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Chronik

1986

Januar

1986 verlassen 26.178 Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik.

Spanien und Portugal treten der EG bei.

Mehrere Tausend Polizisten räumen das Hüttendorf, das Gegner der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf im Taxöldner Forst errichtet haben.

US-Präsident Ronald Reagan verhängt einen totalen Wirtschaftsboykott gegen Libyen. Der Appell an die Verbündeten der USA, sich am Boykott zu beteiligen, stößt auf Ablehnung. Die Bundesregierung lehnt, wie auch andere europäische Staaten, eine Beteiligung ab.

Der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow schlägt in Moskau einen Drei-Stufen-Plan für den Abbau aller Atomwaffen bis zum Jahr 2000 vor. Der Westen reagiert überwiegend positiv auf seine Vorschläge.

Anträge der SPD und der Grünen, den Umweltschutz als Staatsziel ins Grundgesetz aufzunehmen, scheitern im Bundestag an der Haltung der CDU/CSU.

Das Ministerium für Staatssicherheit bereitet Internierungslisten vor, Oppositionelle sollen im „Spannungsfall“ in gesonderte Lager eingewiesen werden.

Mitglieder der Initiative Frieden und Menschenrechte im Oktober 1987 im Hof der Rykestraße 28 in Ost-Berlin. V.l.n.r. (ohne Kinder): Ulrike Poppe, Martin Böttger, Antje Böttger, Monika Haeger (IM des MfS), Stephan Bickhardt, Ralf Hirsch, Reiner Dietrich (IM des MfS), Wolfgang Templin, Regina Templin. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / Gerd Poppe

Gründung der Oppositionsgruppe Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM).
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Kurz nach dem Start explodiert die amerikanische Raumfähre „Challenger“. Alle sieben Besatzungsmitglieder kommen bei der bisher schwersten bekannten Katastrophe der Raumfahrt ums Leben. Die NASA setzt daraufhin alle bemannten Raumflüge auf unbestimmte Zeit aus.

Februar

Der Präsident Haitis, Jean-Claude Duvalier, genannt „Baby Doc“, wird nach monatelangen Unruhen gestürzt und muss das Land verlassen. Ein militärisch-ziviles Gremium übernimmt die Regierungsgeschäfte. Baby Doc hat 1971 die Macht von seinem Vater François, genannt „Papa Doc“, übernommen und mit Hilfe der paramilitärischen Organisation Tontons Macoutes (Schreckgespenster) dessen Terrorregime fortgesetzt.

Auf der Glienicker Brücke zwischen West-Berlin und Potsdam werden der sowjetische Regimekritiker Anatoli Schtscharanski sowie drei westliche Agenten gegen fünf östliche Agenten ausgetauscht.

Mehr als 150.000 Menschen nehmen in Dresden an der Gedenkkundgebung zum Jahrestag der Bombardierung der Stadt teil.

Auf Einladung der SPD-Bundestagsfraktion kommt Horst Sindermann (SED), Präsident der DDR-Volkskammer, nach Bonn. Er wird von führenden Sozialdemokraten und von Bundespräsident Philipp Jenninger (CDU) empfangen.

In Moskau wird der XXVII. Parteitag der KPdSU eröffnet. Parteichef Michail Gorbatschow kündigt „radikale Reformen“ in der Wirtschaft an. Philippinen: Präsident Marcos wird unblutig gestürzt.

Der philippinische Präsident Ferdinand E. Marcos verlässt unter dem Druck der Opposition, der USA sowie der Rebellion eigener Anhänger die Philippinen und geht ins Exil nach Hawaii. Neue Präsidentin wird Corazón Aquino.

Der schwedische Ministerpräsident Olof Palme wird in Stockholm von einem Unbekannten erschossen.

März

Als neuer Jugendsender des Rundfunks der DDR wird das Jugendradio DT 64 eingeführt.

Aus den Parlamentswahlen in Frankreich gehen die bürgerlichen Parteien als Sieger hervor und erreichen die absolute Mehrheit der Mandate. Stärkste Fraktion bleiben die bislang regierenden Sozialisten. Der rechtsradikalen Nationalen Front von Jean-Marie Le Pen gelingt mit 35 Mandaten der Einzug ins Parlament. Premierminister wird der Neo-Gaullist Jacques Chirac. Präsident bleibt der seit 1981 amtierende Sozialist François Mitterrand.

In Washington unterschreiben Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann und US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger zwei Abkommen über die Beteiligung deutscher Firmen am US-Forschungsprogramm eines Weltraum-gestützten Raketenabwehrsystems SDI.

April

Mitglieder der Initiative Frieden und Menschenrechte richten einen Brief an den XI. Parteitag der SED. Sie fordern, Andersdenkende nicht länger auszugrenzen, sondern den Dialog mit Ihnen zu führen.

Bei einem Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek „La Belle“, in der auch US-Soldaten verkehren, werden zwei Menschen getötet und rund 200 verletzt. Die amerikanische Regierung erklärt, sie habe Beweise, dass der Anschlag von einer libyschen Terrororganisation verübt worden sei.

Als Vergeltung für frühere Terroranschläge und das Berliner Bombenattentat vom 5. April bombardieren die Amerikaner das Hauptquartier Muamar al Gaddafis in Tripolis/Libyen und militärische Einrichtungen in Bengasi/Libyen. Wegen des amerikanischen Luftangriffs auf Libyen sagt die Sowjetunion ein für Mitte Mai in Washington geplantes amerikanisch-sowjetisches Außenministertreffen ab.

Auf dem XI. Parteitag der SED erklärt Gastredner Michail Gorbatschow, dass „Selbstkritik die unablässige Voraussetzung für den Erfolg“ sei.

Erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft zwischen Eisenhüttenstadt und Saarlouis.

"Westliche Panikmache": Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl spielt die parteiamtliche Presse die Gefahren herunter. Hier ein Beispiel aus der FDJ-Zeitung Junge Welt. Eine Abschrift des Artikels wird auf der Themenseite angeboten. Quelle: Junge Welt vom 2. Mai 1986

GAU in der Sowjetunion: Im Atomkraftwerk Tschernobyl bei Kiew explodiert ein Reaktorblock, große Mengen Radioaktivität treten aus. Die Reaktorkatastrophe spielt eine entscheidende Rolle für die Formierung der Oppositionsbewegung in der DDR.
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Mai

Auf dem 12. Weltwirtschaftsgipfel in Tokyo werden Erklärungen zum Terrorismus, zur Nutzung der Kernenergie und zu Wirtschaftsfragen verabschiedet.

Unterzeichnung des deutsch-deutschen Kulturabkommens.

Die EG stoppt die Einfuhr von durch das Reaktorunglück in Tschernobyl Strahlen-geschädigten Lebensmitteln aus den osteuropäischen Ländern bis zum 31. Mai 1986.

Der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow fordert in der ersten öffentlichen Stellungnahme zum Reaktorunglück in Tschernobyl zur internationalen Zusammenarbeit in Atomenergiefragen auf.

Bei den bislang heftigsten Ausschreitungen am Bauzaun der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in Bayern werden mehr als 300 Menschen, darunter 157 Polizisten, verletzt.

US-Präsident Ronald Reagan erklärt, dass die USA die Bestimmungen des (nicht ratifizierten) SALT II-Rüstungskontrollabkommens mit der UdSSR nicht länger einhalten werden. Er begründet dies mit der fortwährenden Aufrüstung der Sowjetunion.

Juni

Bundeskanzler Helmut Kohl gibt die Einrichtung eines Bundesumweltministeriums bekannt. Erster Bundesumweltminister wird am 6. Juni Walter Wallmann (CDU).

Scheinwahlen zur Volkskammer. 99,94 Prozent der Stimmen sollen für die Einheitsliste der Nationalen Front abgegeben worden sein, vermelden die DDR-Medien.

Kurt Waldheim wird in Österreich zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Anfang März des Jahres drangen erste Berichte über die Nazi-Vergangenheit Kurt Waldheims an die Öffentlichkeit.

Nach Rassenauseinander-setzungen wird über die ganze Republik Südafrika der Ausnahmezustand verhängt. Anlass ist der zehnte Jahrestag der Unruhen von Soweto 1976.

DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker trifft zu einem dreitägigen Staatsbesuch in Schweden ein. Vertreter beider Länder unterzeichnen Verträge zum Ausbau des Handels und zu Rechtsfragen.

Das US-amerikanische Repräsentantenhaus bewilligt US-Präsident Ronald Reagan die geforderten 100 Millionen Dollar für die militärische Unterstützung der Contras, die in Nicaragua gegen die linksgerichtete Regierung kämpfen.

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag stellt in einem Urteil fest, dass die USA durch die Verminung von Häfen in Nicaragua 1984 und durch die Unterstützung der antisandinistischen Contra-Rebellen gegen internationale Verpflichtungen und bilaterale Abkommen verstoßen. Die Aufforderung des Gerichts, Nicaragua für die entstandenen Verluste zu entschädigen, wird von den USA nicht akzeptiert.

Unzensiert, illegal, riskant: Die erste Ausgabe des grenzfalls vom 29. Juni 1986. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Die erste Ausgabe der Samisdat-Zeitschrift grenzfall der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) erscheint.
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Juli

In Straßlach bei München werden der Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und sein Fahrer durch einen ferngezündeten Sprengkörper getötet. Zu dem Mordanschlag bekennt sich ein Kommando der RAF.

Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher vereinbart in Moskau mit Michail Gorbatschow, in den deutsch-sowjetischen Beziehungen „eine neue Seite aufzuschlagen“.

US-Präsident Ronald Reagan erklärt sich in einem Antwortschreiben auf die jüngsten Abrüstungsinitiativen des sowjetischen Parteichefs Michail Gorbatschow bereit, die Stationierung von Weltraumwaffen (SDI) um fünf bis sieben Jahre aufzuschieben.

In Burglengenfeld bei Wackersdorf veranstalten Kernkraftgegner ein friedlich verlaufendes Anti-WAAhnsinns-Festival, bei dem zahlreiche prominente Rockmusiker unentgeltlich vor 100.000 Zuschauern auftreten. Auf der Bühne stehen unter anderem BAP, Udo Lindenberg, Rio Reiser, die Toten Hosen und Herbert Grönemeyer.

Bundeskanzler Helmut Kohl kritisiert in einem Interview das Vorgehen der DDR, Asylbewerber über West-Berlin in die Bundesrepublik abzuschieben. Am 10. August erklärt das Außenministerium der DDR, dass die DDR als Transitland keinen Grund habe, die Durchreise von Ausländern nach West-Berlin zu verweigern. Am 18. September verschärft die DDR dennoch die Einreisebestimmungen und verringert damit die Zahl der Asylbewerber, die über Ost-Berlin in die Bundesrepublik einreisen.

In einer Grundsatzrede zur Innen- und Außenpolitik in Wladiwostock kündigt der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow einen Teilabzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan an. Bis Ende 1986 sollen sechs Regimenter das Land verlassen haben.

August

Der US-Bürger John Runnings klettert auf die Berliner Mauer und schlägt Mauerstücke heraus.

In Südafrikas größter Schwarzensiedlung Soweto bei Johannesburg kommt es zu den blutigsten Zusammenstößen zwischen der Polizei und schwarzen Demonstranten seit der Verhängung des Kriegsrechts am 12. Juni 1986.

September

Mitinitiator und Herausgeber der Umweltblätter Wolfgang Rüddenklau, hier beim Sortieren und Heften einer neuen Ausgabe am 25. Juni 1987. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Ann-Christine Jansson

Die Umwelt-Bibliothek (UB) in Ost-Berlin wird eröffnet.
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In Ost-Berlin demonstrieren Mitglieder der Umweltschutzorganisation Greenpeace vor dem DDR-Ministerium für Umweltschutz gegen die Salzeinleitung der Kalibergwerke der DDR in die Werra. Volkspolizisten beenden die Aktion nach wenigen Minuten und schieben die Greenpeace-Aktivisten nach West-Berlin ab.

In Brüssel verständigen sich die Außenminister der EG-Staaten auf Wirtschaftssanktionen gegen Südafrika. Das Bundeskabinett erklärt sich jedoch außerstande, den Beschlüssen zuzustimmen.

Der Kanzlerkandidat der SPD, Johannes Rau, gibt bekannt, dass die DDR den Asylantenstrom von Ost- nach West-Berlin unterbinden wird. Als Gegenleistung für die SPD-Wahlkampfhilfe hat Egon Bahr – im Falle einer Regierungsübernahme durch die SPD – die Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft angekündigt.

Eisenhüttenstadt und Saarlouis unterzeichnen erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft in Saarlouis.

Oktober

Das Kernkraftwerk Brokdorf wird trotz zahlreicher Proteste an der Unterelbe als erstes deutsches Kernkraftwerk nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in Betrieb genommen.

Die erste Vollversammlung des Arbeitskreises Solidarische Kirche findet in Berlin Karlshorst statt. Der Kreis umfasst Basisgruppen in vielen verschiedenen Städten der DDR.

In Bonn wird Gerold von Braunmühl, Leiter der politischen Abteilung des Auswärtigen Amts, auf offener Straße von RAF-Terroristen erschossen.

In Hasselbach im Hunsrück demonstrieren mehr als 100.000 Menschen gegen die Stationierung von US-amerikanischen Marschflugkörpern (Cruise Missiles).

Ein zweites Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Ronald Reagan und dem sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow in Reykjavik, Island, endet ohne Vereinbarungen. Beide Seiten können sich nicht über das US-amerikanische SDI-Programm einigen.

In einem Interview mit Newsweek vergleicht Helmut Kohl Michail Gorbatschow mit dem Nazi Joseph Goebbels. International, vor allem in der Sowjetunion, kommt es zu heftigen Reaktionen.

Gemeinsame Erklärung von SPD und SED zu einem Atomwaffen-freien Korridor in Zentraleuropa.

Offizieller Freundschaftsbesuch des Staats- und Parteichefs der DDR, Erich Honecker, in der Volksrepublik China.

Erklärung der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) zusammen mit 118 polnischen, tschechischen und ungarischen Bürgerrechtlern für politische Demokratie, Pluralismus und friedliche Überwindung der Teilung Europas.

November

In Wien beginnt die dritte KSZE-Folgekonferenz. Sie wird bis zum 15. Januar 1989 tagen.

In Moskau teilt Michail Gorbatschow den osteuropäischen Parteichefs mit, die Sowjetunion werde ihnen gegenüber eine neue freizügige Gangart einlegen.

Zwei Schlosser panzern einen betriebseigenen LKW und fahren damit in Nordhausen Richtung Grenze. Ihnen gelingt unter Feuer von Grenzsoldaten der Durchbruch in den Westen.

Im Anschluss an das Friedensgebet in der Nikolaikirche wird der Gesprächskreis „Hoffnung für Ausreisewillige“ ins Leben gerufen.

Der 25-jährige Michael Bittner stirbt bei einem Fluchtversuch an der Mauer.

Dezember

Die Sowjetunion kündigt die Rückkehr von Andrej Sacharow und seiner Frau Jelena Bonner in Gorki nach Moskau an.


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