Friedensgebete und Montagsdemonstrationen
Die berühmten Leipziger Montagsdemonstrationen haben ihren Ursprung in der DDR-Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre: Seit 1981 werden in der Messestadt Friedensgebete organisiert; seit 1982 finden Sie immer montags statt. Hinzu kommen andere Veranstaltungen der Friedensbewegung in und an verschiedenen Kirchen.
Leipziger Basisgruppen protestieren am 24. Oktober 1988 in der Nikolaikirche gegen das Verbot von selbst gestalteten Friedensgebeten. Auch vor der
Kirche wird protestiert. V.l.n.r.: Udo Hartmann, Frank Sellentin, Rainer Müller, Anita Unger und Uwe Schwabe.
"Wir sehen uns als Christen und als Leute, die die Wahrheit lieben, verpflichtet, hier zu protestieren": 1988 erklären Mitglieder des Arbeitskreises
Gerechtigkeit, der Initiativgruppe Leben und des Arbeitskreises Solidarische Kirche Leipzig, warum die Friedensgebete abgesetzt wurden.
Schwerter zu Pflugscharen: Plakat mit dem Hinweis auf das Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche (1984).
Die Nikolaikirche in Leipzig ist ein zentraler Ausgangspunkt der friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989.
Skizze vom Leipziger Innenstadtring von Dietrich Boddin.
Am 9. Oktober 1989 demonstrieren mehr als 70.000 Menschen in Leipzig friedlich gegen das SED-Regieme und fordern Reformen. Aram Radomski und Siegbert
Schefke filmen und fotografieren heimlich dieses Ereignis. Anschließend werden ihre Aufnahmen mit Hilfe von West-Journalisten nach West-Berlin geschmuggelt. Die sensationellen Bilder sind noch am selben Abend in den Tagesthemen zu sehen.
Nach der Demonstration am 9. Oktober 1989 wird die Stadt Leipzig am darauffolgenden Montag hermetisch abgeriegelt. Die Sicherheitskräft von
Staatssicherheit sind bewaffnet und dazu angehalten auf "Provokationen" mit Härte zu reagieren. Trotz der Drohkulisse demonstrieren am 16. Oktober 1989 150.000 Menschen friedliche in der Leipziger Innenstadt - doppelt so viele, wie in der Vorwoche.
Der Karl-Marx-Platz im Zentrum der sächsischen Metropole ist Schauplatz zahlreicher Montagsdemonstrationen während der Zeit der Friedlichen
Revolution in der DDR. Montagsdemonstration am 16. Oktober 1989.
Montagsdemonstration in Leipzig am 23. Oktober 1989: Das ironische Transparent zeigt die Abwandlung eines Ausspruchs von Erich Honecker: „Den
Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf."
Im Herbst 1989 sind an vielen Orten Friedensgebete die Ausgangspunkte für Demonstrationen. Das Bild zeigt die Leipziger Demo am 23. Oktober 1989, auf
der erstmals Vertreter des Neuen Forums Ansprachen halten. Am 25. September demonstrieren rund 4.000 Menschen, am 2. Oktober 20.000, am 9. Oktober etwa 70.000, am 16. Oktober 150.000 und am 23. Oktober mehr als 300.000.
Demonstrationszug durch die Leipziger Innenstadt am 23. Oktober 1989.
Auf der Montagsdemo am 30. Oktober 1989 in Leipzig fordern die Demonstranten Reformen und freie Wahlen.
Montagsdemo am 6. November 1989 in Leipzig. Ein Transparent erinnert an den Prager Frühling 1968, der blutig niedergeschlagen wurde.
Montagsdemonstranten vor dem Gebäude der Staatssicherheit am 6. November 1989 in Leipzig.
Montagsdemonstration am 13. November 1989 in Leipzig. Es tauchen die ersten Transparente mit der Losung „Deutschland, einig Vaterland“ auf.
Zur traditionellen Montagsdemonstration am 20. November 1989 finden sich über 100.000 Bürger auf dem Karl-Marx-Platz und dem Ring ein. Neben der
Aufforderung an alle, im Land zu bleiben, geht es vor allem um freie Wahlen und die Änderung des Artikels 1 der Verfassung, in dem der Führungsanspruch der SED festgeschrieben ist.
Nach den Friedensgebeten in sieben Kirchen finden sich am 27. November 1989 etwa 200.000 zur Montagsdemonstration ein.
Der Liedermacher Wolf Biermann, der nach jahrelangen Auftrittsverboten 1976 während einer Tournee in der Bundesrepublik ausgebürgert wurde, tritt
zum erstenmal wieder in der DDR auf. In der Messehalle 2 wird er von den etwa 5.000 Besuchern mit einem Beifallsorkan empfangen.
150.000 Leipziger demonstrieren am 4. Dezember 1989 auf dem Karl-Marx-Platz.
Ein "stiller Abschluss" der Montagsdemonstrationen des Jahres 1989 am 18. Dezember. Mit Kerzen in den Händen gedenken 100.000 Demonstranten den
Opfern von Gewalt und geistiger Unterdrückung in der DDR.
Montagsdemonstration am 18. Dezember 1989.
Montagsdemonstration in Leipzig am 15. Januar 1990. Wieder sind Zehntausende Menschen auf der Straße. Die Mehrheit ist sich einig: "Deutschland einig
Vaterland" und "Nieder mit der SED".
Montagsdemonstration in Leipzig am 15. Januar 1990. Wieder sind Zehntausende Menschen auf der Straße. Die Mehrheit ist sich einig: "Deutschland einig
Vaterland" und "Nieder mit der SED".
Montagsdemonstration in Leipzig am 15. Januar 1990. Wieder sind Zehntausende Menschen auf der Straße. Die Mehrheit ist sich einig: "Deutschland einig
Vaterland" und "Nieder mit der SED". Mit unter den Demonstranten sind Mitglieder der Republikaner, welche Werbematerial verteilen.
Montagsdemonstration in Leipzig am 15. Januar 1990. Wieder sind Zehntausende Menschen auf der Straße. Die Mehrheit ist sich einig: "Deutschland einig
Vaterland", "Nieder mit der SED" und "Gebt NAZIS Keine Chance".
Die zentrale Figur in der Gestaltung und Organisation der Friedensgebete ist
Durch die stärkere politische Ausrichtung der Gruppen und den Zustrom von Ausreisewilligen werden die Friedensgebete ab Mitte der 1980er Jahre zu systemkritischen politischen Veranstaltungen, die auch über die Kirche hinaus Öffentlichkeit erlangen. Die Folge: Verhaftungen und steigender Druck des Staates auf die Kirchenleitung. Ab September 1988 gibt die Leipziger Kirchenleitung dem Druck nach und untersagt den unabhängigen Gruppen die inhaltliche Gestaltung der Friedensgebete.
Es sind die Montage, die in der DDR Geschichte schreiben
Diese Regelung führt in den folgenden Wochen immer wieder zu Tumulten bei den Gottesdiensten, bis sie im Frühjahr 1989 wieder aufgehoben wird. Die Leipziger Gruppen
Die kritische politische Prägung der Friedensgebete geht auch von den vielen jugendlichen Teilnehmern der Leipziger Gruppen aus. Sie sind es, die die ersten Montagsdemonstrationen mit noch wenigen Beteiligten anführen.
Unmittelbar nach der Fälschung der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 organisieren Leipziger Gruppen eine Demonstration, an der rund 600 Menschen teilnehmen. Am kommenden Tag wird während des Friedensgebets in der
Der Landesbischof
Die Veranstaltungen werden nun als Montagsgebete bezeichnet und die anschließenden Demos als Montagsdemonstrationen. Gerade die politische Ausrichtung der Friedensgebete macht die Leipziger Andachten so populär. Schnell ist Montag für Montag das Kirchenschiff der Nikolaikirche mit Besuchern überfüllt. Die verschiedenen oppositionellen Strömungen finden hier einen gemeinsamen Raum und eine wenn auch noch kleine Öffentlichkeit. Schnell verbreitet sich im ganzen Land der Ruf der Leipziger Friedensgebete. Die Montagsgebete und -demonstrationen tragen den Protest gut sichtbar auf die Straße und in die Gesellschaft hinein. Damit läuten sie das Ende der DDR ein.
Nach dem Montagsgebet am 4. September 1989 sammeln sich rund 1.000 Menschen vor der Leipziger Nikolai-Kirche. Ihre Rufe nach Reisefreiheit und nach
einer Reform des politischen Systems werden in den kommenden Wochen jeden Montag in der Leipziger Innenstadt zu hören sein.
Bei der ersten Montagsdemonstration am 4. Septemeber 1989 entrollen Gesine Oltmanns und Katrin Hattenhauer zusammen mit anderen Oppositionellen in der
Leipziger Innenstadt unter anderem dieses Transparent.
Kurze Zeit später reißt die Staatssicherheit das Plakat runter. Nur die mediale Begleitung der Demonstration durch die westlichen Medien verhindert,
dass öffentlich Verhaftungen stattfinden. Eine Woche später wird Katrin Hattenhauer (mit Brille) von der Geheimpolizei verhaftet.
Angeführt wird der Demonstrationszug von jungen Mitgliedern Leipziger Umwelt- und Menschenrechtsgruppen. Von rechts: Carola Bornschlegel, Udo
Hartmann, Uwe Schwabe, Christian Dietrich, Thorsten Beinhoff, Gesine Oltmanns, Katrin Hattenhauer.
Zug der Montagsdemonstration vom 4. September 1989 in Leipzig.
„Es muß was geschehn …“: Artikel von Katharina Führer über das Friedensgebet am 11. September 1989 in der Leipziger Nikolaikirche und die
anschließenden brutalen Übergriffe der Polizei auf die Teilnehmer des Friedensgebets (11. September 1989).
„Es muß was geschehn …“: Artikel von Katharina Führer über das Friedensgebet am 11. September 1989 in der Leipziger Nikolaikirche und die
anschließenden brutalen Übergriffe der Polizei auf die Teilnehmer des Friedensgebets (11. September 1989).
Die Koordinierungsgruppe der Leipziger Fürbittandachten für die Inhaftierten informiert über die Ereignisse rund ums Friedensgebet vom 11.
September 1989.
Informationen zu Fürbittandachten in Berlin für die in Leipzig Inhaftierten (29. September 1989 bis 9. Oktober 1989) sowie über Festnahmen seit dem
11. September 1989 in Leipzig.
„Wir sind das Volk!“, „Wir sind das Volk!“, „Wir sind das Volk!“
Die erste
Anfang September 1989 ändert sich auch die Zielvorstellung der Demonstrationen. Während vor dem Sommer noch viele Ausreisewillige unter dem Ruf „Wir wollen raus!“ zu den Friedensgebeten erscheinen, sind es in den ersten Septemberwochen vor allem die Angehörigen von Oppositionsgruppen, die nicht mehr vor den Zuständen in der DDR fliehen wollen. Sie wollen die Republik verändern und skandieren jetzt, sehr zum Schrecken der DDR-Führung, „Wir bleiben hier!“.
Am 18. September 1989 versammeln sich schon während des Gottesdienstes, den fast 2.000 Menschen besuchen, mehr als 1.000 Leute vor der Leipziger Nikolaikirche. Die Teilnehmerzahlen steigen von Woche zu Woche, was laut Rainer Müller und Uwe Schwabe auch auf den festen Treffpunkt zurückzuführen ist: immer montags in der Nikolaikirche. Am 25. September sind es 8.000 Menschen, die in einem Demonstrationszug auf dem Ring um die Leipziger Innenstadt ziehen. Der Zug führt direkt an der
Dass die Revolution später zum größten Teil friedlich verläuft, ahnt im September 1989 noch niemand. Hundertschaften von Polizei und Stasi stehen jeden Montag bereit und warten auf den Einsatzbefehl. Jederzeit kann es zur offenen Konfrontation kommen, jederzeit kann Blut fließen. Die Massaker der chinesischen Armee an den demonstrierenden Studenten auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens vom 3. und 4. Juni 1989 sind allen in schlimmer Erinnerung.
Der Tag der Entscheidung
Am 9. Oktober 1989, zwei Tage nach den offiziellen Feierlichkeiten zum 40. Republikgeburtstag, versammeln sich rund 70.000 Menschen um die Leipziger Nikolaikirche. Ein Eingreifen der bereitstehenden Polizei-Hundertschaften würde zur Eskalation der Gewalt führen. Doch nach einiger Zeit ziehen sich die Polizisten in ihre Mannschaftswagen zurück und räumen das Feld. Rainer Müller und seine Mitstreiter feiern. (Über die Leipziger
Am 9. Oktober 1989 demonstrieren mehr als 70.000 Menschen in Leipzig friedlich gegen das SED-Regieme und fordern Reformen. Aram Radomski und Siegbert
Schefke filmen und fotografieren heimlich dieses Ereignis. Anschließend werden ihre Aufnahmen mit Hilfe von West-Journalisten nach West-Berlin geschmuggelt. Die sensationellen Bilder sind noch am selben Abend in den Tagesthemen zu sehen.
Leipziger Oppositionsgruppen appellieren am 9. Oktober 1989 an alle Demonstranten und Einsatzkräfte, sich friedlich zu verhalten.
Immer wieder montags: Über 70.000 Menschen beteiligen sich am 9. Oktober 1989 an der Montagsdemonstration in Leipzig.
Ein Stasi-Offizier gibt später zu Protokoll: „Am 9. Oktober überstieg ja erstmals die Zahl der Demonstranten alles, was man erwartet hatte. Selbst das, was wir nach den Berliner Ereignissen [gemeint sind die Demonstrationen am 7. Oktober] im
Die DDR-
Die Leipziger Montagsdemonstrationen sind zu Recht zu einem Synonym für den Aufstand eines Volkes gegen seine Regierung geworden. An den Protestdemonstrationen, die ab dem 4. September 1989 regelmäßig jeden Montag stattfinden, nehmen im Oktober bereits Zehntausende Menschen teil. Leipzig ist die erste Stadt der DDR, in der so viele Menschen auf die Straße gehen, um für eine grundlegende Wandlung des politischen Systems zu demonstrieren. Ihr Ruf „Wir sind das Volk!“ wird zum wichtigsten Slogan der Revolution – bis er im November 1989 nach dem Fall der
In Leipzig gibt es ab 1988 jeden Montag die Friedensgebete in der Nikolaikirche. Die Oppositionsgruppen verbinden das Gebet immer mit einer weiteren Aktion. 1989 mobilisieren sie damit viele Menschen.
Leipzig war so eine Besonderheit, dort gab es seit 1988 jeden Montag die
Im Januar 1988 war die Karl-Liebknecht-Rosa-Luxemburg-Demonstration` an der verschiedene Oppositionelle teilgenommen haben – wie Stefan Krawcyk,
Friedensgebete wurden nach diesen Ereignissen 1988 viel politischer. Dort sind auch Gruppen aufgetreten, die politische Forderungen gestellt haben. Das hat wiederum anderen Gruppen nicht gepasst. Die haben gesagt: ´in Friedensgebet, das ist kein Polit-Forum. Da können wir keine Erklärungen vorlesen. Das ist ein Friedensgebet, der Charakter muss erhalten bleiben` Da gab es Konflikte zwischen den einzelnen Gruppen.
Uwe Schwabe, Zeitzeuge auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2004
Spieldauer: 4 Min.
© 2004 Robert-Havemann-Gesellschaft & Bundeszentrale für politische Bildung
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350