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Chronik

1964

Januar

1964 verlassen 41.876 Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik.

März

Robert Havemann wird wegen kritischer Äußerungen aus der SED ausgeschlossen. Am Tag darauf wird ihm sein Lehrauftrag an der Humboldt-Universität Berlin entzogen, was einem Berufsverbot gleichkommt. Im Wintersemester 1963/1964 hatte Havemann an der Humboldt-Universität eine Vorlesungsreihe gehalten mit dem Thema „Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme“, in der er mit Stalinismus und Dogmatismus abrechnet.

An den Ostermärschen der Atomwaffengegner nehmen mehr als 100.000 Menschen teil.

April

Auf der 2. Bitterfelder Konferenz für sozialistische Nationalkultur wird eingeräumt, dass die Erwartungen an das Kulturprogramm von 1959 nicht erfüllt worden sind.

Mai

Mehr als eine halbe Million Teilnehmer aus beiden deutschen Staaten treffen sich in Ost-Berlin zum Deutschlandtreffen der Jugend. Nach 1950 und 1954 ist es das letzte Treffen dieser Art.

Über 500.000 Jugendliche aus beiden deutschen Staaten kommen Pfingsten 1964 zum III. Deutschlandtreffen der FDJ nach Ost-Berlin. Im Bild die sogenannte Kampfdemonstration, bei der die Teilnehmer an der Ehrentribühne vorbeimarschieren. Quelle: Bundesarchiv/183-C0517-0010-050/Ulrich Kohls

Anlässlich des Deutschlandtreffens der FDJ vom 16. bis 18. Mai 1964 in Berlin wird das Jugendradio DT 64 eingerichtet. Wegen des großen Erfolgs wird die Sendereihe auch nach Beendigung des Treffens vom Ostberliner Rundfunk weiterhin ausgestrahlt. Es ist das erste Radioprogramm in der DDR, das sich ausdrücklich an die Jugend richtet und hauptsächlich Beatmusik spielt. Musik, die damals selbst von manchen westlichen Sendern ungern über den Äther geschickt wird
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Juni

Gründung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), deren erklärter Gegner der Staat Israel ist.

In Moskau unterschreiben die DDR und die UdSSR den auf 20 Jahre befristeten Vertrag „über Freundschaft, gegenseitigen Beistand und Zusammenarbeit“. Der südafrikanische ANC-Führer, Nelson Mandela, wird vom Apartheid-Regime zu lebenslanger Haft verurteilt.

Juli

Heinrich Lübke wird erneut zum Bundespräsidenten gewählt.

Die spanische Überseeprovinz Guinea erhält ihre innere Autonomie.

In den USA tritt das Bürgerrechtsgesetz zur Aufhebung der Rassendiskriminierung in Kraft.

August

Nach US-amerikanischen Angaben haben nordvietnamesische Kriegsschiffe im Golf von Tongking zwei US-Zerstörer angegriffen. Es handelt sich um eine Desinformation, wie sich später herausstellt. Den USA dient dies zum Anlass, Ziele in Nordvietnam zu bombardieren. Am 7. August erhält Präsident Lyndon B. Johnson vom Kongress weitgehende Befugnisse zur Ausweitung der US-Intervention in Vietnam („Tongking-Resolution“).

Die türkische Luftwaffe fliegt bis zum 9. August Angriffe gegen Dörfer im Nordwesten Zyperns.

Thomas Ammer, Mitglied des Eisenberger Kreises, wird nach mehr als sechs Jahren Haft als einer der ersten politischen Häftlinge von der Bundesrepublik freigekauft

September

Verabschiedung des „Gesetzes über die Nichtverjährung von Nazi- und Kriegsverbrechen“. Der Erlass des Staatsrats über die Straffreiheit für „Republikflucht“ vor dem 13. August wird bestätigt.

Bausoldat der 1. Baueinheit der Nationalen Volksarmee beim Bau eines Militärflugplatzes 1965. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Gerhard Müller

Einführung des Wehrdienstes ohne Waffe unter der Bezeichnung „Bausoldat“.
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Bürgern der DDR im Rentenalter wird die Möglichkeit einer jährlichen Besuchsreise in die Bundesrepublik und nach West-Berlin eingeräumt.

Am frühen Morgen unternimmt der 21-jährige Michael Meyer einen Fluchtversuch. Durch Schüsse von DDR-Grenzsoldaten wird er schwer verletzt. H. W. Pool, Sergeant der US-Militärpolizei, rettet ihm das Leben. Pool zieht Meyer mit einem Seil über die Mauer unter dem Feuerschutz von Westberliner Polizei. Am selben Tag hält sich Dr. Martin Luther King jr., der bekannte US-amerikanische Bürgerrechtler, zu einem Besuch in West-Berlin auf. Der spätere Friedensnobelpreisträger eilt zum Ort des Geschehens in der Stallschreiberstraße und verurteilt die "trennende Mauer der Feindschaft". "Keine durch Menschenhand errichtete Mauer kann Gottes Kinder trennen," sagt der Baptistenprediger bei einem Besuch in Ost-Berlin.

Der Ministerratsvorsitzende und Stellvertretende Staatsratsvorsitzende Otto Grotewohl stirbt. Sein Nachfolger wird am 24. September der bisherige Verteidigungsminister Willi Stoph.

Das 2. Passierscheinabkommen zwischen der DDR und dem Senat von West-Berlin sieht erweiterte Besuchszeiten für Westberliner in Ost-Berlin vor.

Oktober

Der Fluchthelfer Wolfgang Fuchs bei einer Verschnaufpause im Schacht des Fluchttunnels von der Bernauer Straße 97 zur Strelitzer Straße 55. Quelle: picture-alliance/dpa/von Keussler

57 Menschen können am 3. und 4. Oktober 1964 durch einen Tunnel zwischen der Bernauer Straße 97 und der Strelitzer Straße 55 flüchten.
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Der Staatsrat der DDR beschließt zum 15. Jahrestag der Gründung der DDR die Amnestie von 10.000 Strafgefangenen, darunter auch politische Häftlinge. Unter ihnen sind Georg Dertinger, Wolfgang Harich und Heinz Brandt.

Der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita S. Chruschtchow wird vom Zentralkomitee der KPdSU aller Ämter enthoben. Sein Nachfolger wird Leonid Breschnew.

Die Volksrepublik China zündet ihre erste Atombombe.

Das britische „Protektorat“ Nordrhodesien wird als Sambia in die Unabhängigkeit entlassen.

November

Die innerdeutsche Grenze öffnet sich zum ersten Mal seit dem Mauerbau für Bürger der DDR: Laut dem Gesetz vom 9. September dürfen Rentner mit einer Besuchserlaubnis ausreisen.

Der amtierende US-Präsident Lyndon B. Johnson gewinnt die Präsidentschaftswahlen gegen den republikanischen Kandidaten Barry Goldwater.

Gründung der rechtsextremen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD).

Dezember

Zwangsumtausch für westliche Besucher in der DDR eingeführt.

Martin Luther King erhält den Friedensnobelpreis für seine gewaltlosen Protestaktionen zur Erlangung der Gleichstellung der Schwarzen.


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