Aktionen der DDR-Umwelt-Bewegung

Aktionen der DDR-Umwelt-Bewegung

Redaktion

Schwerin macht Schule. Die erste Baumpflanzaktion im September 1979 zieht Kreise. Immer mehr Menschen engagieren sich im Umweltschutz in der ganzen DDR.

Glaubt man den offiziellen Darstellungen der Interner Link: SED-Führung, gibt es in der DDR bis 1989 keine gravierenden Umweltprobleme. Smog, Waldsterben und sauren Regen kennen die DDR-Bürger nur aus dem Westfernsehen. Doch es genügt ein Blick vor die eigene Haustür, ein Gang durch den Betrieb oder ein Ausflug ins Erzgebirge, um zu begreifen, dass die DDR-Regierung auch bei der Umweltzerstörung verschweigt, vertuscht und lügt.

Besonders erschreckend ist das Ausmaß der Zerstörung beim Uranbergbau und im Chemiedreieck Halle-Leipzig-Bitterfeld durch die Chemiewerke und den Kohleabbau. Verschmutzte Seen und Flüsse, kahle Wälder und Mondlandschaften sind die nicht zu übersehenden Folgen der desaströsen DDR-Wirtschaft.

Mondlandschaften, Kloaken und Chemiecocktails

Die einzige offizielle Organisation in der DDR, die sich ansatzweise mit der Umwelt auseinandersetzt, ist die Gesellschaft für Natur und Umwelt im Interner Link: Kulturbund der DDR. Mit staatlicher Förderung ausgestattet, beschränkt sich deren Arbeit aber auf die Pflege der wenigen Naturschutzgebiete, aufs Bestimmen von Schmetterlingen und das Zählen von Fröschen. Eine politische Dimension erlangt ihre Arbeit nicht, und Umweltprobleme werden hier bestenfalls in kleinem Kreis diskutiert. Vor diesem Hintergrund haben die Aktionen der DDR-Umweltbewegung vor allem zwei Ziele: die unhaltbaren Zustände öffentlich zu machen und Bürger zu aktivieren, selbst etwas für den Schutz ihrer Umwelt zu tun.

Innerhalb der Kirche etabliert sich eine eigenständige Umweltbewegung mit dem christlichen Motiv, die Schöpfung zu erhalten. Informations- und Dokumentationszentrum ist das Kirchliche Forschungsheim Wittenberg, das Umweltaktivitäten koordiniert, systematisch Umweltprobleme erforscht und in zahlreichen Publikationen Anleitungen zum Umweltschutz für die Aktivitäten kleinerer Gruppen im ganzen Land herausgibt.

Zu den häufigsten Aktionsformen der Gruppen gehören Demonstrationen, Fahrradkorsos, Ökologie-Seminare, Informationsveranstaltungen und nicht zuletzt der aktive Einsatz vor Ort, zum Beispiel bei einer Baumpflanzaktion. Immer ist das Hauptziel, so viele Menschen wie möglich zu mobilisieren.

Eine für die Verhältnisse beachtliche Resonanz erreicht der Einsatz dreier 17-jähriger Schüler aus Schwerin, die 1979 die erste Baumpflanzaktion starten. Interner Link: Jörn Mothes, Interner Link: Nikolaus Voss und Olaf Naasner organisieren in der Evangelischen Jugendarbeit ein Umwelt-Wochenende mit Vorträgen und einer Aktion, bei der 50 Jugendliche etwa 5.000 Bäume entlang einer Straßenbahnlinie in Schwerin pflanzen. (Wie Christian Halbrock im Zeitzeugen-Interview berichtet, wollen die Jugendlichen aktiv sein, auf die Straße gehen und nicht nur Interner Link: Eingaben verfassen.) Der Kontakt zur Bevölkerung ist gut, und es bietet den Aktivisten einen gewissen Schutz, wenn die Bürger auf Verhaftungen mit Empörung reagieren. Warum führt man junge Leute ab, die etwas für die Umwelt tun?

Verbrecherische Verschleierungstaktik in Sachen Strahlung

Zu einem zentralen Anliegen der Umweltschützer wird der Kampf gegen die Atomkraft. Nach dem Interner Link: GAU in Interner Link: Tschernobyl am 26. April 1986 erfahren die DDR-Bürger nur über die Westmedien von der Katastrophe, die Ostmedien vertuschen die Ereignisse.

Die Kirchenführung reagiert empört auf das Informationsdefizit in den DDR-Medien nach dem Tschernobyl-Unfall. Schließlich erkennen viele Bürger die wahren Gefahren der Verstrahlung nicht – und können sich nicht schützen. Diese Diskussion führt zu einer verstärkten Sensibilisierung der Bevölkerung für Umweltthemen.

Um dem eklatanten Mangel an Aufklärung und Kommunikation abzuhelfen und das Informationsmonopol des Staates zu unterwandern, gründen Christian Halbrock, Interner Link: Wolfgang Rüddenklau und Carlo Jordan 1986 mit Gleichgesinnten die Berliner Umwelt-Bibliothek (UB). Sie ist die erste dieser Art in der DDR. Diese und das 1988 aus der UB hervorgehende Grün-ökologische Interner Link: Netzwerk Arche werden zu Zentren der oppositionellen Umweltarbeit.

Fussnoten

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Zwischen Glasnost und Tschernobyl: Die 1980er stehen im Zeichen von Gorbatschows Reformkurs, wachsender Opposition im Ostblock und einer vorsichtigen Annäherung der beiden deutschen Staaten.

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Ein Aufnäher wird zum Symbol für die Friedensbewegung in der DDR. Das Ziel: Stopp der atomaren Aufrüstung in Ost und West.

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Umwelt-Bibliothek

In der Ostberliner Umwelt-Bibliothek kann man Sachen lesen, die es in der DDR sonst nicht gibt. Hier werden Flugblätter gedruckt und subversive Aktionen geplant.

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Carlo Jordan

Als Mitbegründer der Berliner Umwelt-Bibliothek und Herausgeber von Untergrundzeitschriften vernetzte er mit der „Arche“ die DDR-Ökologiebewegung und wurde zur zentralen Figur der Opposition.

Zeitzeuge

Christian Halbrock

Seit 1983 ist Christian Halbrock im Umweltkreis der Evangelischen Studentengemeinde in Berlin aktiv. Er beteiligt sich z. B. an Aktionen gegen den Autobahnbau bei Schwerin oder an…

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Wolfgang Rüddenklau

Wolfgang Rüddenklau, Mitbegründer der Berliner Umwelt-Bibliothek, prägte die „Umweltblätter“ mit seiner machtkritischen Haltung und wurde eine zentrale Stimme der basisdemokratischen DDR-Opposition.