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Chronik

1968

Januar

1968 verlassen 16.036 Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik.

Besonders in der DDR finden die Ideen der tschechischen Reformer Anklang. In der Nacht vom 23. zum 24. August 1968 schreibt der Oberschüler Hans-Thomas Stöckel die Losung an die Kirchenmauer in Mylau. Quelle: BStU-Kopie: Ast. Chemnitz ASt 2339/68 Bd.1, S.57

Der Reformpolitiker Alexander Dubcek wird Erster Sekretär der kommunistischen Partei der CSSR. Seine Losung: "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Was sich wenig später im Frühling 1968 in der CSSR ereignet, wühlt die ganze Welt auf: Freiheit und Sozialismus sollen eine Einheit bilden.
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Die Volkskammer beschließt ein neues Strafgesetzbuch und eine neue Strafprozessordnung, die am 1. Juli 1968 in Kraft treten.

Alexander Dubcek fährt zu Gesprächen über „Reformpolitik“ nach Moskau.

Zu Beginn des buddhistischen Neujahrsfestes (Tet) starten Vietcong-Verbände und nordvietnamesische Truppen eine Großoffensive, die schließlich den militärischen Rückzug der USA aus Vietnam einleitet.

Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Jugoslawien.

Februar

Flucht des 500. Soldaten nach dem Mauerbau in den Westen.

An den X. Olympischen Winterspielen in Grenoble nehmen erstmals zwei deutsche Mannschaften teil.

In West-Berlin kommt es zu Studentenprotesten gegen die US-Beteiligung am Vietnam-Krieg.

Etwa 80.000 Westberliner demonstrieren gegen Radikalismus von rechts und links sowie gegen eine einseitige Verurteilung der US-amerikanischen Vietnam-Politik.

März

Polen: Studentenproteste gegen Absetzung der Inszenierung von Adam Mickiewicz' „Die Totenfeier“.

3.000 Studenten demonstrieren am Grab des früheren tschechischen Außenministers Tomás Garrigue Masaryk und fordern freie Wahlen.

US-Soldaten verüben ein Massaker an den Einwohnern des südvietnamesischen Dorfes My Lai, wobei 507 Menschen ums Leben kommen. Das Kriegsverbrechen besiegelt den moralischen Zusammenbruch der Vereinigten Staaten in Südostasien.

Antonin Novotny, Altstalinist und Präsident der Tschechoslowakei, tritt zurück.

3.000 Menschen gründen in der Tschechoslowakei den „Club 231“ der nichtkommunistischen Opfer des Novotny-Regimes.

April

Vier radikalisierte Anhänger der Außerparlamentarischen Opposition (APO) setzen aus Protest gegen die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik zwei Frankfurter Kaufhäuser in Brand. Zwei Tage später werden die Brandstifter gefasst, unter ihnen Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Sie werden am 31. Oktober zu drei Jahren Haft verurteilt.

Der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King wird in Memphis/USA von einem weißen Attentäter erschossen.

Volksentscheid für eine neue DDR-Verfassung. 94 Prozent der Wahlberechtigten stimmen mit „Ja“. Die Verfassung, in der die DDR als „sozialistischer Staat deutscher Nation“ charakterisiert wird, tritt am 9. April in Kraft.

In einer Note an die UdSSR erklärt sich die Bundesrepublik zu Verhandlungen über Gewaltverzichtserklärungen mit allen Staaten des Warschauer Paktes bereit.

In West-Berlin wird Rudi Dutschke, Vorstandsmitglied des Sozialistischen Studentenbundes (SDS), von einem 23-jährigen Arbeiter niedergeschossen und schwer verletzt.

Nach dem Anschlag auf Rudi Dutschke kommt es zu Demonstrationen und teilweise blutigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung beschließt auf Geheiß Walter Ulbrichts die Sprengung der Garnisonskirche.

Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg erzielt die rechte NPD mit 9,8 Prozent der Stimmen das beste Ergebnis ihrer Parteigeschichte.

Der Leiter des Bundesnachrichtendienstes (BND), Generalleutnant Reinhard Gehlen, geht in den Ruhestand.

Mai

Die Sorbonne, die Universität von Paris, wird nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen demonstrierenden Jugendlichen und der Polizei geschlossen.

Gründung der Sozialistischen Deutschen Arbeiter-Jugend (SDAJ) als Jugendorganisation der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP).

Gewerkschaften rufen in Frankreich aus Solidarität mit den rebellierenden Studenten zu einem Generalstreik auf, der das Land lahm legt. Es kommt zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen mit Straßenschlachten, Massendemonstrationen und Fabrikbesetzungen.

Rund 30.000 Teilnehmer demonstrieren in einem Sternmarsch nach Bonn gegen die Notstandsgesetzgebung.

Der Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) lehnt einen Generalstreik zur Verhinderung der Notstandsgesetze ab.

Der Bundestag beschließt eine Ergänzung des Grundgesetzes durch die Notstandsverfassung.

Auf Anweisung Walter Ulbrichts wird die in Teilen aus dem 15./16. Jahrhundert stammende Leipziger Universitätskirche gesprengt.

Zu „Stabsmanövern“ ziehen sowjetische Truppen in die Tschechoslowakei ein.

Juni

Attentat auf den US-Senator Robert F. Kennedy. Einen Tag nach dem Attentat erliegt er seinen Verletzungen.

Einführung der Pass- und Visapflicht im Reise- und Transitverkehr zwischen der Bundesrepublik Deutschland und nach West-Berlin.

Die Kriegsruine der Potsdamer Garnisionskirche wird auf Geheiß Walter Ulbrichts gesprengt.

Siegmar Faust organisiert eine unangemeldete Lesung mitten auf dem Leipziger Elsterstausee. Rund 30 junge Leute, zumeist Studenten, treffen auf einem Motorboot zusammen, darunter Dietrich Gnüchtel, Heide Härtl, Wolfgang, Hilbig, Bernd-Lutz Lange, Gert Neumann, Kristian Pech und Andreas Reimann. Man liest und diskutiert unzensierte Texte, in denen sich der Missmut der Künstler gegen die offizielle Kulturpolitik der DDR spiegelt. Ausgehend von dieser Motorbootlesung bildet sich um Siegmar Faust ein literarischer Kreis, der sich der ideologischen Unabhängigkeit verschwört und sich ein Manifest geben will. Die Annahme, dies geschehe fern von Kontrolle und Überwachung des Staats, soll sich jedoch als Irrtum herausstellen. Eine für den September 1968 geplante zweite Lesung findet niemals statt. Zu den traurigen Folgen der Aktionen gehören: die Exmatrikulation Gert Neumanns vom Literaturinstitut, diverse Veröffentlichungsverbote und schließlich die Inhaftierungen von Andreas Reimann (24 Monate) und Siegmar Faust (33 Monate) wegen „staatsfeindlicher Hetze“.

In der Tschechoslowakei wird das „Manifest der 2.000 Worte“ veröffentlicht, in dem der bekannte Schriftsteller Ludvík Vaculíc scharfe Kritik an der Kommunistischen Partei äußert. Das Manifest wird zu einem der wichtigsten Texte des Prager Frühlings.

Juli

In Warschau beraten Partei- und Regierungsvertreter der UdSSR, der DDR, Polens, Ungarns und Bulgariens über die politische Entwicklung in der Tschechoslowakei.

In Cleveland, USA, ereignen sich schwere Rassenunruhen mit Plünderungen von Geschäften und Wohnungen. Es kommt zum Schusswechsel zwischen Schwarzen und der Polizei.

Zwei DDR-Physikern gelingt die Flucht mit einem Faltboot von Varna (Bulgarien) in die Türkei. Zuvor waren beide an einer spektakulären Protestaktion gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche beteiligt.

August

Mit schwerer Kampftechnik rücken Einheiten der Warschauer Vertragsstaaten in Prag ein. Quelle: BStU, MfS, HA IX/2854, S. 29

Im August 1968 marschieren ihre Truppen in die CSSR ein und zerschlagen die Hoffnung auf einen demokratischen Kommunismus.
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Flugblatt von Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und Sanda Weigl gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)

Eine Gruppe von Ost-Berliner Jugendlichen, unter ihnen Thomas Brasch, Bettina Wegner, Rosita Hunzinger, Frank Havemann, Erika Berthold und Sanda Weigl verteilen handgeschriebene Flugblätter gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Die Jugendlichen werden im Oktober zu Haftstrafen zwischen einem Jahr und drei Monaten und zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Am Tag des Haftantritts wird ein Teil der Strafen in Bewährungsstrafen umgewandelt und ein Teil wird ausgesetzt, so dass am Ende alle Jugendlichen auf freiem Fuß sind.
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Springbrunnen am Markt in Lübbenau 1968. Am Abend des 24. August 1968 beginnt hier die von den Schülern organisierte Protestdemonstration gegen den Einmarsch der Armeen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei. Quelle: Otto Lange/Lübbenau

In Lübbenau organisieren drei Jugendliche einen Protestzug gegen den Einmarsch des Warschauer Paktes in die CSSR. Etwa 120 Jugendliche schließen sich an. Gegen Ende der Demonstration wird der Zug brutal aufgelöst und viele Jugendliche festgenommen. Im Oktober werden die vermeintlichen Rädelsführer Achim Schiemenz (18 Jahre), Volker Rennert und Klaus-Dieter Wanske (beide 17 Jahre) zu Haftstrafen zwischen 14 und 18 Monaten verurteilt.
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Die sowjetische und tschechoslowakische Führung unterzeichnen in Moskau das „Moskauer Protokoll“.

September

Albanien erklärt den Austritt aus dem Warschauer Pakt. Bereits 1961 hat das Land seine Mitarbeit im Bündnis eingestellt.

Hildegart Becker nach ihrer Untersuchungshaft Ende sechziger Jahre. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Zusammen mit ihrer Schwester und einer Freundin schreibt die Schülerin Hildegart Becker ein Protestflugblatt zum Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die CSSR. Am 19. September 1968 wird sie auf offener Straße von der Stasi verschleppt. Erst kurz vor Weihnachten kommt sie aus dem Gefängnis frei.
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"Halten Sie stand, behalten Sie Hoffnung": Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes schickt Bernd Eisenfeld dieses Solidaritätstelegramm an die Botschaft der CSSR. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Bernd Eisenfeld verteilt in Halle Flugblätter gegen den Einmarsch des Warschauer Pakts in die CSSR und wird am nächsten Tag verhaftet. Bereits am Tag zuvor schickt er ein Solidaritätstelegramm an die Botschaft der CSSR.
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Gründung der DKP als Nachfolgeorganisation der 1956 verbotenen KPD).

Oktober

Demonstranten gegen den Einmarsch in die CSSR werden in Ost-Berlin abgeurteilt.

Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas proklamiert das Ende der Kulturrevolution.

November

Zwischen Studenten und der Polizei kommt es in West-Berlin zu blutigen Auseinandersetzungen. Auslöser ist das Berufsverbot für den APO-Anwalt Horst Mahler.

Richard Milhous Nixon wird zum 37. Präsidenten der USA gewählt.

Dezember

Der frühere Beisitzer am NS-Volksgerichtshof, Hans-Joachim Rehse, wird im Revisionsverfahren in West-Berlin vom Vorwurf des Mordes freigesprochen.

Hildegart Becker mit ihrer Freundin Barbara Dunemann und ihrer Schwester Gerlinde (v.l.n.r.) nach ihrer Untersuchungshaft Ende der 1960er Jahre. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Die drei Schülerinnen Barbara Dunemann, Hildegart und Gerlinde Becker aus Frankfurt/Oder werden aus der U-Haft entlassen. Mit einer Flugblattaktion hatten sie im August gegen den Einmarsch des Warschauer Paktes protestiert.
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