Weißer Kreis Jena

Weißer Kreis Jena

Redaktion

Sie protestieren für ihre Ausreise. Anders als viele andere machen die Mitglieder des Weißen Kreises Jena im Sommer 1983 ihr Bestreben, die DDR zu verlassen, öffentlich auf dem Platz der Kosmonauten.

Obwohl ab Anfang der 1980er Jahre Zehntausende DDR-Bürger Anträge auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR stellen, kommt es nur selten vor, dass sich die Antragsteller untereinander solidarisieren oder gar organisieren. Bis auf wenige Ausnahmen verhalten sich viele nach der Antragstellung so unauffällig wie möglich.

In der DDR ist gesetzlich keine Möglichkeit vorgesehen, das Land zu verlassen. Die Anträge auf Ausreise werden formlos gestellt, und viele Antragsteller warten jahrelang auf deren Genehmigung. Einige werden allein wegen ihres Wunsches auf Ausreise kriminalisiert – einige werden sogar inhaftiert. Viele verlieren nach der Antragstellung ihre Arbeitsplätze, ihre Kinder werden in den Schulen von parteitreuen Lehrern schikaniert und bekommen keinen Zugang mehr zu höherer Bildung. Unter diesem Druck ziehen sich viele ganz aus der Öffentlichkeit zurück.

Eine Ausnahme ist jedoch der Jenaer Weiße Kreis. Um die Jenenser Hannelore und Rüdiger Studanski formiert sich eine Protestgruppe, die ihre Anträge auf Ausreise öffentlich machen will. Die Gruppe gibt sich den Namen Weißer Kreis. Weiß sind die Bändchen, die sich DDR-Bürger mit laufendem Interner Link: Ausreiseantrag an die Autoantenne knoten – ein stilles und doch für jedermann sichtbares Erkennungszeichen. In Berlin tauchen weiße Bändchen schon vorher und in einem anderen Zusammenhang auf: Dort benutzen es Umweltaktivisten, um Gleichgesinnte in ihrem Protest gegen Luftverschmutzung und Waldsterben zu erkennen. Sie versuchen ab 1982, mit ersten kleinen Fahrraddemonstrationen in die Öffentlichkeit zu gehen. Inzwischen wird auch in Berlin das weiße Band zum Symbol von Menschen mit Ausreiseantrag.

Der Weiße Kreis: Eine „feindlich-negative“ Gruppierung

Der Weiße Kreis trifft sich im Juni und Juli 1983 regelmäßig jeden Sonnabend auf dem zentral gelegenen Platz der Kosmonauten in Jena. Zuerst sind es nur eine Handvoll; am 16. Juli 1983 sind es schon 49 Frauen und Männer, die sich morgens um neun Uhr auf dem belebten Platz treffen, an den Händen fassen und schweigend einen Kreis bilden. Über einen Kontakt zur Interner Link: Jenaer Friedensgemeinschaft, mit der der Weiße Kreis sonst nicht Verbindung steht, erfahren Westkorrespondenten von der Aktion. Die stillen Demonstranten werden fotografiert und die Bilder im Westen gesendet (Bildergalerie).

Die Interner Link: Stasi ist natürlich vor Ort und versucht, die Aktion so schnell und unauffällig wie möglich zu unterbinden. Im Stasi-Bericht heißt es: „Durch eine feindlich-negative Gruppierung rechtswidrig um Übersiedlung ersuchender Personen im Bezirk Gera wurden in den vergangenen Wochen im Zusammenwirken mit feindlichen Kräften und westlichen Massenmedien demonstrative Aktionen zur Erzwingung ihrer Übersiedlung in die Interner Link: BRD organisiert und durchgeführt.“ Die betroffenen Personen sollen nun „operativ bearbeitet“ werden, um „öffentlichkeitswirksame Aktionen vorbeugend zu verhindern“.

Die Teilnehmer des Weißen Kreises werden von der Stasi durch ständige Überwachung und Verhöre unter Druck gesetzt. Ein Großteil von ihnen wird verhaftet, stundenlang verhört und anschließend in die Untersuchungshaft überführt. Doch letztlich erreichen die meisten ihr Ziel. Um noch mehr Unruhe zu vermeiden und die Störenfriede so schnell wie möglich loszuwerden, genehmigen die DDR-Behörden in Jena innerhalb weniger Monate eine Anzahl von Ausreiseanträgen.

Der in der DDR sehr populäre Liedermacher Interner Link: Gerhard Schöne schreibt 1989, in der Phase der größten Massenflucht aus dem Land sein Lied „Das weiße Band“. Es ist den Ausgereisten und den Dagebliebenen gewidmet:

„An manchen Autos weht heute
ein schlohweißes Band.
Das ist das Zeichen der Leute,
die nichts mehr hält im Land.
Die uns signalisieren,
dass sie kapitulieren,
dass sie es nun aufgeben,
hier noch weiter zu leben.
Trotzig flattert die Binde
wie ein Vorwurf im Winde.
Ich schwöre mir heimlich und leis:
Nie hisse ich weiß!

Ein schwarzes Band werd ich hissen.
Ich leg Trauer an,
um alle, die uns verließen
und noch gehen irgendwann.
Die sich gern mit uns stritten,
mit uns lachten und litten,
die das Fernweh fortwehte,
die der Wohlstand verdrehte,
die 'ne Lippe riskierten,
irgendwann resignierten
und zogen den trennenden Strich.
Um die trauer ich.“

Fussnoten

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