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Chronik

1956

Januar

1956 bilden sich „revisionistische Zirkel“ an den Universitäten Berlin, Jena, Halle und Leipzig. Es verlassen 279.189 Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik.

Einberufung der ersten Bundeswehrsoldaten: In Andernach, Wilhelmshaven und Nörvenich ziehen die ersten Freiwilligen in die Kasernen ein.

Die ersten 50 Gastarbeiter aus Italien treffen ein.

Britischen Truppen beginnen in Kenia eine Offensive gegen die Mau-Mau-Untergrundorganisation, die für die staatliche Unabhängigkeit des Landes kämpft.

Schaffung der Nationalen Volksarmee (NVA) und des Ministeriums für Nationale Verteidigung. Willi Stoph wird erster Verteidigungsminister der DDR.

Aus Protest gegen den Aufbau der NVA und den zunehmenden Militarismus setzt der Eisenberger Kreis einen Schießstand der GST in Brand.

Porträt von Thomas Ammer, ca. 1955. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Aus Protest gegen den Aufbau der NVA und den zunehmenden Militarismus in der DDR setzt Thomas Ammer zusammen mit Freunden einen Schießstand der GST in Brand. Schon früh engagiert sieht sich Thomas Ammer im Eisenberger Kreis und gilt als einer der Führenden Mitglieder der Widerstandsgruppe.
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NVA-Einheiten werden in den Warschauer Pakt einbezogen.

Februar

Robert Bialek wird vom Ministerium für Staatssicherheit aus West-Berlin entführt und verstirbt unter ungeklärten Umständen Ende des Jahres in der Haftanstalt Bautzen II. Der frühere FDJ- und Volkspolizei-Funktionär hat öffentlich Kritik an der SED geäußert.

XX. Parteitag der KPdSU in Moskau. Parteichef Nikita S. Chruschtschow rechnet mit den begangenen Verbrechen des ehemaligen Staats- und Parteichefs Josef W. Stalin ab. Damit beginnt die Entstalinisierung.

März

Offizielle Gründung der Nationalen Volksarmee.

Walter Ulbricht distanziert sich vom Personenkult um Josef Stalin: „Stalin ist kein Klassiker des Marxismus“, verlautbart er im Neuen Deutschland.

III. Parteikonferenz der SED. Es wird die Direktive für den nächsten Fünf-Jahres-Plan festgelegt. Desweiteren spricht sich die Parteikonferenz für die Autonomie der Kirche in ihren „Kulthandlungen“ aus, aber gegen die Anmaßung, sich in die inneren Angelegenheiten des Staats einmischen zu wollen.

April

Der Bundesnachrichtendienst (BND) nimmt in Pullach bei München offiziell seine Tätigkeit auf. Zuschlagsmarke „Notopfer Berlin“ auf Postsendungen der Bundesrepublik wird wieder abgeschafft; 20 Milliarden Stück wurden verwendet.

In Ost-Berlin wird auf einer Veranstaltung der FDJ der Jazz als Musikrichtung kritisiert und als Gefahr für die Jugend dargestellt. Ruine der Ulrichskirche in Magdeburg wird gesprengt: In der „ersten sozialistischen Straße“ der Stadt soll keine Kirche stehen.

Im Zuge der Entstalinisierung erlässt der polnische Sejm (Polnisches Parlament) eine Amnestie für mehr als 80.000 Menschen.

Mai

Vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin demonstrieren 100.000 Menschen für die Wiedervereinigung Deutschlands.

Mao Tse-tungs „Hundert-Blumen-Rede“: Marxismus dürfe nun in China offen kritisiert werden, da er tief genug verwurzelt sei.

Ungarn gibt die sofortige Beseitigung der Grenzsperren und Minengürtel an der österreichischen Grenze bekannt.

In Ungarn werden alle früheren sozialdemokratischen Parlamentsmitglieder, Minister und auch der frühere Präsident der Republik, Zoltán Tildy, aus der Haft entlassen.

Juni

Im Zusammenhang mit der „Entstalinisierung“ teilt das Presseamt beim Ministerpräsidenten mit, dass bis zum 19. Juni insgesamt 961 Personen aus der Haft entlassen worden seien, die der SPD angehörten, ebenso 11.896 Personen, die „wegen krimineller und anderer Vergehen“ ihre Strafe verbüßten. Außerdem seien bis zu diesen Zeitpunkt 3.308 „Kriegsverurteilte“ entlassen worden. Bei 3.169 Personen, die wegen geringfügiger Vergehen Strafen bis zu einem Jahr erhalten hatten, wäre die Strafverbüßung ausgesetzt worden.

Ein Arbeiteraufstand in der polnischen Stadt Posen wird von Armee-Einheiten niedergeschlagen. Nach offiziellen Angaben kommen dabei 53 Menschen ums Leben, rund 300 werden verletzt.

Juli

Der Bundestag verabschiedet das Wehrpflichtgesetz. Damit wird die (künftige) Bundeswehr eine Wehrpflichtarmee. Im September wird die Dauer des Wehrdienstes auf 12 Monate festgelegt. Außerdem wird ein ziviler Ersatzdienst für Kriegsdienstverweigerer eingerichtet.

Der aus West-Berlin entführte Journalist Karl Wilhelm Fricke wird vom Obersten Gericht wegen „Boykotthetze“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.

Der ungarische Erste Zentralkomitee-Sekretär Mátyás Rákosi tritt zurück und gibt schwere Fehler des Personenkults zu.

Tagung des Zentralkomitees der SED, Rehabilitierung von hohen Parteifunktionären, „Dogmatismus“ wird kritisiert.

August

Bertold Brecht stirbt in Ost-Berlin an den Folgen eines Herzinfarktes.

Die KPD wird in der Bundesrepublik verboten. Unmittelbar darauf erfolgt eine Verhaftungswelle.

September

Die ersten Prozesse gegen Beteiligte am Poznaner Aufstand vom Juni 1956 in Polen beginnen. Die Urteile werden bereits im Oktober wieder aufgehoben.

Oktober

Achim Beyer wird als letzter Häftling, der 1951 zur Gruppe der protestierenden Schüler aus Werdau gehörte, aus der Haft entlassen und flieht in den Westen.

Während einer Sitzung des Politbüros der kommunistischen Partei Polens kommt es zu Demonstrationen, auf denen die Machtübernahme von Wladislaw Gomulka gefordert wird.

Konrad Adenauer bildet sein Kabinett um. Außenminister wird Franz Josef Strauß, der die Bewaffnung der Bundeswehr mit Atomwaffen befürwortet.

Freilassung des CDU-Politikers und FDJ-Mitbegründers Manfred Klein nach neun Jahren Zuchthaus; er hatte den Führungsanspruch der SED kritisiert.

Nikita S. Chruschtschow fliegt nach Warschau, um die Wahl Wladislaw Gomulkas zum KP-Chef zu verhindern. Das Eingreifen der bereits mobilisierten sowjetischen Truppen wird abgewendet. Am 20. Oktober wird Wladislaw Gomulka zum KP-Chef gewählt.

Beginn des bewaffneten Volksaufstands in Ungarn gegen das stalinistische Regime. Sowjetische Truppen schlagen den Aufstand ab November 1956 blutig nieder.

Vertrag zwischen der Bundesrepublik und Frankreich zur Regelung der Saarfrage. Im Luxemburger Vertrag wird die Eingliederung des Saarlands in die Bundesrepublik Deutschland geregelt. Die offizielle politische Eingliederung wird für den 1. Januar 1957 und die wirtschaftliche Eingliederung für den 1. Januar 1960 festgelegt.

Bis Oktober werden 21.000 Personen aus der Haft entlassen und überhöhte Strafmaßnahmen korrigiert.

Studenten- und Jugendproteste in vier rumänischen Städten aus Solidarität mit dem Volksaufstand in Ungarn.

Israelische Streitkräfte greifen Ägypten an und besetzen innerhalb kürzester Zeit die gesamte Sinai-Halbinsel. Auf Druck der USA und der UdSSR wird der Konflikt im November beigelegt.

Am 8. Januar 1957 kommen die Ende 1956 aus Storkow geflüchteten Oberschüler auf dem Frankfurter Flughafen an. Von hier aus fahren sie nach Bensheim, um dort ihren Schulabschluss zu machen. Quelle: ullstein bild - Bildarchiv

Als über den Westberliner Sender RIAS dazu aufgerufen wird, mit einer Schweigeminute der Toten in Ungarn zu gedenken, verabreden sich die Schüler der 12. Klasse der Storkower Oberschule am 29. Oktober spontan, von 10.00 bis 10.05 Uhr zu schweigen, auf keine Frage des Lehrers zu antworten.
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Der von den ungarischen Aufständischen als Ministerpräsident eingesetzte Reformkommunist Imre Nagy verkündet die Abschaffung des Einparteien-Systems, am 1. November den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt sowie die Neutralität des Landes.

November

Walter Janka fordert in einem Brief an Kulturminister Johannes R. Becher eine objektive und wahre Berichterstattung der Presse.

Anfang der 1950er Jahre: Studenten der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)

Am 3. November 1956 findet an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Berliner Universität eine Vollversammlung der Studentenschaft der Fakultät statt, die einen turbulenten und ungewöhnlichen Verlauf nimmt. Die Studentinnen und Studenten einigen sich auf politisch brisante Forderungen.
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Sowjetische Panzereinheiten marschieren in die ungarische Hauptstadt Budapest ein, schlagen den Volksaufstand nieder. Die SU beendet damit den Versuch Ungarns, sich aus dem Ostblock zu lösen und demokratische Reformen einzuleiten. Der ungarische Kardinal József Mindszenty flüchtet in die US-Botschaft, in der er fast 15 Jahre bleibt.

Studentenproteste für Pressefreiheit und deutsche Einheit in der DDR am Brandenburger Tor in Berlin.

Erste Ausgabe der illegalen ungarischen Zeitung „23. Oktober“ erscheint.

Olympische Spiele in Melbourne beginnen. Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg tritt wieder eine gesamtdeutsche Mannschaft an.

Der Philosoph Wolfgang Harich wird wegen „Bildung einer staatsfeindlichen Gruppe“ festgenommen, ebenfalls Walter Janka am 6. Dezember.

In den Augen der Staatsmacht eine Provokation: In einem Sketch tritt ein dressierter Hund auf, der einen Zettel in eine Wahlurne steckt – ein klarer Bezug auf die fingierten „Wahlen“ in der DDR. Quelle: Geschichtswerkstatt Jena e.V.

Der alljährliche Physikerball der Universität Jena findet 1956 in einer politisch äußerst brisanten Lage statt. Es ist Brauch, dass das vierte Studienjahr die Dekoration der Mensa und die Gestaltung eines musikalisch-kabarettistischen Programms übernimmt. Doch die Losungen sind mehrdeutig und das Kabarett-Programm ist verfänglich. Und so löst der Physikerball einen unglaublichen Wirbel aus.
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Dezember

Zweitägiger Generalstreik gegen die Wiederherstellung der Diktatur in Ungarn endet.


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