Eisenberger Kreis
In der ostthüringischen Kleinstadt Eisenberg bildet sich Anfang der 1950er Jahre ein Widerstandskreis von Oberschülern. Sie planen Aktionen gegen die SED-Herrschaft – in der Tradition des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.
Die Abiturklasse an der Eisenberger Oberschule 1955: Thomas Ammer (vorne links), dahinter Joachim Marckstadt. In der Bildmitte die Klassenlehrerin
Irene Geier (LDP-Mitglied), die im Zuge der Kampagne gegen die Junge Gemeinde als Direktorin der Schule abgesetzt wird. Sie erzieht ihre Schüler in einem kritischen Geist gegenüber der SED.
Der Marktplatz von Eisenberg. Zu Beginn der 1950er Jahre ist das im Osten Thüringens gelegene Eisenberg eine beschauliche Kleinstadt mit circa 16.000
Einwohnern.
Porträt von Thomas Ammer, ca. 1955.
Peter Herrmann besucht wie Thomas Ammer die Oberschule in Eisenberg. Auch um ihn bildet sich eine lose Gruppe Gleichgesinnter, die zunächst nur
politische Diskussionen führen. Nach dem Abitur beginnt Peter Herrmann ein Mathematikstudium im nahe gelegenen Jena. Nach einem Treffen mit Thomas Ammer 1955 vereinbaren beide die Verschmelzung ihrer Gruppen. Nach dem Verrat der Gruppe zu Beginn des Jahres 1958 wird Peter Herrmann verhaftet und zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Wilhelm Ziehr ist ein Schulkamerad von Thomas Ammer und aktives Mitglied des Eisenberger Kreises. Als Pastorensohn ist er in der Zeit des
Kirchenkampfs besonders benachteiligt. Schon allein deshalb ist er politisch motiviert. Noch vor der Verhaftung der Gruppe verlässt er 1957 die DDR in Richtung Westen.
Johann Frömel ist neben Thomas Ammer und Reinhard Spalke einer der Initiatoren des Eisenberger Kreises. Er wird Anfang 1958 verhaftet und zu 14
Jahren Zuchthaus verurteilt.
Reinhard Spalke ist ein Klassenkamerad von Thomas Ammer und gehört zu den führenden Köpfen des Eisenberger Kreises. Um Informationen zu gewinnen
und sich zu tarnen, wird er Freiwilliger Helfer der Volkspolizei. Während einer nächtlichen Patrouille verteilt er Flugblätter und klebt Plakate gegen die SED-Willkürherrschaft. Dem Pfarrerssohn wird nach dem Abitur ein Studienplatz versagt. Den könne er nur bekommen, wenn er sich freiwillig zum Dienst in der NVA oder dem Staatssicherheitsdienst melde. Beides lehnt er ab. 1956 siedelt er zum Studium in die Bundesrepublik über.
Günter Schwarz ist an mehreren Aktionen der Eisenberger Widerstandsgruppe beteiligt. Zusammen mit Thomas Ammer pinselt er mit einer Pappschablone und
roter Lackfarbe etwa zehn Zentimeter große Sowjetsterne auf Mauern und Häuserwände in Eisenberg. Anschließend werden die Sterne mit schwarzer Farbe wieder durchgestrichen. Im Bild: Günter Schwarz in den 1950er Jahren.
Als Joachim Marckstadt Ende 1953 von seinem Mitschüler Thomas Ammer gefragt wird, ob er sich einem Widerstandskreis anschließen wolle, sagt er
spontan Ja. Sie gehen gemeinsam in eine Klasse, kennen sich gut und vertrauen einander. Im Bild: Joachim Marckstadt in den 1950er Jahren.
Der Oberschüler Ludwig Götz, der als Mitglied des Eisenberger Kreises an vielen Aktionen beteiligt ist.
In der ostthüringischen Kleinstadt Eisenberg bildet sich Anfang der 1950er Jahre ein Widerstandskreis von Oberschülern. Die Schüler sind empört über die Kampagne gegen die
Im Oktober 1954 protestieren sie mit einem Plakat gegen die Scheinwahlen zur
Militarisierung, Verhaftungen, Wahlbetrug: Schluss damit!
Nach dem Abitur, zwischen 1953 und 1955, beginnen einige Mitglieder des Eisenberger Kreises an verschiedenen Universitäten der DDR mit ihrem Studium. Dadurch weitet sich der Aktionsradius der Gruppe aus. Neue Mitglieder stoßen hinzu. Allerdings bildet sich nur in Jena eine aktive Widerstandsgruppe. Unter dem Eindruck des Volksaufstands in Ungarn im November 1956 verstärkt die Gruppe ihre Widerstandstätigkeit. An den Studentenprotesten im Herbst 1956, die es auch in Jena gibt, beteiligt sich der Eisenberger Kreis jedoch nicht. Die Mitglieder handeln streng konspirativ. So lässt sich beispielsweise Thomas Ammer zur Tarnung in die
Wie bereits gegen die Volkskammerwahlen von 1950 wehren sich vor allem jugendliche Oppositionelle gegen die Wahlen vom 17. Oktober 1954. Der
wiederholte Wahlschwindel der SED motiviert die Schülergruppe um Thomas Ammer, den langen Diskussionen nun Taten folgen zu lassen. Sie stellen dieses handgeschriebene Plakat im DIN-A-4-Format her, auf dem sie dazu aufrufen, gegen die Nationale Front zu stimmen. Von diesem Aufruf verteilen sie im Schutze der Dunkelheit einige Dutzend Exemplare in Eisenberg. Dem MfS dient dieses Plakat später als Beweismaterial für die Verurteilung des Eisenberger Kreises vor dem Bezirksgericht in Gera.
Der Eisenberger Kreis ist eine lose organisierte Gruppe, die streng konspirativ arbeitet. Es gibt keine hierarchischen Strukturen und keinen Vorstand.
Zu Beginn gehören etwa ein Dutzend Personen dazu: Schüler, Studenten, Lehrlinge und junge Arbeiter. Nach mehren Jahren Widerstandsarbeit fassen Thomas Ammer und Peter Hermann ihre Erfahrungen in Form einer methodischen Anleitung zusammen. Durch den Verrat der Gruppe im Februar 1958 kann jedoch die „Propaganda des Widerstandes“ nicht fertiggestellt werden. Im Bild: die überlieferten Fragmente der Konzeption des Eisenberger Kreises.
Der Eisenberger Kreis ist eine lose organisierte Gruppe, die streng konspirativ arbeitet. Es gibt keine hierarchischen Strukturen und keinen Vorstand.
Zu Beginn gehören etwa ein Dutzend Personen dazu: Schüler, Studenten, Lehrlinge und junge Arbeiter. Nach mehren Jahren Widerstandsarbeit fassen Thomas Ammer und Peter Hermann ihre Erfahrungen in Form einer methodischen Anleitung zusammen. Durch den Verrat der Gruppe im Februar 1958 kann jedoch die „Propaganda des Widerstandes“ nicht fertiggestellt werden. Im Bild: die überlieferten Fragmente der Konzeption des Eisenberger Kreises.
Der Eisenberger Kreis bringt seine politischen Forderungen an öffentlichen Einrichtungen an. Peter Hermann und zwei andere Mitglieder der Gruppe
malen am 21. Oktober 1956 die Losung „Polen ruft Deutschland“ mit roter Farbe an einen Eisenbahnwaggon auf dem Bahnhof Hainspitz. Die Bahnarbeiter, die das am nächsten Morgen bemerken, benachrichtigen nicht die Polizei, sondern hängen die Waggons planmäßig an den Pendlerzug nach Eisenberg an. Dort läuft der Zug für viele sichtbar in den Bahnhof ein.
Diese Losung, die sich auf die Ereignisse in Polen und Ungarn bezieht, wird von Mitgliedern des Eisenberger Kreises am 21. Oktober 1956 an einem
Bahnwaggon auf dem Bahnhof Hainspitz angebracht. Der Zug fährt bis zum Bahnhof Eisenberg.
Protest gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft: In einer spektakulären Aktion zündet der Kreis um Thomas Ammer einen GST-Schießstand in
Eisenberg an. Diese Aktion ist untypisch für den Kreis, weil er für gewaltfreien Widerstand eintritt.
Der Schießstand der GST, den Mitglieder des Eisenberger Kreises niedergebrannt haben, wird nicht wiederaufgebaut. Im Bild: die Reste der ehemaligen
Anlage in den 1990er Jahren.
Politische Forderungen des Eisenberger Kreises: Hier hat das MfS die Losung „Wahlen!“ an einer Häuserwand an der Bahnlinie zwischen Eisenberg und
Gera dokumentiert.
Clevere Idee: Durch eine von einem Motorrad gezogene Farbwalze planen Peter Hermann und Ludwig Götz die Beschriftung der Autobahn. Wegen technischer
Schwierigkeiten wird die Aktion jedoch nicht durchgeführt. Im Bild: die angefertigten Räder, in die die Gummiwalzen eingesetzt werden sollten.
Politische Forderungen des Eisenberger Kreises: Hier hat das MfS die Losung „Nieder die SED!“ an einer Häuserwand an der Bahnlinie zwischen
Eisenberg und Gera dokumentiert.
Mit einem handelsüblichen Kinderstempelkasten fertigt der Eisenberger Kreis im November 1956 dieses Flugblatt zum Aufstand in Ungarn an.
Die Mitglieder der Gruppe müssen aufpassen, kein verdächtiges Material zu Hause aufzubewahren. Dennoch verstecken einige Schriftstücke und
verbotene Literatur in Hohlräumen von Türrahmen oder unter dem Kohlenhaufen im Keller. Sicherer sind verschiedene Depots in der Umgebung von Eisenberg. Zu den versteckten Büchern gehört auch Wolfgang Leonhards „Die Revolution entlässt ihre Kinder“.
Zum ersten Jahrestag der blutigen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands plant die Gruppe 1957 den Versand eines „Aufrufs an die mitteldeutschen
Hochschullehrer“, der an die Universitäten Jena, Leipzig und Halle verschickt werden soll. Unter enormen Schwierigkeiten beschaffen die Jugendlichen sich Papier, Briefmarken, Wachsmatrizen und Briefumschläge sowie eine alte Schreibmaschine. Da trotz vielfältiger Vorsichtsmaßnamen doch Fingerabdrücke auf die Flugblätter geraten, wird die Aktion abgeblasen.
Nach seiner Verhaftung im Februar 1958 wird Johann Frömel aus der NDPD ausgeschlossen.
Die Mitglieder des Eisenberger Kreises, die auch Einwohner von Eisenberg waren, erhalten am 27. April 2000 vom Bürgermeister die Ehrenmedaille
Eisenbergs. V.l.n.r.: Joachim Marckstadt, Ludwig Götz, Peter Hermann, Rudolf Rabold, Johann Frömmel, der Bürgermeister Eisenbergs, Thomas Ammer, Peter Roland, Wilhelm Ziehr, Günter Schwarz.
Die Eisenberger Widerstandsgruppe verfügt über keine feste Organisationsstruktur, keine Führungsgremien und keine formale Mitgliedschaft. Etwa 16 bis 18 Schüler, Studenten und Lehrlinge gehören zu dem aktiven Kreis. Sie fordern freie Wahlen, den Abzug der sowjetischen Truppen, die Freilassung politischer Gefangener und die Zulassung von Oppositionsparteien. Einige Gruppenmitglieder nehmen Kontakt zu antikommunistischen Organisationen in West-Berlin auf und besorgen sich dort Literatur.
Schließlich gelingt es der
In den folgenden Wochen werden weitere 24 Mitglieder des Kreises festgenommen; fünf können sich der drohenden Verhaftung entziehen, indem sie in den Westen fliehen. Von September bis Oktober 1958 fällt das Bezirksgericht Gera 24 Urteile mit einem Gesamtstrafmaß von 114 Jahren und sechs Monaten
Weil Mitschüler wegen ihrer Mitgliedschaft in der Jungen Gemeinde von der Schule verwiesen werden, schließen sich Eisenberger Oberschüler zusammen, um ihren Widerstand effektiver gestalten zu können.
Eine formelle Gründung gab es nicht. Es ist einfach eine spontane Kristallisation von Jugendlichen gewesen, die über die Art und Weise, wie der Unterricht in der Schule ideologisiert war, und wie mit den Schülern umgegangen wurde, zusammengefunden hatten. Und der unmittelbare Anlass war die bereits erwähnte Kampagne gegen die
Um eine Wiederholung solcher Überrumpelungstaktiken zu vermeiden, hatten wir uns zunächst geeinigt: Wenn so etwas ansteht, dann sprechen wir uns ab, wie wir uns verhalten. Und dann haben wir unsere Leute auch in den verschiedenen Klassen bis in die FDJ-Schulgruppenleitung und sogar bis in die Kreisleitung der FDJ hineingebracht, um so etwas rechtzeitig mitzukriegen und nicht von heute auf morgen umgeworfen zu werden. Daraus ergab sich, dass man sich traf, über die politischen Vorgänge an Ort und Stelle redete, über das, was im Rundfunk zu hören war, was manchmal auch durch eingeschleuste Literatur erfahren wurde. Und da war die Erkenntnis über das Regime nicht mehr weit weg.
Thomas Ammer, Zeitzeuge auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2006
Spieldauer: 2 Min.
© 2006 Robert-Havemann-Gesellschaft & Bundeszentrale für politische Bildung
Weitere Inhalte
Die Texte von www.jugendopposition.de sind in Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. entstanden. Weitere Angaben zu den Autorinnen und Autoren finden Sie im Impressum.
Kontakt zur Redaktion von www.jugendopposition.de: E-Mail Link: info@jugendopposition.de
Für den Hinweis auf Texte von www.jugendopposition.de, die keine konkrete Autorin/ keinen konkreten Autor genannt haben, empfehlen wir folgende Zitierweise (Beispiel):
„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350