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Solidarisierung mit der Umwelt-Bibliothek

Am 25. November 1987 informiert Carlo Jordan in der Ostberliner Zionskirche über den nächtlichen Überfall des MfS auf Räume der Gemeinde. Im Namen der Mahnwache und der Umwelt-Bibliothek fordert er die sofortige Freilassung der verhafteten Mitarbeiter...
Am 25. November 1987 informiert Carlo Jordan in der Ostberliner Zionskirche über den nächtlichen Überfall des MfS auf Räume der Gemeinde. Im Namen der Mahnwache und der Umwelt-Bibliothek fordert er die sofortige Freilassung der verhafteten Mitarbeiter und die Rückgabe der beschlagnahmten Druckmaschinen, auf denen die Umweltblätter und der grenzfall vervielfältigt werden. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Mahnwache für die Freilassung der inhaftierten Mitglieder der Umwelt-Bibliothek: Kerzen und selbst gemachte Transparente in den Räumen der Zionskirche. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Ann-Christine Jannson
Mahnwache für die Freilassung der inhaftierten Mitglieder der Umwelt-Bibliothek: Kerzen und selbst gemachte Transparente in den Räumen der Zionskirche. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Ann-Christine Jannson
Transparent zur Mahnwache in der Zionskirche. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
Transparent zur Mahnwache in der Zionskirche. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
Transparent zur Mahnwache in der Zionskirche. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
Transparent zur Mahnwache in der Zionskirche. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
27. November 1987, gegen acht Uhr morgens: Weithin sichtbar bringen Teilnehmer der Mahnwache ein Transparent am Kirchturm der Zionskirche an, auf dem sie die Freilassung der inhaftierten Mitglieder der Umwelt-Bibliothek fordern. Polizei und Stasi haben...
27. November 1987, gegen acht Uhr morgens: Weithin sichtbar bringen Teilnehmer der Mahnwache ein Transparent am Kirchturm der Zionskirche an, auf dem sie die Freilassung der inhaftierten Mitglieder der Umwelt-Bibliothek fordern. Polizei und Stasi haben schon die Feuerwehr gerufen. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
Gegen 8.05 Uhr trifft die Feuerwehr ein, um das Transparent zu entfernen. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
Gegen 8.05 Uhr trifft die Feuerwehr ein, um das Transparent zu entfernen. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
Die Feuerwehr entfernt das Transparent vom Kirchturm. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
Die Feuerwehr entfernt das Transparent vom Kirchturm. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
Bereits am 25. November 1987 protestieren Petra Kelly und Gerd Bastian bei Erich Honecker gegen die Verhaftung von Mitgliedern der Umwelt-Bibliothek. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Bereits am 25. November 1987 protestieren Petra Kelly und Gerd Bastian bei Erich Honecker gegen die Verhaftung von Mitgliedern der Umwelt-Bibliothek. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Abschrift
Karikatur von Dirk Moldt als Aufruf zur Mahnwache für die Freilassung der inhaftierten Mitglieder der Umwelt-Bibliothek. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Karikatur von Dirk Moldt als Aufruf zur Mahnwache für die Freilassung der inhaftierten Mitglieder der Umwelt-Bibliothek. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Mahnwache vor der Zionskirche: Sie beschränkt sich nicht mehr nur auf den innerkirchlichen Raum. So wird in der DDR zum ersten Mal eine öffentliche Mahnwache als Form der politischen Aktion entdeckt und durchgeführt. Quelle: BStU, MfS, HA XX/Fo/43
Mahnwache vor der Zionskirche: Sie beschränkt sich nicht mehr nur auf den innerkirchlichen Raum. So wird in der DDR zum ersten Mal eine öffentliche Mahnwache als Form der politischen Aktion entdeckt und durchgeführt. Quelle: BStU, MfS, HA XX/Fo/43
Die Verhaftung von Mitgliedern der Umwelt-Bibliothek löst eine republikweite Solidarisierungswelle aus. Auch Johanna Kalex (Bildmitte) von der Gruppe Wolfspelz aus Dresden besucht die Mahnwache in der Zionskirche. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Ann-Christine...
Die Verhaftung von Mitgliedern der Umwelt-Bibliothek löst eine republikweite Solidarisierungswelle aus. Auch Johanna Kalex (Bildmitte) von der Gruppe Wolfspelz aus Dresden besucht die Mahnwache in der Zionskirche. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Ann-Christine Jansson
Mahnwache in der Zionskirche: Das MfS filmt den Hof des Gemeindehauses in der Griebenowstraße 16 und wird dabei von Siegbert Schefke fotografiert. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
Mahnwache in der Zionskirche: Das MfS filmt den Hof des Gemeindehauses in der Griebenowstraße 16 und wird dabei von Siegbert Schefke fotografiert. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
Bei der Zionskirchen-Mahnwache: Wolfgang Rüddenklau wurde gerade aus der Stasi-Haft freigelassen (28. November 1987). Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Ann-Christine Jansson
Bei der Zionskirchen-Mahnwache: Wolfgang Rüddenklau wurde gerade aus der Stasi-Haft freigelassen (28. November 1987). Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Ann-Christine Jansson

Die Aktion „Falle“ der Stasi vom 24. November 1987 führt DDR-weit zur Solidarisierung mit den Mitgliedern der Berliner Umwelt-Bibliothek (UB). Es protestieren sowohl Einzelpersonen als auch Oppositionsgruppen. Zum Erfolg des Protests trägt wesentlich die aktive Einbindung der Westmedien bei.

Noch in der Nacht des Überfalls, kurz nach den Festnahmen, benachrichtigt Pfarrer Hans Simon die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. Die ruft sofort den zwangsausgebürgerten Roland Jahn in West-Berlin an. Roland Jahn informiert die Medien im Westen und ruft außerdem seine Bekannten in Ost-Berlin an. Im Schneeballsystem verbreitet sich die Meldung vom Stasi-Überfall. Bereits am Morgen des 25. November sind Drehteams der ARD vor Ort, berichten über die Ereignisse und führen Interviews mit Betroffenen und Sympathisanten, die sich schon seit den Morgenstunden an der Kirche versammeln.

Beim Versuch, eine spontane Demonstration gegen den Überfall zu organisieren, werden im Umfeld der Kirche sofort einige Aktivisten festgenommen. Die übrigen entschließen sich, eine dauerhafte Mahnwache für die Inhaftierten an der Zionskirche einzurichten. Damit etabliert sich eine neue öffentliche Aktionsform der Oppositionsgruppen, die, anders als Fürbittgottesdienste, auch außerhalb der Kirche wahrnehmbar ist.

Die Mahnwache fordert die sofortige Freilassung der Inhaftierten, die Einstellung der Ermittlungsverfahren, die Herausgabe der beschlagnahmten Sachen und eine Bestandsgarantie für die weitere Arbeit der UB.

Die Buschtrommel in Ost und West funktioniert

In einem Büro der Zionsgemeinde wird ein Kontakttelefon eingerichtet, das rund um die Uhr besetzt ist. Hier treffen alle Solidaritätsmeldungen ein. Von hier aus werden, besonders in Richtung West-Berlin, neue Informationen über den Stand des „Kampfes um Zion“ herausgegeben.

Rings um die Kirche sind zahlreiche Stasi-Leute und Polizisten postiert. Die Mahnwache findet zunächst vor der Kirche statt, zieht sich aber angesichts drohender weiterer Verhaftungen in den Kirchenraum zurück. Dennoch gelingt es der Stasi nicht, den Protest vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Ein Drehteam der ARD ist beinahe ständig vor Ort und berichtet ausführlich über die Mahnwache. Das Team filmt auch, wie ein großes Protestplakat am Kirchturm aufgehängt wird, das erst nach einiger Zeit mithilfe der Feuerwehr entfernt werden kann.

Viele Anwohner und auch die West-Korrespondenten verfolgen das Geschehen. Manche Nachbarn empören sich lautstark, andere solidarisieren sich. Ein Bäckermeister bringt den Aktivisten der Mahnwache frische Brötchen – dabei spaziert er durch den Ring der Stasi-Bewacher hindurch. Die Mahnwache motiviert nun auch Menschen zum Protest, die sonst nicht das Geringste mit der Oppositionsszene zu tun haben.

In der DDR versichern zahlreiche kirchliche Gemeinden, Umweltschutz- und Menschenrechtsgruppen der UB und der Zionskirche ihre Unterstützung. Auch Gruppen, zwischen denen es programmatische Differenzen gibt, finden in dieser großen Solidaritätsaktion zusammen. Die Vernetzung der DDR-Oppositionsgruppen erreicht damit eine neue Qualität. Vor allem die Haftbefehle gegen Wolfgang Rüddenklau und Bert Schlegel, beide wichtige Aktivisten in der UB, sorgen für anhaltenden Protest. Die Evangelische Kirche fordert ihre Gemeinden auf, deren „Aktivitäten für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung unbeirrt und geduldig fortzusetzen“.

Der Kampf um Zion lässt den Widerstand erneut aufflammen

Zahlreiche Protestschreiben werden an den Vorsitzenden des Staatsrats Erich Honecker gerichtet. Neben DDR-Bürgern wenden sich auch zunehmend Bürger und Organisationen aus der Bundesrepublik an die Partei- und Staatsführung. Auch Petra Kelly und Gert Bastian – sie Mitglied des Deutschen Bundestags für die Grünen, er ebenfalls im Bundestag sitzender ehemaliger General und jetzt Friedensaktivist – schreiben an Erich Honecker. Sie zeigen sich, wie viele andere auch, bestürzt über das Vorgehen der Sicherheitsorgane und fordern eine „sofortige Einstellung der Repression und die umgehende Freilassung aller Inhaftierten“.

Mitglieder der UB wenden sich mit der Bitte um Unterstützung auch an eine offizielle Organisation in der DDR, jedoch vergeblich. Sie verfassen am 26. November 1987 einen Brief an den gerade eröffneten 10. DDR-Schriftstellerkongress und fordern die Unterstützung durch die Schriftsteller und den PEN-Club, die ihnen verweigert wird.

Letztlich ist der Überfall auf die UB für die Stasi ein Eigentor. Neben der starken Solidarisierung hat er eine weitere Auswirkung, die die DDR-Oberen so sicher nicht geplant haben: In Anlehnung an das Berliner Modell werden neue Umweltbibliotheken an vielen Orten der DDR gegründet, so in Greifswald, Großhennersdorf, Stralsund, Dresden, Zwickau, Jena, Görlitz und Halle.

Über die Erfolge der Solidaritätsaktionen, die schließlich mit der Freilassung aller Inhaftierten enden, berichten Uta Ihlow (damals 22), Till Bötcher (damals 17) und Peter Grimm (damals 22) im Zeitzeugen-Interview.

Zitierempfehlung: „Solidarisierung mit der Umwelt-Bibliothek“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung Dezember 2018, www.jugendopposition.de/145457

 


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