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Kritik und Selbstkritik

Kritik und Selbstkritik ist ein Ritual in kommunistischen Parteien, das seinen Ursprung in der durch Lenin und Stalin geprägten Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) hat. Seit den frühen 1920er Jahren sind Parteimitglieder (und Kandidaten der Partei, die einen Antrag auf Aufnahme gestellt haben) dazu verpflichtet, sich in Sitzungen ihrer Parteigruppe der Kritik ihrer Genossen zu stellen und selbst eigene Fehler und Vergehen einzugestehen. Das Verfahren soll, so heißt es, die „Reinheit und Einheit der Partei“ sicherstellen.
In der Praxis entwickelt es sich zu einem brutalen Instrument parteiinterner Auseinandersetzungen, in denen es nicht um Ehrlichkeit und Wahrheit, sondern um die Durchsetzung von Machtpositionen, die Unterwerfung unter die aktuell jeweils herrschende Parteilinie und die gegenseitige Kontrolle der Parteimitglieder geht.
Seinen grauenhaften Höhepunkt erreicht dieses Ritual in den stalinistischen Schauprozessen in der Sowjetunion der 1930 Jahre. Angeklagte Genossen bezichtigen sich schwerer Verstöße gegen die Normen der Partei und gestehen wahrheitswidrig schwerste Verbrechen, obwohl sie mit der Todesstrafe rechnen müssen.
Auch die SED übernimmt ab 1948 mit der Entwicklung zu einer „Partei neuen Typus“ dieses Ritual, dem sich die Mitglieder bei den regelmäßigen Parteiüberprüfungen zu unterwerfen haben. Und wie in der Sowjetunion und den nach 1945 gegründeten „Volksdemokratien“ des Ostblocks ist es auch in der DDR ein fester Bestandteil der in den 1950er Jahren geführten Schauprozesse gegen SED-Mitglieder.
Seit der ersten Entstalinisierungswelle 1956, ausgelöst durch die Rede des sowjetischen KPdSU-Vorsitzenden Nikita Chrustschow über Stalins Verbrechen, verliert dieses Ritual an Härte, doch in abgeschwächter Form bleiben Kritik und Selbstkritik bis zur Selbstauflösung der SED erhalten.

Literatur:
Arthur Köstler, Sonnenfinsternis, Zürich 1946 (Erstausgabe).
Manès Sperber, Wie eine Träne im Ozean, Köln/Berlin 1961 (deutsche Erstausgabe).
Wolfgang Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder, Köln 1955 (Erstausgabe).


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