Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit
In der sowjetischen Zone und in Ost-Berlin sind gezielte oder willkürliche Festnahmen durch die Geheimdienste der Besatzungsmacht an der Tagesordnung. Meistens erfahren die Familien nicht, wieso ihre Angehörigen plötzlich verschwunden sind. 1948 wird im amerikanischen Sektor von Berlin unter dem Namen Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) ein Suchdienst eingerichtet.
Zu den Zielen der KgU gehören die Unterstützung aller, die sich mit politischen Mitteln gegen das Terrorsystem in der DDR auflehnen sowie der Aufbau
eines Suchdienstes. Der wird eingerichtet, um das Schicksal der in der SBZ verhafteten oder verschleppten Menschen aufzuklären. In der Kartei des Suchdienstes befinden sich 1952 etwa 100.000 Einträge.
Aus den Haftanstalten Waldheim und Zwickau werden durch die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit und das Befreiungskomitee für die Opfer totalitärer
Willkür im Juli 1952 Jürgen Poppitz, Ekkehard Schumann und Horst Schnabel (v.l.n.r.) befreit.
Die KgU verwendet in ihrem Einsatz gegen die SED-Diktatur ganz unterschiedliche Methoden. Sie verbreitet Flugblätter, gefälschte Tageszeitungen,
gefälschte Briefmarken, Aufklärungsbroschüren und Dokumentationen über das SED-Unrecht.
Die Flugblätter und Schriften der KgU werden in West-Berlin hergestellt und gestreut. Anschließend werden sie über die Sektorengrenze geschmuggelt.
Ein Netz von DDR-Kontaktleuten sorgt für die weitere Verteilung. Viele Flugblätter gelangen auch mittels Heißluftballons in die DDR.
Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit registriert Namen von Spitzeln und Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit. Diese Namenslisten
werden als Flugblätter illegal in der DDR verteilt und teilweise auch über den RIAS öffentlich bekannt gegeben.
Auch die Widerstandsgruppe der Werdauer Oberschüler hält Kontakt zur KgU. Die Schüler erhalten nicht nur die nötige Technik zur Vervielfältigung
von Flugschriften, sie verteilen auch Flugblätter der KgU in Werdau und Umgebung. Im Bild: ein Flugblatt der KgU, das zu Beginn der 1950er Jahre in der DDR verteilt wird.
Natürlich alles illegal: Die von der KgU hergestellten Flugblätter werden Anfang der 1950er Jahre in der DDR verteilt.
Natürlich alles illegal: Die von der KgU hergestellten Flugblätter werden Anfang der 1950er Jahre in der DDR verteilt.
Natürlich alles illegal: Die von der KgU hergestellten Flugblätter werden Anfang der 1950er Jahre in der DDR verteilt.
Natürlich alles illegal: Die von der KgU hergestellten Flugblätter werden Anfang der 1950er Jahre in der DDR verteilt.
Acht Jahre nach Kriegsende prangert die KgU die Missstände in der DDR in ihren Flugblättern an.
Die KgU gießt Öl ins Feuer: Mit sogenannten administrativen Störmaßnahmen versucht sie, die Wirtschaft der DDR zu desorganisieren. Sie verschickt
gefälschte amtliche Verfügungen, Bestellungen oder Einladungen. Sie verbreitet gefälschte Lebensmittelmarken in hoher Auflage. Damit will die KgU die ohnehin prekäre Versorgungslage in der DDR zuspitzen und die Ablehnung des Systems bei den Bürgern verstärken.
Um das SED-Regime zu schwächen, bringt die KgU gefälschte Kohlemarken in hoher Auflage in Umlauf.
Gefälschte Briefmarken mit propagandistischen Aufdrucken, die die KgU zu Beginn der 1950er Jahre in der DDR verteilt.
Von der KgU gefälschte und in der DDR in Umlauf gebrachte Briefmarken.
Um den blutig niedergeschlagenen Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der Erinnerung der DDR-Bevölkerung wachzuhalten, verbreitet die KgU diese
gefälschten Briefmarken in der DDR.
Sonderzug nach Pankow: Nach dem 17. Juni 1953 bringt die KgU dieses gefälschte Bahnticket in Umlauf. Die Lubjanka ist das berühmt-berüchtigte
Gebäude, in dem die Zentrale der russischen Geheimpolizei seit 1920 untergebracht ist. Außerdem befinden sich dort ihr zentrales Gefängnis und Archiv. Pankow ist ein Synonym für die SED-Diktatur: Hier, am Majakowskiring, wohnen in den 1950er Jahren nahezu die gesamte SED-Führung und die Regierungsmitglieder der DDR. In Karlshorst befindet sich das Hauptquartier der sowjetischen Besatzungsmacht.
Ein Staatschef schwitzt: Das Satiremagazin Tarantel erscheint zwischen 1950 und Ende 1961 in West-Berlin und wird in der DDR illegal verbreitet. Im
Bild: das Titelblatt einer Sonderausgabe vom Februar 1957. Walter Ulbricht hält darauf eine explosive Kette in der Hand, die die kommunistische Nachkriegsgeschichte charakterisiert.
In den 1950er Jahren kommt es zu etlichen großen Schauprozessen am Obersten Gericht der DDR. Vom 23. bis 25. Mai 1952 wird ein Prozess gegen
Kontaktleute der KgU inszeniert – geleitet von DDR-Justizministerin Hilde Benjamin. Sechs Angeklagte erhalten lebenslängliche oder sehr hohe Zuchthausstrafen.
Auch dem Weimarer Lehrer Gerhard Benkowitz, Kontakmann der KgU, wird vorgeworfen, Spionage betrieben und die Sprengung einer Brücke geplant zu haben.
Er wird 1955 vom Obersten Gericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Im Bild: eine Propagandaausstellung des MfS über die KgU.
Die KgU verteilt Anfang der 1950er Jahre kleine Handzettel in der DDR, auf denen die DDR-Justizministerin Hilde Benjamin als Mörderin bezeichnet
wird. Hilde Benjamin ist von 1949 bis 1953 Vizepräsidentin des Obersten Gerichts. Als Vorsitzende Richterin ist sie auch an den Prozessen gegen KgU-Mitglieder beteiligt.
"W heisst Widerstand!" Die W-Aktion wird von der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit inspiriert und Unterstützt. Mitglieder der Wiederstandsgruppe
Deutscher Patrioten verteilen Flugblätter mit diesem Slogan in der DDR. Am 25. Februar 1953 werden sieben Mitglieder der Widerstandsgruppe vom Bezirksgericht Potsdam zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt.
F steht für Freiheit: 1949 beginnt die KgU ihre F-Kampagne. Der Buchstabe soll überall in der sowjetischen Zone an Häuserwände geschrieben oder
auf Flugblättern verbreitet werden.
Mit dem Heißluftballon gegen das himmelschreiende Unrecht
In der
1948 entschließen sich
Das Büro der KgU ist zunächst in der Wohnung von
Satire der KgU: Stasi und SED von der Tarantel gestochen
1949 beginnt die KgU ihre F-Kampagne. Der Buchstabe F steht für Freiheit. Er soll symbolisch überall in der sowjetischen Zone an Häuserwände geschrieben oder auf Flugblättern verbreitet werden. Ein weiteres Mittel des Widerstands sind sogenannte administrative Störungen. Zum Beispiel werden gefälschte amtliche Verfügungen, Bestellungen industrieller Güter oder Einladungen verschickt. Die KgU verbreitet falsche
Unter dem Eindruck des
Die SED schlachtet Aktionen der KgU propagandistisch aus und erfindet zusätzlich geplante Terroraktionen. Auch wenn nicht alles geglaubt wird, was die SED verbreitet, schwindet doch die Unterstützung in der westlichen Öffentlichkeit. Der Vorwurf wird laut, dass junge Menschen leichtfertig zu abenteuerlichen Aktionen verleitet würden. 1959 stellt die KgU ihre Arbeit endgültig ein.
Ein Todesurteil gegen den Schüler Hermann Joseph Flade aus dem Erzgebirge im Januar 1951 schreckt die Werdauer Gruppe nicht ab. Man will das so nicht hinnehmen, muss was dagegen tun.
„Hermann Joseph Flade war ein Gleichaltriger. Ich habe ihn später in der Haft kennen gelernt und danach sehr viel Kontakt mit ihm gehabt. Hermann Joseph Flade hatte in Olbernhau im Erzgebirge als Einzelgänger Flugblätter hergestellt. So ähnlich, wie wir das gemacht haben. Und darüber wurde berichtet, übrigens auch in der DDR-Presse, natürlich verfälscht. Tatsache war: Er ist während des Verteilens von zwei
Hermann Joseph Flade wurde im Januar 1951 in einem großen
Bei uns in unserer Werdauer Gruppe, wie auch bei anderen, bewirkte das Todesurteil das Gegenteil. Wir sagten uns: Das kann man wohl nicht hinnehmen, das kann man nicht hinnehmen. Ein Todesurteil, schon wegen eines solchen Flugblattes... Wir haben ja auch nichts anderes gemacht. Dann dauert es noch 14 Tage und man wird wegen einer kleinen Bemerkung während des Unterrichts zum Tode verurteilt! Das ist ja wohl nun die Grenze, da muss man unbedingt was dagegen tun. Und wer bisher nichts dagegen getan hat, macht es vielleicht jetzt. Und es ist wirklich heute nachweisbar, dass die Widerstandsbewegung unter Jugendlichen in dieser Zeit zugenommen hat. Gewisserweise aus Solidarisierung heraus mit Hermann Joseph Flade und dann vor allem als Gegnerschaft zu dem System.
Und dann haben wir ein weiteres eigenes Flugblatt mit Schreibmaschine getextet und vervielfältigt, ganz primitiv, und verteilt. Die Zahl der Flugblätter war immer so zwischen 300 und 500. Bis zu 1.000 hatten wir auch mal, je nachdem, wo wir das Papier herbekommen haben und wie viel Papier wir hatten. Da war oftmals ein Engpass. Dieses Flugblatt haben wir auch an höhere Funktionäre, Justizfunktionäre und so weiter verschickt. Dieses Flugblatt ist erhalten geblieben. Das liegt vor, ein etwas längerer Text, in dem aufgerufen wurde, gegen dieses Todesurteil zu protestieren.“
Quelle: Zeitzeugeninterview mit Achim Beyer am 11. Oktober 1998, Sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der
Produktion: 1998
Spieldauer: 4 Min.
© 2007 Robert-Havemann-Gesellschaft & Bundeszentrale für politische Bildung
Weitere Inhalte
Die Texte von www.jugendopposition.de sind in Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. entstanden. Weitere Angaben zu den Autorinnen und Autoren finden Sie im Impressum.
Kontakt zur Redaktion von www.jugendopposition.de: E-Mail Link: info@jugendopposition.de
Für den Hinweis auf Texte von www.jugendopposition.de, die keine konkrete Autorin/ keinen konkreten Autor genannt haben, empfehlen wir folgende Zitierweise (Beispiel):
„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350