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Fünf Minuten Schweigen für Ungarn

Ein Foto aus unbeschwerten Tagen: Die Klasse 9 der Kurt-Scheffel-Oberschule in Storkow im Schuljahr 1953/54. Das neue Schulgebäude im Hintergrund wurde aus den Steinen zerbombter Häuser der Stadt errichtet. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Ein Foto aus unbeschwerten Tagen: Die Klasse 9 der Kurt-Scheffel-Oberschule in Storkow im Schuljahr 1953/54. Das neue Schulgebäude im Hintergrund wurde aus den Steinen zerbombter Häuser der Stadt errichtet. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Zum Heimatfest in Storkow 1956 tritt die Volkstanzgruppe an, in der sich viele Schülerinnen und Schüler der Kurt-Scheffel-Oberschule engagieren. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Zum Heimatfest in Storkow 1956 tritt die Volkstanzgruppe an, in der sich viele Schülerinnen und Schüler der Kurt-Scheffel-Oberschule engagieren. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Die Lehrer Wolfgang Fricke (Mathematik), Paul Holz (Deutsch) und Gustav Kassner (Klassenlehrer) auf einer Klassenfahrt 1956. Nur sieben Lehrer und zwei Aushilfslehrer unterrichteten 1956 an der Kurt-Scheffel-Oberschule in Storkow. „Die einen kamen vom...
Die Lehrer Wolfgang Fricke (Mathematik), Paul Holz (Deutsch) und Gustav Kassner (Klassenlehrer) auf einer Klassenfahrt 1956. Nur sieben Lehrer und zwei Aushilfslehrer unterrichteten 1956 an der Kurt-Scheffel-Oberschule in Storkow. „Die einen kamen vom Gestern (Weimarer Republik und Nationalsozialismus), sie sprachen nicht vom Gestern, weil ihnen das Heute das Gestern verbot. Sie sprachen nicht vom Morgen, weil sie dem Morgen mit Skepsis begegneten. Die anderen standen im Heute und sprachen vom Morgen, weil sie das Gestern als verdammtes Gestern definierten und das Heute verklärten mit der Aussicht vom Morgen.“ (Aus: Dietrich Garstka, Das fliegende Klassenzimmer). Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Der junge Mathematik- und Lateinlehrer Fricke, hier 1956 in Storkow, hat als einziger Lehrer an der Kurt-Scheffel-Oberschule ein DDR-Hochschulstudium absolviert. Er imponiert den Schülern durch seine lässige Art und seine westliche Kleidung. Quelle:...
Der junge Mathematik- und Lateinlehrer Fricke, hier 1956 in Storkow, hat als einziger Lehrer an der Kurt-Scheffel-Oberschule ein DDR-Hochschulstudium absolviert. Er imponiert den Schülern durch seine lässige Art und seine westliche Kleidung. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Erntefest in Storkow – die Volkstanzgruppe marschiert auf: Dietrich Garstka im Kreise jüngerer Mädchen aus unteren Klassen. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Erntefest in Storkow – die Volkstanzgruppe marschiert auf: Dietrich Garstka im Kreise jüngerer Mädchen aus unteren Klassen. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Ein Ausflug nach Stalinstadt (heute Eisenhüttenstadt) am 1. Juni 1956. 7 Monate später wird sich das Leben aller verändern. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Ein Ausflug nach Stalinstadt (heute Eisenhüttenstadt) am 1. Juni 1956. 7 Monate später wird sich das Leben aller verändern. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Direktor Georg Schwerz, Jahrgang 1925, ist Neulehrer und Mitglied der SED. Als Direktor hat er den Auftrag, den Vorfall mit der Schweigeminute zu untersuchen. Georg Schwerz 1956 auf einem Bauernhof. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Direktor Georg Schwerz, Jahrgang 1925, ist Neulehrer und Mitglied der SED. Als Direktor hat er den Auftrag, den Vorfall mit der Schweigeminute zu untersuchen. Georg Schwerz 1956 auf einem Bauernhof. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Zusammen mit Direktor Georg Schwerz und Werner Mogel (FDJ-Sekretär) verhört der ehemalige Direktor der Kurt-Scheffel-Oberschule Hans Mehling, als Vertreter des Kreisschulamtes Beeskow, die Schüler. Hans Mehling 1955. Quelle: Privat-Archiv Dietrich...
Zusammen mit Direktor Georg Schwerz und Werner Mogel (FDJ-Sekretär) verhört der ehemalige Direktor der Kurt-Scheffel-Oberschule Hans Mehling, als Vertreter des Kreisschulamtes Beeskow, die Schüler. Hans Mehling 1955. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Dietrich Garstkas damalige Freundin Marion 1956. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Dietrich Garstkas damalige Freundin Marion 1956. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
Zwölf der insgesamt 14 geflüchteten Oberschüler aus Storkow auf einer Streiftour durch West-Berlin am 31. Dezember 1956. Quelle: ullstein bild - Bildarchiv
Zwölf der insgesamt 14 geflüchteten Oberschüler aus Storkow auf einer Streiftour durch West-Berlin am 31. Dezember 1956. Quelle: ullstein bild - Bildarchiv
Die Ankunft der Oberschüler am 8. Januar 1957 auf dem Frankfurter Flughafen, von dem aus sie zum bischöflichen Konvikt in Bensheim an der Bergstraße gebracht werden, um dort ihren Schulabschluss zu machen. Nach ihrer Flucht in den Westen erhalten die...
Die Ankunft der Oberschüler am 8. Januar 1957 auf dem Frankfurter Flughafen, von dem aus sie zum bischöflichen Konvikt in Bensheim an der Bergstraße gebracht werden, um dort ihren Schulabschluss zu machen. Nach ihrer Flucht in den Westen erhalten die insgesamt 16 Schüler durch die unbürokratische Vermittlung des Beauftragten für das Studienwerk für heimatvertriebene Schüler, Tillmann, im Januar 1957 eine Unterbringungs- und Unterrichtsmöglichkeit in Bensheim an der Bergstraße. Quelle: ullstein bild - Bildarchiv
In neuer Umgebung: Die Klasse in Bensheim, 1957. Quelle: Schermer/Stadtarchiv Bensheim
In neuer Umgebung: Die Klasse in Bensheim, 1957. Quelle: Schermer/Stadtarchiv Bensheim
Oberstudienrat Walter Sauer (links) gratuliert im Januar 1957 im Aufbaugymnasium in Bensheim den beiden neuen Klassensprechern Bernd-Jürgen Weimann (links) und Dieter Portner zu ihrer Wahl. Quelle: picture-alliance/dpa/Heinz-Jürgen Göttert
Oberstudienrat Walter Sauer (links) gratuliert im Januar 1957 im Aufbaugymnasium in Bensheim den beiden neuen Klassensprechern Bernd-Jürgen Weimann (links) und Dieter Portner zu ihrer Wahl. Quelle: picture-alliance/dpa/Heinz-Jürgen Göttert
50 Jahre später: Die Klasse 2006 auf ihren alten Plätzen im „Stufenraum“, dem Ort der ersten Schweigeminuten. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka
50 Jahre später: Die Klasse 2006 auf ihren alten Plätzen im „Stufenraum“, dem Ort der ersten Schweigeminuten. Quelle: Privat-Archiv Dietrich Garstka

Während der Weihnachtstage 1956, zwei Monate nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands, flüchten nahezu alle Schülerinnen und Schüler einer 12. Klasse der Kurt-Steffelbauer-Oberschule aus dem kleinen Städtchen Storkow in der Mark Brandenburg nach West-Berlin. Wenige Monate später hätten sie das Abitur in der Tasche gehabt. Warum flüchten sie kurz vor dem Schulabschluss?

Dabei beginnt das Jahr 1956 vielversprechend. Im Februar prangert der neue Vorsitzende der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Nikita Chruschtschow, auf dem XX. Parteitag seiner Partei die Verbrechen Stalins an. Im gesamten Ostblock entwickelt sich eine kurze Phase der innenpolitischen Liberalisierung. Dass der zuvor gottähnlich verehrte Genosse Stalin nun als Verbrecher dargestellt wird, führt unter den Parteimitgliedern der KPdSU zu einer tiefen Glaubenskrise.
Auch die Genossen der SED in der DDR üben öffentlich Selbstkritik. Ein Ende stalinistischer Terrormethoden ist am Horizont. Doch im Herbst 1956 verändert sich die Lage wieder dramatisch, ausgelöst durch den Posener Aufstand in Polen im Juni und den Ungarn-Aufstand im November.

Diese Ereignisse schlagen auch die Oberschüler aus Storkow in ihren Bann. Als über den Westberliner Sender RIAS dazu aufgerufen wird, mit einer Schweigeminute der Toten in Ungarn zu gedenken, verabreden sich die Schüler der 12. Klasse der Storkower Oberschule am 29. Oktober spontan, von 10.00 bis 10.05 Uhr zu schweigen, auf keine Frage des Lehrers zu antworten. Einigen ist mulmig zumute, doch alle beteiligen sich. Der Geschichtslehrer, zugleich FDJ- und Parteisekretär der Schule, ist irritiert, aber unternimmt zunächst nichts.
Am nächsten Tag macht die Meldung die Runde, dass Ferenc Puskás, der beliebte Spielführer der damals legendären ungarischen Fußballnationalmannschaft, im Kampf gegen die Rote Armee gefallen sei. Erneut entscheidet sich die Klasse während einer Freistunde zu einer Schweigeminute. Später stellt sich heraus, dass die Nachricht über Puskás Tod eine Falschmeldung ist.

Fast zwei Wochen vergehen, ohne das etwas geschieht. Die Schüler bereiten sich auf die Abiturprüfungen vor, die Schweigeaktion ist fast vergessen. Doch plötzlich werden einzelne zum Direktor gerufen und verhört. Er will die Namen des oder der Rädelsführer wissen, kriegt aber nichts raus. Zunächst erhält die gesamte Klasse beim montäglichen Fahnenappell eine Rüge. Doch dann werden das MfS, die SED-Bezirksleitung und der Zentrale Parteiapparat in Berlin von der Schulleitung informiert.

Selbst der Minister für Volksbildung, Fritz Lange, reist an und fordert von der Klasse in rüdem Ton, die Rädelsführer preiszugeben – vergeblich. Nun erhalten die Schülerinnen und Schüler ein Ultimatum: Wenn nicht alsbald die Rädelsführer genannt werden, wird die gesamte Klasse der Schule verwiesen – mit dem Abitur wäre es endgültig aus. Der Druck auf die Schüler und deren Eltern wächst, doch die Klasse hält weiter zusammen, zumal es bei dieser spontanen Aktion keine Rädelsführer gab.

Die meisten sehen nur noch einen Ausweg – die Flucht. Sie fällt den Schülern besonders schwer, denn alle fühlen sich mit ihren Familien eng verbunden. Von den 20 Schülerinnen und Schülern verbleiben daher vier Mädchen in der DDR.

„Doch während die Schweigenden verstummen, hören die Diktatoren zu. Bis sie die Sprache des Schweigens verstanden haben.“ So erklärt Jahrzehnte später Dietrich Garstka, einer der Beteiligten, warum die Schüler sich gezwungen sehen, das Weihnachtsfest 1956 nicht im Kreis ihrer Familien, sondern in einem Westberliner Flüchtlingslager zu verbringen. Im März 1957 können er und 15 weitere Klassenkameraden in Bengstheim an der Bergstraße das Abitur nachholen.

Dies ist nicht die erste Flucht einer Schulklasse. Bereits im Juni 1950 bitten 25 Schüler der Potsdamer Einstein-Oberschule in West-Berlin um politisches Asyl. Sie haben sich u.a. geweigert, der FDJ beizutreten. Daraufhin wird die gesamte Oberstufe der Schule aufgelöst.

Zitierempfehlung: „Fünf Minuten Schweigen für Ungarn“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung November 2017, www.jugendopposition.de/145437


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