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Aktionen in Berlin

Protestplakat in Ost-Berlin, 1976. Quelle: BStU, MfS, HA XX/9 1269
Protestplakat in Ost-Berlin, 1976. Quelle: BStU, MfS, HA XX/9 1269
„Lasst die Kommunisten leben“: 200 dieser Flugblätter in Postkartengröße wurden, laut Bericht der Stasi, am 22. November 1976 in Ost-Berlin verteilt. Quelle: BStU, MfS, HA XX/9 1269
„Lasst die Kommunisten leben“: 200 dieser Flugblätter in Postkartengröße wurden, laut Bericht der Stasi, am 22. November 1976 in Ost-Berlin verteilt. Quelle: BStU, MfS, HA XX/9 1269
Abschrift
Die Stasi notiert den Fund von Flugblättern im Postamt Mitte in Berlin. Quelle: BStU, MfS, HA XX/AKG 5367, Bl. 179
Die Stasi notiert den Fund von Flugblättern im Postamt Mitte in Berlin. Quelle: BStU, MfS, HA XX/AKG 5367, Bl. 179
1976 wird die Stasi über eine „staatsfeindliche“ Parole an der Kurt-Fischer-Oberschule informiert. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)
1976 wird die Stasi über eine „staatsfeindliche“ Parole an der Kurt-Fischer-Oberschule informiert. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)
Die Kurt-Fischer-Oberschule in Berlin-Prenzlauer Berg. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Gerold Hildebrand
Die Kurt-Fischer-Oberschule in Berlin-Prenzlauer Berg. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Gerold Hildebrand
Reinhard Schult nimmt 1976 mit seinem Tonband Biermann-Lieder auf und gibt die Bänder an Freunde weiter. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Reinhard Schult nimmt 1976 mit seinem Tonband Biermann-Lieder auf und gibt die Bänder an Freunde weiter. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Seinen „illegalen“ Tonbändern legt Reinhard Schult eine genaue Inhaltsangabe bei. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Seinen „illegalen“ Tonbändern legt Reinhard Schult eine genaue Inhaltsangabe bei. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Abschrift
Reinhard Schult 1975 – hier beim Trampen an der Fernverkehrsstraße 96. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Reinhard Schult 1975 – hier beim Trampen an der Fernverkehrsstraße 96. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
BU fehlt noch
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BU fehlt noch
BU fehlt noch

In Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR und Heimatstadt Wolf Biermanns, sind die Proteste gegen dessen Ausbürgerung zahlreicher als in anderen Städten. Auch hier sind es vor allem Schüler, Studierende und Lehrlinge, die in spontanen Aktionen gegen die Ausbürgerung des Liedermachers protestieren. Und wieder protokolliert die Stasi gewissenhaft alles mit.

Eine unbekannte Gruppe fertigt postkartengroße Flugblätter in Linolschnitttechnik an, mit denen sie gegen die Ausbürgerung protestiert (Bildergalerie). 200 dieser Karten werden in Briefkästen in Ost-Berlin gefunden. Eine weitere Gruppe bringt, laut Stasi-Bericht, „in der Nacht vom 24. zum 25.11.1976 im Stadtgebiet von Berlin mehrere Plakate im Format 63 x 24,5 cm an, auf denen in Siebdruckverfahren ein Biermannkopf aufgebracht war“ (Bildergalerie).

Acht Monate Haft für ein paar kopierte Tonbänder

Bis zum Ende der DDR 1989 bleiben Linolschnitt- und Siebdrucktechnik für die Oppositionsgruppen wichtige Mittel zur illegalen Vervielfältigung ihrer Flugblätter. Die Rohmaterialien (Linoleum und Farbe) sind selbst in der DDR leicht zu beschaffen. Anders als bei der Verwendung von Schreib- oder gar Druckmaschinen kann die Stasi den Verursacher anhand der Flugblätter nur schwer identifizieren. Nachteile dieser Technik: Es sind nur kleine Auflagen möglich, und für die Anfertigung brauchbarer Druckvorlagen ist eine gewisse künstlerische Geschicklichkeit nötig.

An einer Schule im Stadtteil Prenzlauer Berg wird die Losung „Helft dem Volkssänger Biermann“ gefunden (Bildergalerie). Der Parteisekretär der Schule lässt die Schrift in der Pause schnell von Schülern entfernen. In einer Toilette im Verlagshaus des Parteiblatts Neues Deutschland schreibt jemand „Übt Solidarität mit Biermann“ an die Wand. Penibel nimmt die Stasi auch diesen Klo-Spruch in ihre Unterlagen auf (Bildergalerie).

Der Berliner Bausoldat Reinhard Schult (25) hört, wie viele andere auch, erstmals im Zusammenhang mit Wolf Biermanns Ausbürgerung von dessen Musik. Er besorgt sich einen Mitschnitt von Biermanns Konzert in Köln, macht Tonband-Aufnahmen von Biermann-Platten und verbreitet sie unter Freunden (Bildergalerie). Fast drei Jahre nach der Ausbürgerung wird Reinhard Schult verhaftet, weil er angeblich an der Vorbereitung zu einer Republikflucht beteiligt war.

Die Stasi spitzelt sogar auf dem Klo

Bei der Hausdurchsuchung findet die Stasi das belastende Material. Die Biermann-Aufnahmen gelten als Beweisstücke von Reinhard Schults Opposition gegen die DDR. Er wird wegen „öffentlicher Herabwürdigung der DDR“ (§ 220) zu acht Monaten Haft verurteilt. (Über seine Wahrnehmung der Biermann-Ausbürgerung, die illegale Verbreitung der Biermann-Texte und seine Verhaftung berichtet Reinhard Schult im Zeitzeugen-Video.)

Erschütternd endet auch der Protest von Thomas Evler, Friedemann Gehlke und Christoph Rohr. Die jungen Krankenpfleger entwerfen Flugblätter gegen die Biermann-Ausbürgerung, von denen eine 19-jährige Freundin aus West-Berlin, Heike Waterkotte, 500 Exemplare drucken lässt und sie über die Grenze schmuggelt. In der Nacht zum 2. Dezember 1976 verteilen die Ostberliner die Flugblätter in Hausbriefkästen. Im Morgengrauen werden sie entdeckt und verhaftet. Die DDR-Justiz verurteilt sie in Windeseile zu drei bis vier Jahren Haft, die sie im Gefängnis Brandenburg absitzen müssen.

Heike Waterkotte, die nichts von den Verhaftungen weiß, fährt nach Ost-Berlin, um ihre Freunde zu besuchen. An der Grenze wird sie von der Stasi abgefangen und wegen „Einmischung in innere Angelegenheiten der DDR“ sowie „staatsfeindlicher Hetze“ zu 44 Monaten Haft verurteilt. Nach anderthalb Jahren im Bautzener Gefängnis wird sie vom Westen freigekauft.

Zitierempfehlung: „Berlin“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung Oktober 2018, www.jugendopposition.de/145373

 


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