Aufstand in Workuta

Aufstand in Workuta

Redaktion

Der sowjetische Lagerkomplex Workuta ist mit schätzungsweise 4.000 deutschen Inhaftierten eine der größten Lagerregionen im sowjetischen Gulag. Als die Häftlinge von Stalins Tod und dem Volksaufstand in der DDR erfahren, kommt es zum ersten Streik in einem der Kohleschächte.

Der sowjetische Lagerkomplex Workuta liegt im Zentrum eines riesigen Kohlebeckens nördlich des Polarkreises. Unweit der Häftlingslager befinden sich zahlreiche Kohleschächte sowie weiterverarbeitende Betriebe: Kraftwerke, Ziegeleien und Zementfabriken. Die Anlagen und Schächte sind durch Eisenbahnen verbunden, die von Häftlingen betrieben werden. Workuta ist mit schätzungsweise 4.000 deutschen Inhaftierten eine der größten Lagerregionen im sowjetischen Interner Link: Gulag.

Workuta: Das kalte Grauen jenseits des Polarkreises

Der Hallenser Medizinstudent Horst Hennig erlebt den Häftlingsaufstand von 1953 im Lager Nr. 10, das mit etwa 40 Baracken mitten in der Tundra liegt. Es ist mit dreifachem Stacheldraht und Wachtürmen umzäunt. Hier leben mehr als 3.000 Häftlinge. Die Gefangenen werden täglich in den anderthalb Kilometer entfernten Kohleschacht geführt, wo sie in drei Schichten unter Tage arbeiten müssen. Die Bedingungen sind sehr primitiv. Der Winter in der Tundra dauert neun Monate; mit 30 bis 50 Grad minus wird es äußerst kalt. Von Dezember bis Januar lässt sich die Sonne nicht blicken – dann herrscht die ewige Dunkelheit der Polarnacht. Der Sommer ist kurz und heiß. Dann verwandelt sich die Tundra in ein Blütenmeer. In dieser Zeit steigert sich die Sehnsucht nach Freiheit ins Unerträgliche.

Im Sommer 1953 gibt es im Lager viele Gerüchte. Mit selbst gebastelten Radiogeräten erfahren die Häftlinge über ausländische Sender von den Moskauer Machtkämpfen nach Stalins Tod. Lawrentij Berija, der Chef des sowjetischen Geheimdienstes (Interner Link: NKWD), ist als Spion und Verräter erschossen worden. Auch die Nachricht von den Streiks und Demonstrationen am 17. Juni 1953 in der DDR verbreitet sich. In den Lagern kursieren Flugblätter, die zum Streik aufrufen.

Workuta: Über 15.000 Häftlinge streiken, Hunderte sterben

Ab 30. Juni 1953 kommt es zum ersten Streik in einem der Kohleschächte. Die Eisenbahner verbreiten die Streikparole, und einige Tage später weigern sich die Häftlinge eines anderen Lagers, in den Schacht einzufahren. Die Lagerleitung steht dem zunächst machtlos gegenüber. Ein Lagerabschnitt nach dem anderen schließt sich dem Streik an, bis am 29. Juli 1953 sechs der 17 Abteilungen des Workuta-Komplexes streiken – insgesamt 15.604 Gefangene. Die Lagerleitungen flüchten; Streikkomitees übernehmen die Kontrolle. Sie kümmern sich auch um die Versorgung mit Lebensmitteln.

In Workuta erscheint eine Kommission aus Moskau und verhandelt mit dem Häftlingskomitee. Der Leiter der Kommission legt den Lagerinsassen einen Kompromissvorschlag vor: Neun-Stunden-Tag, Entfernung der Häftlingsnummern von der Kleidung, Besuchserlaubnis für Verwandte, Empfang von Briefen und Geldsendungen der Familien. Doch die Gefangenen fordern Amnestie.

Am 1. August 1953, so Horst Hennig später, wird der Lagerkomplex von Soldaten vollständig umstellt. Die Streikenden werden ultimativ aufgefordert, die Arbeit in den Kohlegruben unverzüglich wiederaufzunehmen. Hennig steht inmitten einer tausendköpfigen Menschenmenge. Als die Aufforderung, den Streik zu beenden, über Lautsprecher wiederholt wird, haken sich die wehrlosen Gefangenen in den ersten Reihen unter und marschieren in Richtung Lagerausgang. Sie rufen: „In die Freiheit!“. Dann fallen die ersten Schüsse. Aus Maschinengewehren feuern die Wachmannschaften in die Menge hinein. Offizielle Quellen sprechen von 42 Toten und 135 Verletzten, Augenzeugen von Hunderten Opfern.

Der Häftlingsaufstand in Workuta zeigt der Sowjetführung, dass das System der Häftlingslager in dieser Form nicht aufrechterhalten werden kann. Moskau reagiert: Zuerst werden die Kriminellen amnestiert, dann schrittweise auch die politischen Gefangenen. Für das Sowjetimperium beginnt der mühsame und widersprüchliche Weg der Entstalinisierung.

Fussnoten

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