Johannes Rink

Johannes Rink

Redaktion

Johannes Rink widerspricht den Behauptungen der SED, die den Mauerbau rechtfertigen. Am 14. August begibt er sich auf große Fahrt. Nach seiner Rückkehr im Oktober wird er in Rostock verhaftet.

Rostock 1959. Mit 18 Jahren gelingt es Johannes Rink, sich einen Jugendtraum zu erfüllen: Nach einer ungeliebten Bäckerlehre heuert er als Seemann bei der Fischfangflotte der DDR an. Bald schon geht es auf große Fahrt. Johannes Rink sieht ein Stückchen von der Welt und kann sich bei der Durchfahrt im Nord-Ostsee-Kanal westliche Zeitungen und Zeitschriften kaufen. Wenn er nach Hause in sein Dorf kommt, hat er viel zu erzählen.

Am 13. August 1961 feiert Johannes Rink in Rostock seinen 20. Geburtstag im Kreise seiner Kollegen. Während der Feier verbreiten sich die neuesten Nachrichten aus Berlin: Die Interner Link: Sektorengrenze ist hermetisch von Interner Link: Kampfgruppen und Volkspolizei abgeriegelt. Damit ist das letzte Schlupfloch in den Westen gestopft. Die jungen Seeleute lassen sich von den Radiomeldungen nicht die gute Laune verderben, denn die Interner Link: Mauer scheint die jungen Hochseefischer nicht zu betreffen: Regelmäßig laufen sie Häfen in Norwegen, Island und Kanada an. Wer von ihnen wirklich weg wollte, hätte dazu die Möglichkeiten. Und am nächsten Tag sollen sie mit ihren Fangschiffen wieder auslaufen.

Am nächsten Morgen gibt es jedoch eine Überraschung. Die Besatzungen der fünf Schiffe, die auslaufen sollen, werden im Speiseraum des Fischkombinats zusammengerufen. Eine Instrukteurin der Interner Link: SED soll Einzelheiten zur Grenzsicherung erläutern. Sie schiebt die Verantwortung auf den Westen, der die DDR angeblich überfallen wollte, behauptet, die Sicherung der Staatsgrenze hätte den Frieden gerettet.

„Wir waren jung, wir waren mutig, und wir hatten im Interner Link: RIAS die wahren Gründe gehört“, erzählt Johannes Rink heute. Während die Genossin ihre Parolen verbreitet, platzt ihm der Kragen. Er unterbricht sie und spricht Klartext. Er sagt, was ohnehin alle wissen: „Ihr habt die Grenze zugemacht, weil die Leute abhauen. Euer System hat abgewirtschaftet [...].“ Nun ist der Damm gebrochen. Die Rednerin wird von den Arbeitern niedergeschrieen. Tumult bricht aus. Die Seeleute verlassen den Versammlungsraum und gehen zu ihren Schiffen.

Die Schiffe laufen aus. Noch einmal sieht Johannes Rink den Nordatlantik und Norwegen. „Der Vorgang war abgehakt, keiner hat mehr daran gedacht“, sagt er im Nachhinein. Doch als das Fangschiff am 10. Oktober 1961 nach Rostock zurückkehrt, gibt es ein böses Erwachen: Im Hafen wartet eine schwarze Limousine des Typs EMW. Dieses Auto fährt damals die Interner Link: Staatssicherheit. Die Stasi-Mitarbeiter fordern Johannes Rink auf, zur „Klärung eines Sachverhalts“ mitzukommen. Sie fahren ihn in die Untersuchungshaftanstalt der Interner Link: Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit. Dort beginnen die Vernehmungen. Noch immer glaubt Johannes Rink nicht, dass sein Diskussionsbeitrag am 14. August 1961 ernsthafte Folgen haben könnte. Er beruft sich auf die Interner Link: Meinungsfreiheit, die in der Verfassung der DDR garantiert ist.

Nach sieben Monaten Untersuchungshaft findet der Prozess statt: Johannes Rink wird zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Einen Großteil der Strafe sitzt er im Interner Link: Zuchthaus Brandenburg ab.

Biografische Angaben zu Johannes Rink finden sie im Interner Link: Personenlexikon.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Artikel

Mauerbau

In Berlin treffen die feindlichen Weltmächte aufeinander. Die Grenzgänger werden zum Stein des Anstoßes.

Artikel

Nach dem Mauerbau

Möglichst unauffällig kaufen sie Kinderstempelkästen, Farbe, Papier – und entwerfen einen Aufruf an die Bürger von Jena. Doch dann erfährt die Stasi von der Flugblattaktion.

Portal

Die Mauer muss weg!

Von der DDR aus betrachtet ist West-Berlin Anfang der 1960er Jahre das „Schaufenster der freien Welt“. In den Westsektoren floriert ein buntes Leben, das für die Bürger der DDR noch ohne…

Artikel

Studenten im Widerstand

Kritik an der SED wird immer gefährlicher. Die Universitäten der DDR befinden sich auf dem Weg zu Kaderschmieden. Doch noch ist der Protest nicht verstummt.

Portal

Freie Wahlen!

Nach dem Krieg entsteht in der sowjetischen Besatzungszone ein neues autoritäres Regime unter Stalin und SED, der Partei die "immer Recht hat". Viele Jugendliche ziehen Lehren aus dem Schweigen ihrer…

Zeitzeuge

Thomas Ammer

Oktober 1954. Thomas Ammer und einige Mitschüler protestieren gegen den erneuten Wahlschwindel der SED. Sie stellen ein Plakat her und machen einen nächtlichen Ausflug zum Schießstand der GST.

Zeitzeuge

Achim Beyer

An den Geschwistern Scholl orientiert sich Achim Beyer, als er gegen die Unfreiheit in der DDR protestiert. Sein Protest richtet sich besonders gegen die Scheinwahlen von 1950.

Zeitzeuge

Roland Bude

Roland Bude setzt sich als gewählter Vertreter im Rostocker Studentenrat dafür ein, dass alle Studenten gleiche Rechte genießen können. Seine Strafe: eisige Winter im Lager von Workuta.

Artikel

Das Loch in der Mauer

Im Mai 1962 setzen vier West-Berliner Polizisten an der Ecke Bernauer und Schwedter Straße ein durchschlagendes Zeichen. Sie protestieren so gegen die Teilung ihrer Stadt.

Artikel

Fluchthilfe

Mit menschenverachtender Akribie sperrt das SED-Regime die eigenen Bürger ein. Mit Wagemut und Fantasie gelingt dennoch einigen die Flucht in die Bundesrepublik.