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Zion 86 - Sputnik-Verbot_RHG_Fak_0591_a

Jede Menge Arbeit nach dem Sputnik-Verbot: Die Stasi sammelt alle Informationen über Proteste von Jugendlichen gegen das Verbot der sowjetischen Zeitschrift. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie), Seite 2 von 6
Jede Menge Arbeit nach dem Sputnik-Verbot: Die Stasi sammelt alle Informationen über Proteste von Jugendlichen gegen das Verbot der sowjetischen Zeitschrift. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie), Seite 2 von 6


Abschrift:

Informationen über Proteste von Jugendlichen gegen das Verbot der Zeitschrift Sputnik.



Zentralrat der FDJ

Information über erste Reaktionen von Jugendlichen auf die Mitteilung über das Streichen der Monatszeitschrift "Sputnik" von der Postzeitungsliste

Die Information basiert auf Aussagen von Funktionären des Zentralrates der FDJ über Gespräche mit Jugendlichen und haupt- und ehrenamtlichen Funktionären sowie auf Einschätzungen der Bezirksleitungen der FDJ.

Die Mitteilung der Pressestelle des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen der DDR stieß bei den Jugendlichen aller Bereiche auf Unverständnis und löste Diskussionen aus. Diese reihen sich in die Debatten zu Fragen des Verhältnisses von Demokratie und Machtausübung, von Demokratie und eigener Mitwirkung ein. Die Einstellung des "Sputnik"-Vertriebes wird oft zum Anlaß genommen, um Grundsatzfragen zur Politik von Partei und Regierung aufzuwerten. Dabei sind Wirkungen westlicher Medien nicht gering.

Die in der Mitteilung gegebene Begründung ist nach Auffassung der Jugendlichen zu kurz, wenig aussagekräftig und zu undifferenziert und wird dadurch nicht als eine solche akzeptiert. Das Vertrauen in die Richtigkeit dieser Entscheidung ist – auch unter jungen Genossen – minimal ausgeprägt; selbige sei zudem nicht überprüfbar, da die Beiträge nicht bekannt seien. Durch diese "administrative Entscheidung" sehen sich die Jugendlichen in ihrer Meinungsbildung und Urteilsfindung "entmündigt". Diese Auffassung teilen selbst diejenigen, die keine "Sputnik"-Leser waren. Der Partei- und Staatsführung mangele es offensichtlich an Vertrauen gegenüber der DDR-Bevölkerung. Sie verstehen nicht, warum einem Bürger in der UdSSR solche Beiträge "zugemutet" werden können, einem DDR-Bürger jedoch nicht. Sie fragen, ob von der Bevölkerung jetzt jegliche Kritik und andere "offiziellen Auffassungen" zuwiderlaufende Aussagen ferngehalten werden sollen. Zudem sehen sich viele Jugendliche einer wichtigen Quelle für Informationen über die UdSSR "beraubt".

Viele Jugendliche sind unsicher, ob damit nicht zugleich eine Entscheidung gegen die UdSSR getroffen wurde. Fragen zum Verhältnis zwischen der DDR und der UdSSR, zur deutsch-sowjetischen Freundschaft werden nicht selten provokativ und in Anlehnung an das früher oft zitierte Grundprinzip "Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen" gestellt. Häufig wird die Befürchtung geäußert, daß bald auch weitere sowjetische Presseerzeugnisse (zum Beispiel "Neue Zeit", "Prawda", Sowjetliteratur") nicht mehr in der DDR vertrieben werden.

Hauptamtliche Funktionäre und das Verbandsaktiv ringen intensiv um die Klärung von Fragen und um eine einheitliche Argumentationslinie. Im Apparat des Zentralrates der FDJ wurde ein einheitliches Auftreten erreicht. In den Apparaten der Bezirks- und Kreisleitungen und an der Jugendhochschule "Wilhelm Pieck" ist der Klärungsprozeß noch nicht so weit fortgeschritten. Viele haupt- und ehrenamtlichen Funktionäre stehen den Diskussionen hilflos gegenüber, schwenken von erarbeiteten Argumentationslinien ab und/oder warten auf Argumente "von oben".

Es wurde deutlich, daß persönlich sehr engagiertes und sicheres Auftreten von Funktionären, ihr offensives Vertreten der Politik der SED die Jugendlichen beeindruckte – zum Teil auch überraschte – und zumindest zum Nachdenken über ihre eigene Position veranlaßte. Argumente, daß die Geschichte verfälschende Beiträge nicht in der DDR veröffentlicht werden, werden zwar als grundsätzlich richtige Position verstanden, jedoch wird nicht akzeptiert, daß die DDR-Bürger dies nicht selbst am konkreten Beispiel "erkennen können bzw. dürfen". Das Argument, daß die UdSSR ihre Geschichtsauffassungen derzeit teilweise revidiere und daß dies eine Angelegenheit sei, in die sich die DDR nicht einmische, wird nicht bzw. nur in geringem Maße angenommen. Dabei wird darauf verwiesen, daß DDR-Historiker doch auf entsprechende Beiträge mit eigenen Publikationen reagieren könnten. Dies sei eine legitime Form des wissenschaftlichen Meinungsstreits und keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der UdSSR.

"Die Information in der Presse reichte überhaupt nicht aus. Ich bin selbst regelmäßiger Leser dieser Zeitschrift gewesen, habe sie als zusätzliche Studienliteratur genutzt, weil sie eigentlich immer als fortschrittlich eingeschätzt wurde. Und nun wird der "Sputnik" so Knall und Fall gestrichen. Das finde ich unverständlich, zumal man nirgendwo eine detaillierte Argumentation dazu bekommt. Obwohl ich berücksichtige, daß zirka 80 Prozent der Jugendlichen, die jetzt mitmeckern, den "Sputnik" nie gelesen haben, fehlen mir aber die passenden Informationen für die restlichen 20 Prozent."
(Manfred Fritz, FDJ-Sekretär, Kreisbetrieb für Landtechnik Karstädt)


"Ich kann nicht begreifen, warum das Postministerium den "Sputnik" eingestellt hat. Ich verfolge gespannt die Informationen aus der SU, insbesondere die zur Perestroika. Geschichtsverzerrende Bilder interessieren mich nicht. Ich besorge mir den "Sputnik", um mich über die gegenwärtigen Prozesse zu informieren."
(Holger Gliesing, VEB Wittol, Betriebsteil Ebersbach)

"Die Art und Weise der Mitteilung gefällt mir nicht. Wenn im "Sputnik" geschichtsverfälschende Darstellungen publiziert werden, ist für mich unverständlich, daß die KPdSU diese Veröffentlichungen weltweit ohne Einschränkung zuläßt. Ich hätte einen Standpunkt unserer Partei zu der Regelung des Ministeriums erwartet, welcher mir hilft, überzeugend unseren Jugendfreunden die Notwendigkeit darzulegen."
(Bernd Kempin, Kraftwerk, Petrolchemisches Kombinat Schwedt)

"Es ist für mich unverständlich, daß der "Sputnik" auf einmal nicht mehr der deutsch-sowjetischen Freundschaft dienlich sein soll. Ich glaube, daß der "Sputnik" nur von interessierten Leuten gelesen wird, die diese Veröffentlichungen in die richtige Reihe bringen. Außerdem ist die Auflagenhöhe sowieso sehr gering."
(Frank Leuschner, VEB Sachsenglas Schwepnitz)

"Oft werden wir gefragt, warum man unsere Bürger für unmündig hält, die Artikel des "Sputnik" selber zu werten. Allerdings sind viele Jugendliche darunter, die sich über den "Sputnik" jetzt aufregen, ihn aber sonst gar nicht oder wenigstens nicht regelmäßig gelesen haben."
(Leitung der FDJ-Grundorganisation "Herbert Baum" im VEB Klement-Gottwald-Werk Schwerin)

"Man kann doch unseren Bürgern nicht vorschreiben, was sie zu denken haben. In Fragen des Geschichtsverständnisses muß sich unsere Regierung doch auf die Bürger wie bisher verlassen können."
(Reinhard Tascharge, Angestellter, VEB Robotron, Betriebsteil Eibau)

Es heißt doch immer, wir sollen uns über die Bruderländer informieren, um uns ein Bild über ihre Entwicklung, besonders der Sowjetunion, zu verschaffen. Mit diesem Schritt sollen wir im unklaren gelassen werden bzw. es werden uns Informationen über die SU vorenthalten. Dieses Verbot sollte nochmals von unseren zuständigen Stellen überdacht werden, schließlich verwenden viele Jugendliche den "Sputnik" zu ihrer Information und nicht zur Negativpropaganda."
(Andreas Gräfe, Bergbaubetrieb "Willi Agatz", SDAG Wismut)

"Die Jugendlichen erklären sich mit der Streichung des "Sputnik" nicht einverstanden. Sie haben den Eindruck, daß unsere Partei sich vor Auseinandersetzungen mit den Artikeln im "Sputnik" scheut."
(Leitung der FDJ-Grundorganisation "Willi Schröder" im VEB Hydraulik Schwerin)

"Wir grenzen uns von den im "Sputnik" getroffenen Wertungen ab. Allerdings sind wir nicht damit einverstanden, daß er überhaupt nicht mehr erscheint. Diese Methode gefällt uns nicht. Wir fühlen uns politisch entmündigt. Wir sind politisch so reif, die Auseinandersetzung dazu führen zu können."
(FDJ-Lehrerkollektiv der Friedrich-Schiller-Oberschule Pirna)

"Ich finde diese Entscheidung absolut nicht gut, da ich selber Abonnent dieser Zeitschrift war und sie doch gerade in der Zeit der Umgestaltung in der SU viele wissenswerte Artikel publizierte. Aber ich muß einschätzen, daß man sich mit einigen Veröffentlichungen auch schon in der Vergangenheit nicht identifizieren konnte."
(Dieter Moll, FDJ-Sekretär, Zuckerfabrik Güstrow)

"Hiermit trete ich mit sofortiger Wirkung aus der FDJ aus. Der Grund dafür ist die Mitteilung, daß die Zeitschrift "Sputnik" von der Postzeitungsliste gestrichen ist. Ich halte diese Maßnahme für Willkür unseres Staates gegenüber seinen Bürgern. Ich möchte nicht in einer Organisation sein, die dies in meinen Augen unterstützt."
(Uwe Schurig, Rationalisierungsmittelbau, Bezirksorganisation Frankfurt)

"Es ist gut, daß diese Entscheidung mit dem "Sputnik" gefällt wurde, da die Geschichte nicht auf den Kopf gestellt werden kann. Jeder sollte beachten, daß der "Sputnik" ein Spiegel der Presse der SU ist und nicht das Organ der KPdSU."
(Ronald Beyer, Grubenzimmerer, Bergbaubetrieb Schmirchau, SDAG Wismut)

"Es bestehen Spekulationen (durch Lehrer und Studenten) zur Einstellung der Belieferung mit der "Neuen Zeit" und der "Prawda". Abgelehnt wird eine 'Entscheidung der Belieferung mit dem "Sputnik" über die Köpfe der Menschen'. Gleichzeitig wird Unverständnis über die Verleihung des Karl-Marx-Ordens an N. Ceaucescu geäußert, da es sich bei 'Rumänien um ein runtergewirtschaftetes Land handele'. Es wurde provokatorisch die Frage gestellt, ob wir jetzt die 'DSF' durch eine 'Rumänisch-Deutsche Freundschaft' ersetzen werden. Im Zusammenhang mit der Einstellung der Aufführung einzelner sowjetischer Filme wird von Studenten und Lehrern die Auffassung vertreten, daß es sich um eine 'fatale kulturpolitische Fehlentscheidung' unter 'Machtmißbrauch' handele. Zu diesen Fragen soll jetzt dort eine Wandzeitung unter Nutzung der Überschriften der "Jungen Welt", "Wer treibt einen Keil zwischen die UdSSR und die DDR" entstehen."
(telefonische Information über die Situation an der Fachschule für Klubleiter Meißen durch einen Mitarbeiter der Abteilung Agitation/Propaganda der FDJ-Bezirksleitung Dresden)


Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)

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