bettina Wegner. Quelle: BStU, MfS, AU 339/90, Seite 2 von 2
Am 24. August 1968 verteilen drei Berliner Schüler dieses und andere Flugblätter im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin. Quelle: BStU, MfS, AU 6265/72
Am 24. August 1968 verteilen drei Berliner Schüler dieses und andere Flugblätter im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin. Quelle: BStU, MfS, AU 6265/72
Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings muss das MfS zur Kenntnis nehmen, dass viele DDR-Bürger die Besetzung der Tschechoslowakei mit dem Einmarsch der Wehrmacht 1938 gleichsetzen. Nach 1989 stellt sich heraus, dass die NVA – entgegen der SED-Verlautbarungen...
Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings muss das MfS zur Kenntnis nehmen, dass viele DDR-Bürger die Besetzung der Tschechoslowakei mit dem Einmarsch der Wehrmacht 1938 gleichsetzen. Nach 1989 stellt sich heraus, dass die NVA – entgegen der SED-Verlautbarungen – an der Besetzung gar nicht unmittelbar beteiligt war. Am 24. August 1968 verteilen drei Berliner Schüler dieses und andere Flugblätter im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin. Quelle: BStU, MfS, AU 6265/72
Aderlass der DDR-Kultur. Foto: Schriftsteller Thomas Brasch (33) in seiner Wohnung. Berlin (Berlin West), 10. 07. 1978. Der Autor und Filmemacher Brasch übersiedelte 1976 mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach und ihrer Tochter nach West-Berlin....
Aderlass der DDR-Kultur. Foto: Schriftsteller Thomas Brasch (33) in seiner Wohnung. Berlin (Berlin West), 10. 07. 1978. Der Autor und Filmemacher Brasch übersiedelte 1976 mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach und ihrer Tochter nach West-Berlin. Er war Mitunterzeichner der Resolution gegen die Ausbürgerung Biermanns und durfte nicht mehr publizieren. Zuvor hatte er 1968 die Hochschule für Film und Fernsehen (Babelsberg) verlassen müssen und wurde wegen staatsfeindlicher Hetze zu Gefängnis verurteilt. Nachtrag: Brasch starb im November 2001 im Alter von 56 Jahren in Berlin an Herzversagen. Quelle: Archiv StAufarb, Bestand Klaus Mehner, 78_0710_KUL_ThBrasch_06
Die CSSR als Vorbild: In der DDR solidarisieren sich 1968 etliche junge Leute mit den Ideen des Prager Frühlings. Auf der zentralen Mai-Demonstration 1968 in Ost-Berlin führen zwei Männer ein selbst gefertigtes Transparent mit. Kurz nach Entstehen...
Die CSSR als Vorbild: In der DDR solidarisieren sich 1968 etliche junge Leute mit den Ideen des Prager Frühlings. Auf der zentralen Mai-Demonstration 1968 in Ost-Berlin führen zwei Männer ein selbst gefertigtes Transparent mit. Kurz nach Entstehen dieser MfS-Aufnahme schreiten Sicherheitskräfte ein und nehmen die beiden fest.
Quelle: BStU, MfS, SdM 1103/94

Ab etwa 1965 bildet sich ein Freundeskreis von Berliner Oberschülern und Studierenden. Einige von ihnen sind Kinder von prominenten Intellektuellen und hohen SED-Funktionären. In der Schule, an der Universität oder im Alltag verhalten sie sich provozierend. Die jungen Leute treffen sich unverhohlen in bekannten Kaffeehäusern im Zentrum von Berlin. Der Kreis hat nichts Verschwörerisches an sich, er steht allen Interessierten offen.

Zur Gruppe gehören Rosita Hunzinger und Erika Berthold, die gemeinsam die Schule besuchen. Im Sommer 1968 sind beide 18 Jahre alt. Rosita Hunzinger ist die Tochter der bekannten Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, deren Haus am Rande von Berlin ein beliebter Treffpunkt der intellektuellen Szene aus Ost und West ist. Erika Berthold ist die Tochter von Professor Lothar Berthold, dem Direktor des Instituts für Marxismus-Leninismus (IML) beim Zentralkomitee der SED. Sie hat ein Liebesverhältnis mit dem 18-jährigen Frank Havemann, dem Sohn des von der SED gemaßregelten Professors Robert Havemann. Der Professor für Chemie lebt seit seiner Entlassung vom Lehramt in Grünheide außerhalb von Berlin.

Kinder von Berliner Intellektuellen werden aufsässig

Zu dem Kreis gehören auch der 23-jährige Student Thomas Brasch, ein angehender Dichter und Sohn des stellvertretenden Kulturministers. Außerdem mit von der Partie: die 20-jährige Studentin Sanda Weigl und der 18-jährige Hans-Jürgen Uszkoreit, der die Schule abgeschlossen hat und in einem Betrieb arbeitet.

Der Einmarsch der Armeen des Warschauer Paktes am 21. August 1968 in die Tschechoslowakei trifft die Jugendlichen tief und unvorbereitet. Spontan beginnen sie mit unkoordinierten Widerstandsaktionen. Zu diesem Zeitpunkt hat sie das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) längst im Visier.

Noch am Abend des 21. August 1968 schreiben Frank Havemann und Hans-Jürgen Uszkoreit „Dubcek“ an vier Häuserwände, denn Alexander Dubcek, Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der CSSR (KPC), ist die Symbolfigur des Prager Frühlings. Außerdem verteilen sie 45 Flugblätter mit dem Lied von Wolf Biermann: „In Prag ist Pariser Kommune“.

Im Laufe des 22. August stellen Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und Sanda Weigl rund 500 handgeschriebene Flugblätter her: „Warschauer Vertrag raus aus Prag!“, „Es lebe das rote Prag!“, „Hoch Dubcek!“. Ihre Losungen verteilen sie in der Nacht in Telefonzellen und Hausbriefkästen.

„Hoch Dubcek!“: Gefährliche Solidarität mit Prag

Am nächsten Tag kommt es zu ersten Verhaftungen. An der Aktion beteiligen sich noch andere Jugendliche, deren Tatbeteiligung aber geringer eingeschätzt wird. Sie werden zwar mehrfach zu Vernehmungen beim MfS einbestellt, aber nicht angeklagt.

In der Nacht auf den 24. August setzt die Freundin des bereits verhafteten Thomas Brasch, Bettina Wegner, die Flugblattaktion fort. Sie wird ebenfalls verhaftet. (Im Zeitzeugen-Video berichtet Bettina Wegner über diese turbulenten Zeiten.)

Es kommt zur Verhandlung, an der ausgewählte Vertreter der Bildungseinrichtungen und Arbeitsstellen der Angeklagten teilnehmen – und natürlich Mitarbeiter des Parteiapparats und des MfS. Auch die Eltern der Jugendlichen sitzen im Gerichtssaal. Verhandelt werden jedoch kaum die „Taten“, denn deren strafrechtliche Relevanz ist schwer zu begründen. So ist Alexander Dubcek, dessen Namen die Angeklagten an Häuserwände geschrieben haben, zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung immer noch Vorsitzender der tschechoslowakischen Bruderpartei und wird in Moskau mit allen Ehren empfangen. Vor Gericht werden lange Gutachten verlesen, die den staatsfeindlichen Charakter der Gedichte Wolf Biermanns und der Auffassungen von Robert Havemann beweisen sollen.

Prominentenkinder: Freiheitsentzug, Einweisung, Repressionen

Am 21. und 22. sowie am 24. und 25. Oktober 1968 findet vor dem Strafsenat des Stadtgerichts Groß-Berlin die Hauptverhandlung statt. Am 28. Oktober 1968 ergehen folgende Urteile: Die Angeklagten Thomas Brasch und Rosita Hunzinger werden zu jeweils zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Sanda Weigl bekommt zwei Jahre, Erika Berthold ein Jahr und zehn Monate, Frank Havemann ein Jahr und sechs Monate, Hans-Jürgen Uszkoreit ein Jahr und drei Monate. Für den minderjährigen Florian Havemann wird die Einweisung in ein Jugendhaus beantragt.

Am 7. November 1968, dem Tag des Strafantritts, wird den Verurteilten Hans-Jürgen Uszkoreit, Sanda Weigl und Erika Berthold mitgeteilt, dass ihre Haftstrafe in Bewährung umgewandelt wird. Am 11. und 12. November 1968 erhalten die noch in Haft befindlichen Verurteilten Thomas Brasch, Rosita Hunzinger und Frank Havemann die Mitteilung, dass ihre Haftstrafen ausgesetzt werden. Sie werden alle aus dem Gefängnis entlassen.

Die Aktionen der Prominentenkinder werden durch die Westmedien bekannt. Zu Recht wird ihr Protest als die Spitze eines Eisbergs gesehen: Allein in Ost-Berlin registriert das MfS 389 Flugblattaktionen mit insgesamt 3.528 Flugblättern sowie 272 Losungen gegen den Einmarsch in die CSSR. In diesen Monaten werden zahlreiche junge Menschen verhaftet. Trotz drohender Schulentlassungen und Universitätsverweise weigern sich viele Mitschüler und Kommilitonen, die „konterrevolutionären Aktionen“ zu verurteilen.

Um die Wogen etwas zu glätten, tritt die SED-Führung ab Ende Oktober 1968 nachgiebiger auf. Sie fürchtet, die Söhne und Töchter aus der SED-Führungsschicht mit zu harten Reaktionen dauerhaft ins gesellschaftliche Abseits zu drängen.

Mehrheitlich sind an den Aktionen um den Prager Frühling jedoch keine Prominentenkinder beteiligt, sondern Lehrlinge und Jungarbeiter, die nicht durch westliche Medien oder ihre Eltern geschützt sind.

Zitierempfehlung: „Proteste in Berlin“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2017, www.jugendopposition.de/145443

 


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