Too much future – Punk in der DDR

Too much future – Punk in der DDR

Redaktion

Aliens in der DDR: Die Wirkung, die die Punks im Arbeiter-und-Bauern-Staat hinterlassen, ist eigentlich nur mit der Landung von Außerirdischen zu vergleichen.

Der Tumult, den die Punks in der DDR veranstalten, währt ganze zehn Jahre: von 1979 bis 1989. Die Punks schreiben ein bizarres Kapitel DDR-Geschichte – grell durch die nonkonforme Überspanntheit ihres Treibens, finster durch dessen Verfolgung durch die Interner Link: Staatssicherheit. Sie führen sicher nicht den Zusammenbruch des Disziplinarregimes DDR herbei. Doch sie sind mitverantwortlich für eine nervöse Balance des Systems, die 1989 nicht mehr zu halten ist.

Wie eine Landung Außerirdischer: Punks in der DDR

1977/78 wird in den DDR-Zeitschriften der im Westen aufkeimende Punk als „Mittel im Arsenal bürgerlicher Ideologien, mit denen die Volksmassen manipuliert werden“, erwähnt. 1979 taucht auch in der DDR eine dem sozialistischen Selbstverständnis fremde Spezies auf. In den Straßen von Ost-Berlin, Leipzig und Weimar erscheint das Phänomen Punk zeitversetzt zur Bewegung in London. Die Wirkung, die die ersten Punks im Arbeiter-und Bauern-Staat hinterlassen, ist eigentlich nur mit der Landung Außerirdischer zu vergleichen. Wütend und vergnügt nehmen die Punks sich Freiheiten heraus, die bis dahin in der DDR undenkbar waren.

Bis 1982 hat sich, vorerst in Berlin und Leipzig, eine relativ überschaubare Szene formiert, die aber schwer zu kontrollieren ist. Sie bringt Punkbands wie Koks, Skunks, Rosa Extra, Wutanfall, Namenlos, Planlos, Schleim-Keim und viele andere hervor. Erst ab 1982 nimmt das Interner Link: Ministerium für Staatssicherheit (Interner Link: MfS) diese Subkultur wahr. Die Punks geraten schnell ins Visier von Kriminalpolizei und Staatssicherheit, da in der DDR dieses Phänomen westlicher Subversivität nicht existieren darf. In dieser Zeit gibt es schon die ersten illegalen Konzerte von Punkbands, meist in den Räumen der Kirche. Das Verhalten und das Aussehen der Punks findet der Staat negativ und dekadent.

Fast täglich werden Punks von der Kripo auf der Straße angehalten. Man überprüft ihre Personalien und lädt sie zur „Klärung eines Sachverhalts“ vor. Während der Befragung zur Person und zum politischen Umfeld kommt es immer öfter zu Werbungsversuchen: Die Punks sollen für das MfS spionieren! Die Interner Link: Stasi platziert die Interner Link: Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) innerhalb der Szene, am besten direkt in den Punkbands. Der Druck auf die Punks wächst. Es gibt Gaststätten-, Berufs- und Studienverbot.

Punk sein ist in der DDR politisch und kriminell

1983 will man das Punk-Problem endgültig lösen. Stasi-Chef Interner Link: Erich Mielke gibt den Befehl zur Zerschlagung der Bewegung. Nun folgt der vorläufige Höhepunkt einer Repressionswelle: Die Punks werden kriminalisiert, zur Armee eingezogen oder soweit unter Druck gesetzt, dass sie die Szene verlassen. An der Berliner Band Namenlos wird ein Exempel statuiert. Ihnen wird "Interner Link: staatsfeindliche Hetze" und öffentlicher Aufruhr vorgeworfen; die Mitglieder kommen für anderthalb Jahre ins Gefängnis. Weitere Urteile folgen. Auch zwei Musiker von der Leipziger Punkband L`Attentat bekommen Freiheitsstrafen bis zu anderthalb Jahren, die beiden anderen sind IMs. Und die Mitglieder der Berliner Band Planlos werden zur Interner Link: Nationalen Volksarmee einberufen.

Wenn die Staatssicherheit 1983 die Zahl der Punks insgesamt noch auf 900 Personen schätzt (400 davon allein in Berlin), ist die DDR-Ur-Punkszene 1984 praktisch nicht mehr existent. Im selben Jahr setzt in der DDR eine erste große Ausreisewelle ein. Viele Aktivisten der ersten Generation werden gezielt zur Armee einberufen, andere sitzen im Gefängnis, nicht wenige gehen mit der ersten Ausreisewelle in den Westen. Manch einer beschreitet im Osten neue Wege. Die Reste der Szene wechseln oft ins Lager der Skinheads oder gehen in einer zweiten Generation von Punks auf, die in den folgenden Jahren ungeheuren Zulauf erhält. Inzwischen tauchen Punks auch in den Bezirksstädten auf, von Schwerin bis Suhl.

Wehrdienst, Knast, Abschiebung: Der Ur-Punk wird zerschlagen

Die Staatssicherheit sieht sich jetzt nicht mehr nur mit einer überschaubaren und klar zu identifizierenden Punkszene konfrontiert, sondern mit einer gegenkulturellen Szene, die sich in viele Subszenen spaltet: Punks, Peacepunks, Hardcorepunks, Artpunks, Skinheads und so weiter. Durch die Liaison von Punk und Kirche ergeben sich Kontakte zu oppositionellen Umwelt- und Menschenrechtsgruppen.

Das geladene Verhältnis zwischen Punks und Partei beruht auf der Spannung zwischen Subkultur und Diktatur. Die freigesetzte Energie greift aus den Kellern und wenigen Szenetreffs auf die Ateliers junger Künstler über. So gewinnt der Punk Einfluss auf die Arbeitsweise und Lebenshaltung werdender Künstler und sucht auch die sozialistische Hochkultur heim – Studenten an Hochschulen und Universitäten.

Punk wird nicht zum Mainstream, aber doch zu einer Alltagserscheinung. Die Staatssicherheit begegnet dieser Entwicklung mit einer Kombination aus Repression und Unterwanderung. Der Staat entwickelt die Strategie der „dosierten Vereinnahmung“, um die wachsende Punkbewegung in den Griff zu bekommen. Punkbands, die sich einer Einstufungskommission stellen und sich musikalisch, inhaltlich und optisch anpassen, bekommen eine Spielerlaubnis.

Trotzdem reagiert der Staat nach wie vor sensibel und rigoros auf Punks, die sich nicht ein- und unterordnen. Es gibt weiterhin Strafbefehle und Inhaftierungen. 1986 werden zwei Mitglieder der Magdeburger Punkband Vitamin A zu Freiheitsstrafen verurteilt. Selbst 1989 gibt es für Punks noch Innenstadtverbot.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Artikel

Kontext

Kalter Krieg, Aufrüstung und Krisen weltweit: Überall wächst der Protest. Auch in der DDR formieren sich Opposition, Jugendkultur und Friedensbewegung gegen Kontrolle, Militarisierung und Repression.

Artikel

Pogo in Ost-Berlin

Die erste Ostberliner Punkband „Koks“ um das Botschafterkind „Ilja“ (16) fackelt nicht lange: Ohne stimmen der Gitarren geben sie ihr Debütkonzert direkt in der jugoslawischen Handelsvertretung.

Artikel

Alternative Jugendkultur

Rockfan, Punk, Wohnungsbesetzer, Neonazi – für die "Junge Welt" gehören alle in einen Topf, und alle sind vom Westen gesteuert. Das kann nicht gutgehen.

Artikel

Befehlsverweigerung in der NVA

Eingezwängt in ein totalitäres System von Befehl und Gehorsam, ohne Informationen und Kontakt nach außen finden nur wenige Soldaten den Mut zum Nein sagen.

Artikel

Umwelt, Frieden und Menschenrechte

Ob Radioaktivität aus Tschernobyl, Bitteres aus Bitterfeld, Reiseverbot oder atomares Wettrüsten: Es gibt genug Gründe, so nicht weiterleben zu wollen. Aber wer hat den Mut, zu protestieren?

Portal

Revolution

Am 7. Oktober 1989 feiert die DDR ihren 40. Jahrestag, während bereits Zehntausende über Ungarn und die ČSSR fliehen. Das Land ist politisch wie wirtschaftlich am Ende. Doch viele, vor allem junge…