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Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit

Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit Abschrift

Warnungen der "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" an die Jugend der Sowjetzone

Ein Wort an die Jugend der Sowjetzone

Die deutsche Jugend in der sowjetischen Besatzungszone steht vor einer schweren Entscheidung. Obwohl sie mit stalinistischer Propaganda überschüttet ist, umworben von der SED, mit Privilegien und Karriere-Aussichten ausgestattet, falls sie sich zum gehorsamen Knecht des Politbüros entwickelt, hat sie sich in ihrer Mehrheit noch keineswegs davon einwickeln lassen. Ein Teil der Jugend allerdings ist unsicher geworden, wie weit er den Parolen des Westens noch Glauben schenken könne, solange den Worten keine Taten folgen. Ein anderer Teil aber versucht, durch Verteilung selbstverfertigter Flugblätter, durch F-Aktionen und Arbeit in kleinen Zirkeln dem sowjetischen Herrschaftssystem Widerstand entgegenzusetzen und der Empörung über Lüge und Terror Luft zu machen.

Immer wieder dringt aus der Zone des Schweigens die Nachricht zu uns, dass Jungen und Mädchen unter 21 Jahren sich entgegen allen Warnungen zu Widerstandsaktionen gedrängt oder solche auf eine Initiative durchgeführt haben. Die schlimme Nachricht aber folgt auf dem Fuße, dass der sowjetzonale Staatssicherheitsdienst unter der deutschen Jugend des Ostens eine Verhaftungswelle begonnen hat, mit der in manchen Kreisen und Orten bis zu 40 junge Menschen den Vernehmungs- und Liquidierungsmethoden des SSD überantwortet sind.

Die deutsche Öffentlichkeit hat zu der Verurteilung einiger von ihnen, wie zum Beispiel Hermann Josef Flade, Arno Esch, Heinz Püschel, mit solchem Nachdruck Stellung genommen, dass ihre Namen in aller Welt zum Symbol eines ungebrochenen Widerstandsgeistes geworden sind, der der Lüge nichts anderes als die Wahrheit, den Ketten der Knechtschaft nichts anderes als die Freiheit der eigenen Überzeugung entgegenzustellen gewillt ist. Der Ruf nach Erlösung gerade aus dem Munde der deutschen Jugend hinter dem Eisernen Vorhang darf nicht ungehört verhallen. Er muss von der ganzen freien Welt aufgenommen und den sowjetischen Machthabern unaufhörlich vorgehalten werden. Die Jugend aber muss von uns gewarnt werden, damit sie sich nicht selbst diesen Machthabern überantwortet.

Wir richten deshalb ein eindringliches Wort an die deutsche Jugend hinter dem Eisernen Vorhang. Laßt euch nicht provozieren! Wir warnen euch vor allen unüberlegten Aktionen, durch die ihr der SED nicht ernsthaft schaden, aber euer eigenes Leben zerstören könnt! Bewahrt euch für den Zeitpunkt, an dem sich der Einsatz lohnen wird. Habt Vertrauen darin, dass andere und stärkere Kräfte am Werk sind, die euch und der ganzen unterdrückten Bevölkerung der Sowjetzone zu helfen gewillt sind. Wir verlangen nicht von euch Feigheit und Schwäche. Wir er warten vielmehr, dass ihr die Augen weit aufmacht, um das euch umgebende System der Lüge zu erkennen und zu durchschauen. Denn ihr werdet die großen Aufgaben, die in der Zukunft euer harren, nicht meistern können, wenn ihr euch – den systematischen Verdummungsversuchen zum Trotz – nicht in eigener Arbeit ein ausgezeichnetes berufliches und politisches Wissen angeeignet habt.

Eure Aufgabe ist nicht die, ohnmächtigen Widerstand zu leisten, sondern Kulturträger zu werden: innerlich freie Menschen für ein freies Europa der Zukunft.

KAMPFGRUPPE GEGEN UNMENSCHLICHKEIT
gez. Ernst Tillich

Berlin, den 11. April 1951
Die KgU verwendet in ihrem Einsatz gegen die SED-Diktatur ganz unterschiedliche Methoden. Sie verbreitet Flugblätter, gefälschte Tageszeitungen, gefälschte Briefmarken, Aufklärungsbroschüren und Dokumentationen über das SED-Unrecht. (© Privat-Archiv Achim Beyer)