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Proteste der DDR-Prominenz

Kulturschaffende bekennen Farbe: Die Zustimmung linientreuer DDR-Künstler zur Ausbürgerung Wolf Biermanns wird im Neuen Deutschland abgedruckt. Quelle: Neues Deutschland, 22. November 1976, S. 3
Kulturschaffende bekennen Farbe: Die Zustimmung linientreuer DDR-Künstler zur Ausbürgerung Wolf Biermanns wird im Neuen Deutschland abgedruckt. Quelle: Neues Deutschland, 22. November 1976, S. 3
Die öffentlichen Erklärungen von Anna Seghers und Wolfgang Heinz zum Fall Biermann. Quelle: Neues Deutschland, 22. November 1976, S. 3
Die öffentlichen Erklärungen von Anna Seghers und Wolfgang Heinz zum Fall Biermann. Quelle: Neues Deutschland, 22. November 1976, S. 3
Abschrift
Staats- und Parteichef Erich Honecker gratuliert Anna Seghers am 26. Mai 1978 auf dem VIII. Schriftstellerkongress zur Wahl als Ehrenpräsidentin des Schriftstellerverbands. Quelle: ullstein bild - ADN-Bildarchiv
Staats- und Parteichef Erich Honecker gratuliert Anna Seghers am 26. Mai 1978 auf dem VIII. Schriftstellerkongress zur Wahl als Ehrenpräsidentin des Schriftstellerverbands. Quelle: ullstein bild - ADN-Bildarchiv
Er befürchtet, dass sich „das Ausbürgern jetzt einbürgert“: Journalist und Schriftsteller Stefan Heym, 1970. Im Novemberr 1976 gehört er zu den Unterzeichnern der Protetresolution namhafter DDR-Künstler gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann....
Er befürchtet, dass sich „das Ausbürgern jetzt einbürgert“: Journalist und Schriftsteller Stefan Heym, 1970. Im Novemberr 1976 gehört er zu den Unterzeichnern der Protetresolution namhafter DDR-Künstler gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Quelle: ullstein bild - Lehnartz

Einer der Ersten, der 1976 öffentlich auf die Nachricht von der Ausbürgerung Wolf Biermanns reagieren, ist dessen enger Freund Robert Havemann. Der damals wahrscheinlich bekannteste DDR-Regimekritiker spricht sich in einem Offenen Brief an Erich Honecker klar gegen die Ausbürgerung aus. Er schreibt: „Die Männer, die diesen Beschluss gefasst haben, waren wirklich schlecht beraten. Sie waren es, die das Ansehen unserer DDR, das wir verteidigen, beschmutzt haben.“ (Der Spiegel, Nr. 49, 22. November 1976)

Schon einen Tag vor der Ausbürgerung Wolf Biermanns wird ein Haftbefehl gegen Robert Havemann ausgestellt. Doch den Mächtigen ist das Risiko zu groß, dass der gesundheitlich angeschlagene Antifaschist, der ein Todesurteil der Nazis überlebt hat, im DDR-Gefängnis stirbt. Kurz nach Erscheinen des Spiegel-Artikels wird Robert Havemann deshalb mit einem Hausarrest belegt, der zweieinhalb Jahre andauert.

Auch zahlreiche andere Prominente nehmen Stellung. Einige der wichtigsten DDR-Künstler und Schriftsteller verfassen unmittelbar nach Wolf Biermanns Ausbürgerung am 16. November 1976 ebenfalls einen Offenen Brief an die DDR-Führung. Weltweit bekannte Namen wie Christa Wolf, Stefan Heym oder Franz Fühmann erscheinen in der Unterschriftenliste. Die DDR-Oberen sind empört.

Ohnehin ist das Verhältnis der Staatsführung zu „ihren“ Künstlern seit jeher schwierig gewesen. Die SED ist gezwungen, den Intellektuellen gewisse Rechte und Privilegien einzuräumen, versucht aber auch immer wieder, ihre kritischen Stimmen unter Kontrolle zu halten. Der Offene Brief wird nun als direkter Angriff gegen den Staat verstanden, der umso schlimmer wiegt, da er vor den Augen der Weltöffentlichkeit stattfindet.

Es gibt aber auch Prominente, die die Entscheidung der DDR-Führung unterstützen – wie die Schriftstellerin Anna Seghers. Oder solche, die unter dem Druck der SED-Führung ihre Unterschriften unter den Bittbrief zurückziehen – wie der Bildhauer Fritz Cremer. Im Partei-Verlautbarungsblatt Neues Deutschland vom 22. November 1976 wird deren Zustimmung zur Ausbürgerung veröffentlicht. Es wird jedoch keine einzige kritische Meinung abgedruckt – auch nicht der Protest der prominentesten Künstler des Staates.

Der Offene Brief der Prominenten wird aber auch ohne die DDR-Presse im ganzen Land bekannt: durch die Westmedien. Einige mutige DDR-Bürger lesen den Brief ihren Freunden vor, schreiben ihn ab und verbreiten ihn illegal. Viele von ihnen werden dafür hart bestraft.

Zitierempfehlung: „Proteste der DDR-Prominenz“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung Oktober 2017, www.jugendopposition.de/145338


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