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Die Rolling Stones kommen in die DDR

Die Rolling Stones kommen in die DDR

Redaktion

Das Gerücht, dass die Rolling Stones ein Konzert auf dem Westberliner Springer-Hochhaus geben werden lockt zahlreiche Jugendliche nach Ost-Berlin. Am Ende des Tages werden ca. 430 festgenommen.

(© Eulenspiegel, 3. Oktoberheft 1965, Nr. 42 ) (© Bernd Woick) (© Bernd Woick) (© Bernd Woick) (© Bernd Woick) (© Bernd Woick ) (© Bernd Woick)

Das Gerücht verbreitet sich unter DDR-Jugendlichen wie ein Lauffeuer: Am 7. Oktober 1969 sollen die Interner Link: Rolling Stones ein Berlin-Konzert geben. Und zwar auf dem Dach des Westberliner Springer-Hochhauses direkt an der Interner Link: Mauer – womit sie auch Ost-Berlin beschallen dürften. Wie auch immer dieses Gerücht zustande gekommen ist: Die Fans hoffen darauf, weil es einfach zu schön wäre. Viele wollen nach Berlin fahren.

In den Akten des Interner Link: Ministeriums für Staatssicherheit (Interner Link: MfS) taucht das Gerücht zum ersten Mal am 13. September 1969 auf. In einer Notiz heißt es: „Der Beschuldigte schrieb in der Straße am Schenkenbusch in Dessau auf die Asphaltdecke: Rolling Stones Fans fahrt nach Ber...`. Durch sich nähernde Passanten nahm er davon Abstand, das Wort Berlin zu vervollständigen.“ Zwei Wochen später tauchen in Berlin-Prenzlauer Berg Flugzettel auf: „Die Rolling Stones kommen nach West-Berlin.“

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Das MfS ist sofort auf dem Plan: „Jugendliche mit dekadentem Äußeren“ außerhalb Berlins werden zur „Aussprache“ zur Polizei bestellt. Sie bekommen ein Interner Link: Berlin-Verbot für den angeblichen Konzerttermin. Einigen nimmt man sogar den Personalausweis ab und händigt ihnen einen Interner Link: PM 12 aus. An diesem Ersatzausweis kann jeder Interner Link: Volkspolizist sofort erkennen, dass es sich um einen „Störenfried“ der Republik handelt. Solche Jugendliche kann man willkürlich vernehmen und aus dem Verkehr ziehen.

Die Sicherheitsorgane verstärken die Kontrollen rund um Berlin. Jugendliche mit langen Haaren, Lederjacken und Jeans werden weggefangen, auf Polizeistationen vernommen und unter Strafandrohung nach Hause geschickt. Das kann fatale Folgen haben: Nach solchen Festnahmen schicken die Behörden nämlich Mitteilungen an den Betrieb oder die Schule des Jugendlichen. Allein am 7. Oktober 1969 werden 238 Jugendliche, die bis Berlin durchgekommen sind, auf den Bahnhöfen der Hauptstadt abgeführt.

Ausgerechnet an diesem Tag finden in Berlin auch die offiziellen Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der DDR statt. Während die „ordentlichen“ Jugendlichen bei der Militärparade entlang der Karl-Marx-Allee Spalier stehen, tauchen in der Leipziger Straße, nahe der Mauer und des Springer-Hochhauses, Jugendliche auf, die augenscheinlich nicht zum Treffen junger Sozialisten wollen. Die Ersten werden festgenommen. Bis 14 Uhr treffen immer mehr Jugendliche ein. Erstaunlicherweise ist die Polizei – trotz der vielen präventiven Maßnahmen des MfS – schlecht auf die Situation vorbereitet.

Langhaarige Rockfans treffen auf parteitreue Paradespießer

Weil sich das Getümmel so nahe an der Grenze befindet, verlieren die Interner Link: Volkspolizisten die Nerven. Sie gehen mit Schlagstöcken und Hunden auf die Jugendlichen los. Der U-Bahn-Betrieb wird gestoppt, um den weiteren Zustrom zu verhindern. Die Polizei versucht, die Leipziger Straße zu sperren.

Die Jugendlichen antworten in Sprechchören: „Wir wollen Stones! Wir wollen Freiheit!“ Im Chor wird „Dubcek, Dubcek!“ gerufen. Der Name des Interner Link: tschechoslowakischen Reformkommunisten ist für viele ein Symbol der Freiheit. Interner Link: Ordnungsgruppen der Interner Link: FDJ, allesamt im Interner Link: Blauhemd, drängen die Stones-Fans in Nebenstraßen ab. Im Abschlussbericht des MfS heißt es später: „Unter Hochrufen auf unsere Republik und Interner Link: die Partei der Arbeiterklasse waren sie bald Herr der Lage.“

Insgesamt werden 430 Jugendliche festgenommen, auf LKW verladen und zu Sammelstellen der Polizei gebracht. Dort werden sie angebrüllt, geprügelt und brutal verhört. Stundenlang müssen sie mit gespreizten Beinen und erhobenen Händen an der Wand stehen. Nach der Tortur werden die meisten der Jugendlichen wieder laufen gelassen.

An diesem Tag wird die inszenierte Harmonie des DDR-Jubiläumsfestes durch einen schrillen Misston gründlich verdorben. Üblicherweise werden auf Plakaten und im Fernsehen adrette Jugendliche gezeigt. Sie tragen einen militärischen Fassonschnitt und sind mit einem frisch gebügelten FDJ-Hemd unterwegs.

Doch das Bild einer Jugend, die sich im permanenten Taumel der sozialistischen Begeisterung befindet, erhält einen kräftigen Kratzer. Die Teenager in ausgefransten Jeans und verwaschenen Parkas, die zusammenströmen, um „westlich dekadente“ Musik zu hören, sind ein Schlag ins Gesicht der Interner Link: SED. Das Regime politisiert den Protest der Jugendlichen, der eher unpolitischer und spontaner Natur ist.

Viel Lärm um nichts: Das Konzert der Rolling Stones findet nicht statt. Das Gerücht hat sich nicht bewahrheitet.

Fussnoten

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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350