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Verweigerung der Reiseerlaubnis

Sie wollen raus: Mitglieder der Reisegruppe 88 am Bahnhof Friedrichstraße. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Barbara Hanus
Sie wollen raus: Mitglieder der Reisegruppe 88 am Bahnhof Friedrichstraße. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Barbara Hanus
Die Reisegruppe 88 bei einem thematischen Gottesdienst „Macht und Ohnmacht“ in der Bekenntniskirche Berlin-Treptow. V.l.n.r.: Daniela Hanus, Wolfgang Jäger, Katrin May, Dieter Brocke. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Barbara Hanus
Die Reisegruppe 88 bei einem thematischen Gottesdienst „Macht und Ohnmacht“ in der Bekenntniskirche Berlin-Treptow. V.l.n.r.: Daniela Hanus, Wolfgang Jäger, Katrin May, Dieter Brocke. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Barbara Hanus
„Ich möchte wissen, wie lange ich nicht in die CSSR fahren darf“: Am 26. Juni 1983 schreibt Reinhard Schult empört an das Ministerium des Innern. Er will mit seiner Freundin Urlaub machen, doch die Einreise in die CSSR verweigert man ihm an der...
„Ich möchte wissen, wie lange ich nicht in die CSSR fahren darf“: Am 26. Juni 1983 schreibt Reinhard Schult empört an das Ministerium des Innern. Er will mit seiner Freundin Urlaub machen, doch die Einreise in die CSSR verweigert man ihm an der Grenze. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Abschrift
Offener Brief an die Volkskammer der DDR, in dem die Verfasser – alle in verschiedenen Friedenskreisen aktiv – im September 1985 gegen das Einreiseverbot in die benachbarte CSSR protestieren. Mit der stereotypen Antwort des Ministerium des Innern,...
Offener Brief an die Volkskammer der DDR, in dem die Verfasser – alle in verschiedenen Friedenskreisen aktiv – im September 1985 gegen das Einreiseverbot in die benachbarte CSSR protestieren. Mit der stereotypen Antwort des Ministerium des Innern, dass solche Dinge nach der Anordnung über Pass- und Visa-Angelegenheiten keiner Begründung bedürfen, geben sich die Absender nicht zufrieden. Sie fordern die Volkskammer der DDR zu einer Gesetzesänderung auf. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Abschrift
Antragsformular für die Ausreise ins sozialistische Ausland. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft, Seite 1 von 2
Antragsformular für die Ausreise ins sozialistische Ausland. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft, Seite 1 von 2
Antragsformular für die Ausreise ins sozialistische Ausland. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft, Seite 2 von 2
Antragsformular für die Ausreise ins sozialistische Ausland. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft, Seite 2 von 2
„Ungarn abgelehnt“: Der Leiter der Abteilung Pass- und Meldewesen des Präsidiums der Volkspolizei Berlin bittet Tom Sello, wegen seines Reiseersuchens vom Mai 1987 in der Dienststelle vorzusprechen. Als Tom Sello das am 14. Juli 1987 tut, wird ihm...
„Ungarn abgelehnt“: Der Leiter der Abteilung Pass- und Meldewesen des Präsidiums der Volkspolizei Berlin bittet Tom Sello, wegen seines Reiseersuchens vom Mai 1987 in der Dienststelle vorzusprechen. Als Tom Sello das am 14. Juli 1987 tut, wird ihm seine im Mai 1987 beantragte Reise nach Ungarn abgelehnt. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Abschrift
Endgültige Absage: Nachdem Tom Sello auf dem Präsidium der Volkspolizei Berlin vorgesprochen hatte, teilt ihm der Leiter der Abteilung Pass- und Meldewesen am 17. August 1987 schriftlich mit, dass seine beantragte Reise nach Ungarn nicht stattfinden...
Endgültige Absage: Nachdem Tom Sello auf dem Präsidium der Volkspolizei Berlin vorgesprochen hatte, teilt ihm der Leiter der Abteilung Pass- und Meldewesen am 17. August 1987 schriftlich mit, dass seine beantragte Reise nach Ungarn nicht stattfinden wird. Eine Begründung gibt er nicht an. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Abschrift
Am 8. Januar 1988 schreibt die Umwelt-Bibliothek (UB) Berlin an Erich Honecker. Die Verfasser protestieren gegen die Ausreiseverweigerungen vom 7. und 8. Januar 1988 an der Grenze zur CSSR beziehungsweise am Flughafen Berlin-Schönefeld. Eine Reihe von...
Am 8. Januar 1988 schreibt die Umwelt-Bibliothek (UB) Berlin an Erich Honecker. Die Verfasser protestieren gegen die Ausreiseverweigerungen vom 7. und 8. Januar 1988 an der Grenze zur CSSR beziehungsweise am Flughafen Berlin-Schönefeld. Eine Reihe von Mitgliedern der UB (auch Matthias Voigt) waren auf dem Weg nach Ungarn zu einem Seminar des osteuropäischen Netzwerks Greenway. Gründe für das Ausreiseverbot werden den Betroffenen nicht genannt. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Abschrift

Ein wichtiger Grund für die große Zahl der Ausreiseanträge ist die fehlende Reisefreiheit für DDR-Bürger. Während ihre westdeutschen Altersgefährten in den Sommerferien nach Italien oder Portugal fahren, als Au-Pair nach Frankreich gehen oder zum Schüleraustausch in die USA fliegen, dürfen sich die Jugendlichen in der DDR ihre Reiseziele nicht selbst aussuchen. Zwischen den 1960er und 1980er Jahren gibt es für sie nur wenige Alternativen für einen Aufenthalt außerhalb der DDR.

Weitgehend unbeschränkte Reisemöglichkeiten bestehen in die Tschechoslowakei, nach Ungarn, Bulgarien und Rumänien. Für eine Reise in die Volksrepublik Polen benötigt man seit der Kriegsrechtsverhängung von 1981 ein Visum, das nur aufwändig zu beschaffen ist. Reisen zum großen Bruder, in die Sowjetunion, sind streng reglementiert, Individualtourismus ist so gut wie ausgeschlossen. Eine große Hürde für Auslandsaufenthalte sind vor allem die Finanzen, denn ein freier Umtausch von DDR-Mark in andere Währungen ist nicht möglich. Das gilt auch für die sozialistischen Bruderstaaten.

Die wenigsten Jugendlichen können sich eine Reise leisten

Reisen in den Westen – oder wie es offiziell heißt, in den „nichtsozialistischen Wirtschaftsraum“ – sind für DDR-Bürger in der Regel nicht möglich. Rentner, sofern sie keine „Geheimnisträger“ sind, dürfen seit 1964 unter bestimmten Bedingungen in die Bundesrepublik reisen. Es muss aber ein besonderer Anlass und eine Einladung vorliegen. Falls sie nicht wieder in die DDR zurückkehren, so das zynische Kalkül der SED-Oberen, spart sich der ostdeutsche Staat die Rente.

Allein über die FDJ-Reiseorganisation Jugendtourist wird Reisegruppen aus streng ausgewählten, politisch zuverlässigen Kadern gelegentlich die Möglichkeit eröffnet, in den Westen zu fahren. Wer nicht zu diesen privilegierten Gruppen gehört, hat keine Chance, in die Bundesrepublik zu reisen. Die Reisegesuche werden mit den immer gleichen Begründungen abgewiesen.

Ein Beispiel ist der Antrag eines Jugendlichen aus Gersdorf, der 1988 seine in der Bundesrepublik lebende Großmutter zu ihrem 79. Geburtstag besuchen will. Dem jungen Mann wird die Reise mit der Begründung verweigert, dass er seinen Wehrdienst noch nicht absolviert habe. Doch diese Absage ist eine Farce: Sobald er seinen Wehrdienst nämlich abgeleistet hat, ist er „militärischer Geheimnisträger“ und kann erst recht keine Reiseerlaubnis erhalten. Der schriftliche Protest, den der Jugendliche einlegt, bleibt ohne Erfolg.

Angesichts dieser Perspektivlosigkeit ist es nicht verwunderlich, dass sich vor allem junge Menschen entschließen, diesem Land für immer den Rücken zu kehren – auf legalem oder illegalem Weg.

Zitierempfehlung: „Verweigerung der Reiseerlaubnis“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung April 2017, www.jugendopposition.de/145401


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