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Schüler im Widerstand

Am 21. Dezember 1949 hält Wilhelm Pieck, der DDR-Staatspräsident, eine Festrede zum 70. Geburtstag von Josef Stalin. Auf einem Dachboden im thüringischen Städtchen Altenburg hat sich eine Gruppe Oberschüler versammelt, die den Sowjetdiktator auf...
Am 21. Dezember 1949 hält Wilhelm Pieck, der DDR-Staatspräsident, eine Festrede zum 70. Geburtstag von Josef Stalin. Auf einem Dachboden im thüringischen Städtchen Altenburg hat sich eine Gruppe Oberschüler versammelt, die den Sowjetdiktator auf ihre Weise würdigen will: Mit einem selbst gebastelten Sender stört sie die Frequenz des staatlichen Rundfunks und kommentiert die Rede des Präsidenten kritisch. Die Staatssicherheit sieht in dem Oberschüler Hans-Joachim Näther den Kopf der Schülergruppe. Am 23./24. März 1950 wird er mit seinen Mitschülern verhaftet und nach mehrtägigen Verhören der sowjetischen Geheimpolizei übergeben. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilt ihn am 13. September in Weimar zum Tode. Er wird nach Moskau verschleppt und dort am 12. Dezember 1950 erschossen. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Eine Gruppe von 17- bis 19-jährigen Oberschülern aus Güstrow klebt nachts heimlich Plakate gegen die undemokratischen Volkskammerwahlen vom 15. Oktober 1950 in der Stadt. Sie werden verhaftet und zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Im Bild...
Eine Gruppe von 17- bis 19-jährigen Oberschülern aus Güstrow klebt nachts heimlich Plakate gegen die undemokratischen Volkskammerwahlen vom 15. Oktober 1950 in der Stadt. Sie werden verhaftet und zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Im Bild die Klasse 12 b der John Brinkmann Oberschule Güstrow an ihrem letzten Schultag 1950. Quelle: Privat-Archiv Peter Moeller
In der sächsischen Stadt Werdau bildet sich 1950 eine Widerstandsgruppe, der etwa 20 Personen angehören, unter ihnen drei Oberschülerinnen und zwölf Oberschüler. „Wir sehnen uns nach Frieden, nach der Einheit Deutschlands in Freiheit – wählt...
In der sächsischen Stadt Werdau bildet sich 1950 eine Widerstandsgruppe, der etwa 20 Personen angehören, unter ihnen drei Oberschülerinnen und zwölf Oberschüler. „Wir sehnen uns nach Frieden, nach der Einheit Deutschlands in Freiheit – wählt mit NEIN“ steht auf ihren Flugblättern, mit denen sie gegen die Scheinwahlen zur Volkskammer am 15. Oktober 1950 protestieren. Später richten sich ihre Aktionen auch gegen das Todesurteil für Hermann Joseph Flade, der wie sie gegen die Wahlfarce rebelliert hat. In der Nacht vom 18. zum 19. Mai 1951 werden zwei Mitglieder der Gruppe während einer Flugblattaktion verhaftet. In den folgenden Tagen werden die anderen ebenfalls festgenommen. Am 3. Oktober 1951 verurteilt das Landgericht Zwickau 19 Mitglieder der Widerstandsgruppe zu Strafen zwischen zwei und 15 Jahren Zuchthaus. Sechs der Jugendlichen sind noch minderjährig, darunter drei Mädchen. Quelle: Privat-Archiv Achim Beyer
Starke Freunde: Die KgU stellt den Widerstandsgruppen in der DDR Walzen und Druckerfarbe zur Vervielfältigung von Flugblättern mit dem F-Symbol zur Verfügung. Quelle: BStU, MfS, AOP 28/52 Bd. 1
Starke Freunde: Die KgU stellt den Widerstandsgruppen in der DDR Walzen und Druckerfarbe zur Vervielfältigung von Flugblättern mit dem F-Symbol zur Verfügung. Quelle: BStU, MfS, AOP 28/52 Bd. 1
Mit Schuhcreme gegen die Russen: Diese Losung gegen die Besatzungsmacht wird in der Nacht vom 2. auf den 3. November 1956 an einer Hauswand in der Gemeinde Loberschütz, unweit der Stadt Eisenberg, angebracht. Das MfS verdächtigt daraufhin die Mitglieder...
Mit Schuhcreme gegen die Russen: Diese Losung gegen die Besatzungsmacht wird in der Nacht vom 2. auf den 3. November 1956 an einer Hauswand in der Gemeinde Loberschütz, unweit der Stadt Eisenberg, angebracht. Das MfS verdächtigt daraufhin die Mitglieder des Eisenberger Kreises, für die „Schmiererei“ verantwortlich zu sein. Quelle: BStU, MfS, Ast Gera AOP 40/58, Bd.3, S.3

Ab 1947/48 bilden sich an Oberschulen in der Sowjetischen Besatzungszone immer neue Widerstandsgruppen, besonders in den kleineren Städten Sachsens und Thüringens. Mit großem Mut bieten teils sehr junge Menschen der SED-Diktatur die Stirn. Damit gehen sie bewusst Risiken ein: Wer auffliegt, geht ins Gefängnis. Im schlimmsten Fall droht die Todesstrafe.

Die Methoden des Widerstands sind sehr einfach. Die Gruppen malen nachts mit Pinsel und Farbe Parolen an Wände, drucken oder schreiben Flugblätter und zünden Stinkbomben bei Veranstaltungen der SED (Bildergalerie). Eine Gruppe in Altenburg bastelt einen Radiosender und kommentiert die Festrede des Präsidenten Wilhelm Pieck zum 70. Geburtstag von Stalin kritisch. Viel Aufsehen erregt der Schüler Hermann Joseph Flade aus Olbernhau, der beim Verteilen von Flugblättern gefasst wird: Er wehrt sich bei seiner Festnahme mit einem Taschenmesser. Eine Widerstandsgruppe in Eisenberg zündet den Schießstand der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) an.

In einigen Fällen bestehen Kontakte zur Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU), die von West-Berlin aus den Widerstand gegen die SED-Herrschaft unterstützt. Flugblätter, Plakate und Zeitschriften kommen überwiegend aus West-Berlin (Bildergalerie). Doch in keinem bekannten Fall kann die Rede davon sein, dass die Widerstandsgruppen aus West-Berlin geleitet werden.

Drangsal, Propaganda, Wahlbetrug? Nein danke!

Gründe für den jugendlichen Protest gibt es viele: Andersdenkende, die in der Schule drangsaliert werden, die stupide Propaganda der SED, die den gesunden Menschenverstand verhöhnenden Wahlen, deren Ergebnisse schon vorher feststehen. Die Empörung über dieses Unrecht und die offizielle Verlogenheit ist so groß, dass die Jugendlichen alle Bedenken über Bord werfen. Sie wagen die abenteuerlichsten Aktionen.

Der Widerstand ist vielfach von dem Gefühl getragen, anders handeln zu müssen als die Generation der Eltern, die die NS-Verbrechen oftmals widerspruchslos hingenommen hat. Viele DDR-Jugendlichen nehmen sich die Münchner Widerstandsgruppe Weiße Rose zum Vorbild. Hier schneidet sich die SED-Führung ins eigene Fleisch: Nimmt doch der Kampf der Geschwister Scholl gegen die NS-Diktatur in der antifaschistischen Erziehung der DDR besonders viel Raum ein.

Das soziale Milieu der Kleinstädte begünstigt offenbar die Widerstandsaktionen. Die jungen Rebellen stammen nicht selten aus gutem Haus und sind zum Beispiel die Kinder alteingesessener und angesehener Handwerker- oder Pfarrersfamilien. Es ist sogar ein Fall bekannt, in dem ein Volkspolizist die auf frischer Tat ertappten Jugendlichen nicht meldete. Ein Staatsanwalt erklärt später zum Eisenberger Kreis: „Streng genommen hätten wir die halbe Stadt festnehmen müssen.“



Zitierempfehlung: „Schüler im Widerstand“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2018, www.jugendopposition.de/145345


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