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Nach dem Mauerbau

Willy Brandt, Regierender Bürgermeister von Berlin, am 18. August 1961während seiner Rede in einer Sondersitzung zum Mauerbau im Deutschen Bundestag. Er fordert eine Initiative der Westmächte, um die Verletzung der Menschenrechte in Berlin vor die...
Willy Brandt, Regierender Bürgermeister von Berlin, am 18. August 1961während seiner Rede in einer Sondersitzung zum Mauerbau im Deutschen Bundestag. Er fordert eine Initiative der Westmächte, um die Verletzung der Menschenrechte in Berlin vor die Vereinten Nationen zu bringen. Quelle: REGIERUNGonline/Rolf Unterberg
Mitglieder der DDR-Kampfgruppen am 14. August 1961 auf der westlichen Seite des Brandenburger Tores. Quelle: Bundesarchiv/183-85458-0001/Peter Heinz Junge
Mitglieder der DDR-Kampfgruppen am 14. August 1961 auf der westlichen Seite des Brandenburger Tores. Quelle: Bundesarchiv/183-85458-0001/Peter Heinz Junge
Westberliner winken in Berlin-Wedding (Bernauer Straße) ihren Familienangehörigen hinter der Mauer in Berlin-Ost zu. Das Foto entstand am 17. September 1961. Quelle: REGIERUNGonline / Siegmann
Westberliner winken in Berlin-Wedding (Bernauer Straße) ihren Familienangehörigen hinter der Mauer in Berlin-Ost zu. Das Foto entstand am 17. September 1961. Quelle: REGIERUNGonline / Siegmann
Zeit des Abschieds in Berlin: Die Mauer teilt nicht nur die Stadt, sondern auch Familien. Am 20. Oktober winken Westberliner (Bernauer Straße) ihren Angehörigen im Osten zu. Quelle: REGIERUNGonline/Klaus Schütz
Zeit des Abschieds in Berlin: Die Mauer teilt nicht nur die Stadt, sondern auch Familien. Am 20. Oktober winken Westberliner (Bernauer Straße) ihren Angehörigen im Osten zu. Quelle: REGIERUNGonline/Klaus Schütz
Plakat des Kuratoriums Unteilbares Deutschland, das gegen den Mauerbau protestiert. Das Kuratorium konstituiert sich in Bonn am 17. Juni 1954, dem ersten Jahrestag des DDR-Volksaufstands. Es bemüht sich, an die Aufgabe der Wiedervereinigung in Freiheit...
Plakat des Kuratoriums Unteilbares Deutschland, das gegen den Mauerbau protestiert. Das Kuratorium konstituiert sich in Bonn am 17. Juni 1954, dem ersten Jahrestag des DDR-Volksaufstands. Es bemüht sich, an die Aufgabe der Wiedervereinigung in Freiheit zu erinnern und löst sich erst 1992, nach dem Fall der Mauer, auf. Quelle: Bundesarchiv/Plak 005-045-005
Hungerstreik für die "Mauer der Schande": Am 8. August 1963 beginnt der Inder Zutshi an der Westberliner Prinzenstraße – nahe der Mauer – eine einwöchige Fastenaktion. Damit will er die Menschen hinter der Mauer moralisch unterstützen. Quelle:...
Hungerstreik für die "Mauer der Schande": Am 8. August 1963 beginnt der Inder Zutshi an der Westberliner Prinzenstraße – nahe der Mauer – eine einwöchige Fastenaktion. Damit will er die Menschen hinter der Mauer moralisch unterstützen. Quelle: Bildarchiv DHM
Der Volkspolizist Conrad Schumann schafft am 15. August 1961 in letzter Minute den Sprung in die Freiheit.
Der Volkspolizist Conrad Schumann schafft am 15. August 1961 in letzter Minute den Sprung in die Freiheit.
Quelle: Staatsarchiv Hamburg

Die Menschen in der DDR sind nach dem 13. August 1961 wie gelähmt. Die Empörung über den Gewaltakt ist sehr groß, ganz zu schweigen von Angst und Resignation. Abwarten, was kommt, lautet die allgemeine Devise.

Die älteren Berliner glauben zunächst nicht daran, dass ihre Stadt abgeriegelt bleibt. Die Nahverkehrssysteme, Schifffahrtswege und Abwasserkanäle sind trotz der seit 1945 bestehenden Teilung der Stadt in vier Sektoren immer noch eng miteinander verflochten. Die Stadt einfach zu zerschneiden, das scheint vielen Berlinern auf Dauer nicht praktikabel. Hinzu kommt die Erinnerung an die Zeit nach dem 17. Juni 1953, als der Zugang zu den Westsektoren zunächst gesperrt, nach einigen Tagen aber wieder geöffnet wurde. Viele Menschen hoffen darauf, dass die Westmächte sich einmischen. Sie müssen bald einsehen, dass sich die westlichen Besatzungsmächte in ihren Rechten nicht eingeschränkt sehen und die Grenzsperrung faktisch akzeptieren. Die Angst vor einem erneuten Weltkrieg ist zu groß.

In den restlichen Bezirken der DDR fühlen sich die Menschen weniger betroffen als in Berlin und Umgebung. Für sie ändert sich durch den Mauerbau zunächst nicht allzu viel. Manche hoffen sogar, dass nun die Wirtschaftslage besser wird, denn die Republikflucht von Fachkräften, Ärzten und Wissenschaftlern stellt die Wirtschaft vor erhebliche Probleme.

Einige SED-Genossen trösten sich mit dem Gedanken, im Schutz der Mauer seien sie nun unter sich und könnten manches Problem effektiver lösen. Andere SED-Mitglieder wollen in das Jubelgeschrei der Parteipropaganda nicht einstimmen und sprechen angesichts der Teilung von Familien und Freunden von einer „bitteren Notwendigkeit“. Christa Wolfs Roman „Der geteilte Himmel“ (1963) verleiht dieser zwiegespaltenen Stimmung literarischen Ausdruck.

Mit stalinistischer Härte wird jeder Widerstand im Keime erstickt. Die Ulbricht-Führung setzt auf Gewalt. Werden im ersten Halbjahr 1961 „nur“ knapp 4.450 politische Urteile gefällt, steigt nach dem Mauerbau, im zweiten Halbjahr 1961, die Zahl abgeurteilter „Staatsverbrecher“ auf knapp 18.300.

Die Menschen ahnen, dass sie sich auf lange Zeit mit dem SED-System und der Teilung Deutschlands einrichten müssen. Doch vor allem junge Menschen wollen sich mit dem schmerzhaften Verlust der Freiheit nicht abfinden. Ihre Widerstandsaktionen lassen die Staatsmacht unverhältnismäßig hart reagieren.

Zitierempfehlung: „Nach dem Mauerbau“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung März 2017, www.jugendopposition.de/145361


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