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Oberschüler-Protest in Güstrow

Oberschüler-Protest in Güstrow

Redaktion

Güstrower Oberschüler knüpfen in Berlin Kontakte zur Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) und kehren mit Flugblättern der KgU gegen die Militarisierung der FDJ nach Güstrow zurück. Im Schutz der Dunkelheit verteilen sie die Flugblätter in der Stadt.

(© Privat-Archiv Peter Moeller) (© Privat-Archiv Peter Moeller ) (© Privat-Archiv Peter Moeller) (© Privat-Archiv Peter Moeller) (© Privat-Archiv Peter Moeller) (© Privat-Archiv Peter Moeller) (© Privat-Archiv Peter Moeller) (© Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten) (© Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten) (© Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten) (© Privat-Archiv Peter Moeller) (© Privat-Archiv Peter Moeller)

Güstrow, eine Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern mit rund 30.000 Einwohnern, ist vor allem bekannt als die Heimatstadt Ernst Barlachs, eines berühmten Bildhauers, der bis zu seinem Tod 1938 hier gelebt hat.

Ende der 1940er Jahre besuchen Interner Link: Enno Henke, Interner Link: Peter Moeller, Interner Link: Fritz Gutschmidt, Interner Link: Rolf Beuster, Interner Link: Horst Rieder und Interner Link: Günther Heyer dort die John-Brinckman-Oberschule. Die 17- bis 19-jährigen Jugendlichen haben die Schrecken des Krieges und die Entbehrungen der Nachkriegszeit miterlebt. Ihre Hoffnungen richten sie nun auf ein neues, demokratisches Deutschland, in dem Pluralismus, Interner Link: Meinungsfreiheit und Menschenwürde herrschen. Doch sie müssen miterleben, dass sich in der DDR eine neue Diktatur herausbildet. Und wieder wird marschiert und wieder werden Fahnen geschwenkt. An der Schule wird der Druck auf die Schüler, der Interner Link: FDJ beizutreten, immer größer. Wer offen seine Meinung sagt, wird von der Schule verwiesen.

Die Jugendlichen treten dem Ortsverband der Liberal-Demokratischen Partei (Interner Link: LDP) bei, die zu dieser Zeit noch weitgehend unabhängig von der Interner Link: SED ist und freie, demokratische Wahlen zur Bedingung für eine Zusammenarbeit mit der SED gemacht hat. Die Schüler treffen dort auf Menschen mit einer demokratischen Weltanschauung und können frei ihre Meinung äußern. Außerdem sind sie begeistert von Arno Esch, dem LDP-Landesvorsitzenden von Mecklenburg, der offen die undemokratische Politik von SED und sowjetischer Besatzungsmacht kritisiert.

Pfingsten 1950 fahren die Schüler zum Interner Link: Deutschlandtreffen der FDJ nach Ost-Berlin, um bei dieser Gelegenheit einen Abstecher nach West-Berlin zu machen. Hier treffen sie Freunde, die wegen ihrer Kritik an der SED aus Güstrow geflohen sind, um einer Verhaftung zu entgehen. Die Oberschüler knüpfen Kontakte zur Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) und kehren mit Flugblättern der KgU gegen die Militarisierung der FDJ nach Güstrow zurück. Im Schutz der Dunkelheit verteilen sie die Flugblätter in der Stadt.

Wie Hermann Joseph Flade, wie die Oberschüler aus dem sächsischen Werdau und aus Werder an der Havel werden auch die Güstrower Oberschüler im Vorfeld der für den 15. Oktober 1950 angesetzten Scheinwahlen zur Interner Link: Volkskammer in der DDR erneut politisch aktiv.
Sie besorgen sich Flugblätter der KgU mit dem Text „Freiheit durch freie Wahlen in Ost und West“ und beginnen diese nachts heimlich in der Stadt zu verteilen. Da bereits am Tage zuvor eine andere Gruppe Zettel gegen die Scheinwahlen geklebt hat, patroullieren Interner Link: Staatssicherheit und Volkspolizei verstärkt durch die Stadt. So verhaften sie in der Nacht vom 15. zum 16. September den 17-jährigen Interner Link: Enno Henke und der 19-jährige Interner Link: Peter Moeller beim Verteilen ihrer Flugblätter. Tage später wird der Rest der Gruppe verhaftet. Bereits am 27. September beginnt im großen Saal des Hotels Zachow in Güstrow der eintägige Interner Link: Schauprozess gegen die Oberschüler. Im Saal sind von der SED geschickte Betriebsdelegationen, aber auch Schulkameraden und Freunde der Angeklagten. An den Wänden hängen rote Transparente mit der drohenden Aufschrift: „Das Volk straft alle hart, die seinen demokratischen Aufbau stören“. Die Schüler wissen sofort, dass sie keine Chance auf einen fairen Prozess haben.

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In der Anklageschrift ist zu lesen, dass die Beschuldigten „eine Verschwörung zum Zwecke der Ausführung des Verbrechens der Planung und Vorbereitung eines Krieges“ begangen hätten. Ihr Pflichtverteidiger schweigt weitgehend während der gesamten Verhandlung.

Nach zehn Stunden Verhandlung werden die Urteile gesprochen: Enno Henke 10 Jahre Jugendgefängnis; Peter Moeller, Fritz Gutschmidt, Rolf Beuster je 15 Jahre Interner Link: Zuchthaus; Horst Rieder 12 Jahre Zuchthaus; Günther Heyer 10 Jahre Zuchthaus. Interner Link: Wolf-Heinrich Dieterich und Interner Link: Horst Nehring (beide 19-jährig), die an den Aktionen nicht beteiligt waren, werden wegen Mitwisserschaft zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Einen Tag später sollen in einer Versammlung Lehrer und Schüler der John-Brinckman-Schule die Urteile öffentlich begrüßen. Die Mehrzahl verweigert das, wie Spitzelberichte belegen. Einige Klassen protestieren geschlossen gegen die Urteile.

Nach kurzem Aufenthalt im Zuchthaus Bützow-Dreibergen verlegt man alle acht Jugendlichen in das berüchtigte Zuchthaus nach Brandenburg-Interner Link: Görden. Im Zuge einer Amnestie werden die Güstrower 1956 aus dem Zuchthaus entlassen. Als Letzter dieser Gruppe kann im April 1957 Rolf Beuster aus dem Gefängnis nach Güstrow zurückkehren.

In seinem ersten Roman „Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953“ verarbeitet später der Schriftsteller Uwe Johnson die Geschehnisse an der John-Brinckman-Oberschule literarisch. Er hat die Schule zur gleichen Zeit wie Peter Moeller und seine Freunde besucht.

(© Privat-Archiv Peter Moeller) (© Privat-Archiv Peter Moeller)

Fussnoten

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