Die Rolling Stones kommen in die DDR
Das Gerücht, dass die Rolling Stones ein Konzert auf dem Westberliner Springer-Hochhaus geben werden lockt zahlreiche Jugendliche nach Ost-Berlin. Am Ende des Tages werden ca. 430 festgenommen.
Ost-Berliner Rolling Stones Fans 1965.
Der 22-jährige Bernd Woick hat von dem Gerücht vom Konzert der Rolling Stones auf dem Dach des Axel-Springer-Hochhauses gehört. Obwohl er dem
Gerücht wenig Glauben schenkt macht er sich, selbst ein Fan der Stones, am 7. Oktober 1969 auf den Weg in Richtung Mauer. Als Hobbyfotograf hat er seine Kamera dabei, mit der er den Auflauf der Jugendlichen und das Einschreiten der Polizei dokumentiert. Etwa tausend Jugendliche sammeln sich trotz Polizeiabsperrungen an der Fischerinsel.
Immer mehr Jugendliche zieht es in Richtung Mauer zum Springer-Hochhaus. Polizei und Staatssicherheit versuchen die Jugendlichen aufzuhalten. Es kommt
zu Verhaftungen und Prügelszenen. Doch viele der Stones-Fans können die Polizeisperren überwinden und versammeln sich am Spittelmarkt in unmittelbarer Nähe zur Mauer.
In kleinen Gruppen warten die Fans auf das heißersehnte Konzert der Stones. Das Konzert der Rolling Stones findet jedoch nicht statt. Das Gerücht
hat sich nicht bewahrheitet.
Gruppen von Jugendlichen schauen sehnsuchtsvoll zum Springer-Hochhaus. Doch weit und breit keine Spur von Mick Jagger.
Der Versuch vieler Jugendlicher, einmal im Leben ihre Idole zu sehen und zu hören, wird von der Polizei niedergeknüppelt. 430 Jugendliche werden
festgenommen, auf LKW verladen und zu Sammelstellen der Polizei gebracht und anschließend stundenlang verhört. Ein flüchtender Jugendlicher vor dem Ungarischen Kulturhaus.
Die Hoffnung auf ein Konzert der Rolling Stones erfüllt sich nicht. Das Gerücht hat sich nicht bewahrheitet. Ein Live-Konzert der Rolling Stones
bleibt für viele DDR-Jugendliche weiterhin nur ein Traum.
Das Gerücht verbreitet sich unter DDR-Jugendlichen wie ein Lauffeuer: Am 7. Oktober 1969 sollen die
In den Akten des
Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!
Das MfS ist sofort auf dem Plan: „Jugendliche mit dekadentem Äußeren“ außerhalb Berlins werden zur „Aussprache“ zur Polizei bestellt. Sie bekommen ein
Die Sicherheitsorgane verstärken die Kontrollen rund um Berlin. Jugendliche mit langen Haaren, Lederjacken und Jeans werden weggefangen, auf Polizeistationen vernommen und unter Strafandrohung nach Hause geschickt. Das kann fatale Folgen haben: Nach solchen Festnahmen schicken die Behörden nämlich Mitteilungen an den Betrieb oder die Schule des Jugendlichen. Allein am 7. Oktober 1969 werden 238 Jugendliche, die bis Berlin durchgekommen sind, auf den Bahnhöfen der Hauptstadt abgeführt.
Ausgerechnet an diesem Tag finden in Berlin auch die offiziellen Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der DDR statt. Während die „ordentlichen“ Jugendlichen bei der Militärparade entlang der Karl-Marx-Allee Spalier stehen, tauchen in der Leipziger Straße, nahe der Mauer und des Springer-Hochhauses, Jugendliche auf, die augenscheinlich nicht zum Treffen junger Sozialisten wollen. Die Ersten werden festgenommen. Bis 14 Uhr treffen immer mehr Jugendliche ein. Erstaunlicherweise ist die Polizei – trotz der vielen präventiven Maßnahmen des MfS – schlecht auf die Situation vorbereitet.
Langhaarige Rockfans treffen auf parteitreue Paradespießer
Weil sich das Getümmel so nahe an der Grenze befindet, verlieren die
Die Jugendlichen antworten in Sprechchören: „Wir wollen Stones! Wir wollen Freiheit!“ Im Chor wird „Dubcek, Dubcek!“ gerufen. Der Name des
Insgesamt werden 430 Jugendliche festgenommen, auf LKW verladen und zu Sammelstellen der Polizei gebracht. Dort werden sie angebrüllt, geprügelt und brutal verhört. Stundenlang müssen sie mit gespreizten Beinen und erhobenen Händen an der Wand stehen. Nach der Tortur werden die meisten der Jugendlichen wieder laufen gelassen.
An diesem Tag wird die inszenierte Harmonie des DDR-Jubiläumsfestes durch einen schrillen Misston gründlich verdorben. Üblicherweise werden auf Plakaten und im Fernsehen adrette Jugendliche gezeigt. Sie tragen einen militärischen Fassonschnitt und sind mit einem frisch gebügelten FDJ-Hemd unterwegs.
Doch das Bild einer Jugend, die sich im permanenten Taumel der sozialistischen Begeisterung befindet, erhält einen kräftigen Kratzer. Die Teenager in ausgefransten Jeans und verwaschenen Parkas, die zusammenströmen, um „westlich dekadente“ Musik zu hören, sind ein Schlag ins Gesicht der
Viel Lärm um nichts: Das Konzert der Rolling Stones findet nicht statt. Das Gerücht hat sich nicht bewahrheitet.
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350