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Halle

An diesem Tag werden alle Hürden genommen: Demonstranten stoppen am 17. Juni 1953 eine Straßenbahn auf dem Hallmarkt im Zentrum von Halle. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)
An diesem Tag werden alle Hürden genommen: Demonstranten stoppen am 17. Juni 1953 eine Straßenbahn auf dem Hallmarkt im Zentrum von Halle. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)
Mit ganzem Herzen dabei: Die Marschkolonnen der streikenden Arbeiter vereinigen sich auf dem Markt in Halle. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)
Mit ganzem Herzen dabei: Die Marschkolonnen der streikenden Arbeiter vereinigen sich auf dem Markt in Halle. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)
Der Marktplatz von Halle zu Beginn der 1950er Jahre. Quelle: Bildarchiv Foto Marburg
Der Marktplatz von Halle zu Beginn der 1950er Jahre. Quelle: Bildarchiv Foto Marburg
Etwa 60.000 Menschen versammeln sich am Abend des 17. Juni 1953 zu einer Kundgebung auf dem Hallmarkt im Zentrum der Stadt. Quelle: Verein Zeitgeschichte(n) e. V. Halle
Etwa 60.000 Menschen versammeln sich am Abend des 17. Juni 1953 zu einer Kundgebung auf dem Hallmarkt im Zentrum der Stadt. Quelle: Verein Zeitgeschichte(n) e. V. Halle
Demonstranten vor dem Gebäude des Rates der Stadt Halle. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)
Demonstranten vor dem Gebäude des Rates der Stadt Halle. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)
Sturm auf den "Roten Ochsen": Demonstranten versammeln sich vor dem berüchtigten Zuchthaus am Kirchtor und werfen Steine gegen das Gefängnis. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)
Sturm auf den "Roten Ochsen": Demonstranten versammeln sich vor dem berüchtigten Zuchthaus am Kirchtor und werfen Steine gegen das Gefängnis. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)

Im Waggonbau Ammendorf bei Halle wird am 17. Juni 1953 mit Beginn der Frühschicht gestreikt. Gruppen von Arbeitern ziehen von Betrieb zu Betrieb, um ihre Kollegen zum Streik zu ermuntern. In Marschkolonnen bewegen sich die Streikenden in den Vormittagsstunden Richtung Innenstadt.

Die politischen Parolen sind eindeutig: freie Wahlen und Rücknahme der Normerhöhung. Das Verhalten der Demonstranten lässt keinen Zweifel daran, dass sich die Streikbewegung nach und nach zum Volksaufstand entwickeln wird. Überall reißen die Menschen die Fahnen und Parolen der Partei herunter. „Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille!“ skandiert die Menge. Damit spielen sie auf Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl an, die drei führenden Männer des Staates. In den Geschäften und Gaststätten entfernt das Personal eilig die Bilder der SED-Führer. Viele Geschäftsinhaber lassen die Rollläden herunter und schließen sich dem Demonstrationszug an.

Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille!

Doch den Demonstranten fehlt jegliche Organisation – zu spontan hat sich die Masse zusammengefunden. So beginnen sich die Streikenden in der Stadt zu zerstreuen. Der Großteil der Demonstranten versammelt sich am Reileck, einer verkehrsreichen Kreuzung am Rand der Altstadt. Dort verharren viele unschlüssig. In dieser Situation ergreifen vier Studenten der Landwirtschaftlichen Fakultät Halle die Initiative: Hans-Georg Isermeyer, Wieland Krüger, Herbert Priew und Harry Schuster. Sie besetzen das Häuschen der Verkehrspolizei. Ein Arbeiter kann die vorhandene Lautsprecheranlage in Gang bringen. Die Studenten ergreifen das Mikrofon und sprechen zur Menge: „Deutsche Männer! Deutsche Frauen! Wir demonstrieren heute Abend um 18 Uhr auf dem Hallmarkt für Frieden, Einheit und Freiheit. Erscheint in Massen, verhaltet euch diszipliniert. Denn nur so können wir etwas erreichen. Einheit macht stark!“

Die Studenten wiederholen ihren Appell zur friedlichen Massendemonstration auf dem zentralen Platz der Stadt einige Male. Dann tritt ein Arbeiter vom Waggonbau Ammendorf ans Mikro. Er fordert die Demonstranten auf, zum nahe gelegenen Gefängnis Roter Ochse zu ziehen, um die politischen Häftlinge zu befreien. Der Sturm auf das Gefängnis scheitert, doch die Nachricht von der geplanten Demonstration auf dem Hallmarkt verbreitet sich in der ganzen Stadt. Mit einem geenterten Lautsprecherwagen informiert die eilig gegründete zentrale Streikleitung die Bevölkerung über die Ereignisse.

Halle starrt in sowjetische Geschützrohre

Im Lauf des Nachmittags spitzt sich die Situation in Halle zu. Die Besatzungsmacht verkündet den Ausnahmezustand, und sowjetische Soldaten gehen gegen die Demonstranten vor. Die Kasernierte Volkspolizei und die Sowjettruppen versuchen, die Innenstadt abzusperren – und scheitern.

Gegen 18 Uhr strömt eine riesige Menschenmenge auf dem Hallmarkt zusammen. Die Mitglieder des Zentralen Streikkomitees reden zu den rund 60.000 Menschen. Sie fordern die Senkung der Preise, die Herabsetzung der Normen und freie Wahlen. Gegen Ende der Kundgebung tauchen sowjetische Panzer auf. Sie rollen langsam über den Platz und richten ihre Geschützrohre drohend gegen die Rednertribüne. Die Veranstaltung wird im Anblick der sowjetischen Panzerkanonen zu Ende geführt. Zum Abschluss singen die Menschen das Deutschlandlied. Danach rollen die Panzer über den Platz und vertreiben die Demonstranten.

Die größte friedliche Demonstration, die am 17. Juni 1953 in der DDR stattfindet, ist aufgelöst. Für viele Teilnehmer bleibt die Großkundgebung auch nach Jahrzehnten noch ein bewegendes Erlebnis. Die vier Studenten der Landwirtschaft, die mutig zum Mikrofon gegriffen haben, werden in den Tagen nach dem 17. Juni festgenommen und zu Haftstrafen verurteilt.

Zitierempfehlung: „Halle“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung Oktober 2018, www.jugendopposition.de/145353

 


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