Flugblatt gegen Wehrdienstgesetz
In der Nacht zum 23. April tauchen in Dresden und Ost-Berlin Flugblätter auf, die einer „Volksdiskussion über das neue Wehrdienstgesetz!“ fordern. An der Aktion sind etwa 15 Personen beteiligt. Trotz größter Bemühungen kann die Stasi die „Schuldigen“ bis zuletzt nicht ausfindig machen.
Lasst uns mitreden! Mit diesem Flugblatt protestieren Jugendliche aus Berlin und Dresden gegen ein neues Wehrdienstgesetz. Sie stellen etwa 2.000
Flugblätter her und verteilen sie in beiden Städten.
Thomas Vetter bei einer Wanderung des Großenhainer Freundeskreises durch die Sächsische Schweiz (etwa 1982).
Tom Sello und Thomas Vetter gestalten das Flugblatt. Im Bild: Tom Sello mit seinem Sohn Steven auf dem Stadtfest in Großenhain (Sommer 1980).
Uwe Bastian auf dem Stadtfest in Großenhain (Sommer 1980). Im Frühling 1982 verteilt er Flugblätter gegen das neue DDR-Wehrdienstgesetz in Dresden.
Wolfgang Schröter vervielfältigt zusammen mit Johannes Bittner das Flugblatt. Sie produzieren die 2.000 Abzüge mit bescheidenen Mitteln in ihren
Wohnungen und versuchen dabei, Fingerabdrücke zu vermeiden.
Johannes Bittner (2. v. l.) bei einer Wanderung des Großenhainer Freundeskreises durch die Sächsische Schweiz Anfang der 1980er Jahre.
„Fordert Volksdiskussion über das neue Wehrdienstgesetz!“ steht auf den Flugblättern, die in der Nacht vom 22. zum 23. April 1982 in Dresden und mehreren Bezirken Ost-Berlins auftauchen. Die Flugblätter kleben in Telefonzellen und an Litfaßsäulen, sie hängen an Bäumen, liegen in Garageneinfahrten, Hauseingängen, auf der Straße und in Briefkästen.
Riskante Flugblattaktion gegen die Gesetzesänderung
Die beteiligten Jugendlichen wollen den Staat bewusst provozieren und ihn herausfordern. Dabei gehen sie ein erhebliches Risiko ein, denn im Falle einer Verhaftung droht ihnen Freiheitsentzug. Doch sie wollen ihre in der DDR-Verfassung garantierten Rechte in Anspruch nehmen und über Gesetze diskutieren – insbesondere über das Wehrdienstgesetz.
Im Frühjahr 1982 verabschiedet die DDR-
Die beiden 24-Jährigen
Mit handelsüblichen Abreibbuchstaben bringen sie den Text des Flugblatts auf eine postkartengroße Pappe. Johannes Bittner und Wolfgang Schröter fotografieren das Ganze und machen Abzüge. Die Flugblätter verteilen sie in Berlin und Dresden in vorher besprochenen und zugeordneten Gebieten. In Dresden übernimmt Uwe Bastian die Verbreitung.
Perfekt geplant: Die „Diskutierer“ bleiben unentdeckt
An der Aktion sind etwa 15 Personen beteiligt. Sie arbeiten bei der Herstellung und Verteilung der Flugblätter mit Handschuhen, um Fingerabdrücke zu vermeiden. Die meisten Beteiligten wissen nichts voneinander, damit sie sich bei einer eventuellen Verhaftung nicht verraten können. Nach der Aktion vermeiden diejenigen, die sich kennen, lange Zeit jeglichen Kontakt.
Die ganze Aktion ist für die Jugendlichen mit erheblichen Risiken verbunden, stellt sie doch den Allmachtsanspruch des SED-Staats infrage. Im Falle einer Verhaftung droht ihnen eine Verurteilung wegen „
Die Staatssicherheit registriert alle Fundorte der Flugblätter genau. Sie leitet aufwändige kriminaltechnische Untersuchungen ein, um die Hersteller zu identifizieren. Ein
Das neue Wehrdienstgesetz will Tom Sello nicht einfach so hinnehmen. Mit der Verschärfung der Militarisierung ist er nicht einverstanden.
1982 stand, ich weiß jetzt das Datum nicht mehr genau – ich glaube, das war Anfang des Jahres – in der Zeitung eine Meldung, dass es ein neues Wehrdienstgesetz geben soll, dass die Volkskammer berät und in zwei Wochen entscheiden wird. Und dieses Wehrdienstgesetz – nach meiner Erinnerung – beinhaltet das Neue, dass es also den Militärdienst von Frauen vorgesehen hat und dass es eine Verschärfung der Mobilmachung bedeutete. Ich weiß jetzt im Nachhinein gar nicht mehr, also ich kann das gar nicht mehr sagen, was das genau hieß, damals, aber ich habe mich zu der Zeit schon sehr genau damit beschäftigt und wusste auch oder ich wusste das noch von der Armeezeit, was das bedeutet hat. Also jedenfalls war das wieder ein Stückchen mehr Militär, was mir sowieso schon verhasst war. Und dann bin ich nach Hause gekommen, hab erst die Zeitung auf dem Arbeitsweg gelesen und gedacht: Das kann ja irgendwie nicht wahr sein. Also das hat mich fürchterlich aufgeregt und da muss man was machen. Und zu Hause saß mein Freund Thomas Vetter, mit dem ich übrigens zusammen auch einen Teil meiner Armeezeit verbracht hatte. Und dann habe ich gesagt: Stell dir mal vor, die wollen ein neues Gesetz, sie wollen das noch mehr verschärfen. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Gibt's ja nicht. Und müssen wir unbedingt was machen! Und ja, was kann man da machen? Dann habe ich mich erst mal erkundigt. Ich weiß gar nicht wie und wo und habe dann herausgefunden, dass entscheidende Gesetze, die müssen diskutiert werden und das war meine Erinnerung. Da gab es ein Arbeitsgesetzbuch, irgendwie vorher, ein paar Jahre vorher war das geändert worden und da hat es auch mächtig Diskussionen gegeben, auch in der Zeitung und so und ich war also der Auffassung, dass dieses neue Gesetz mindestens den selben Stellenwert hat und dass da auch eine Diskussion, eine öffentliche Diskussion und Auseinandersetzung nötig wäre. Mir war natürlich klar, dass es die nicht geben sollte, aber da habe ich gedacht, man kann das ja zumindestens mal einfordern. Und das hieß natürlich auch, die entsprechenden Stellen damit ärgern, wenn man diese Forderung stellt.
Weiterführende Informationen zu
Foto: Tom Sello im September 1989 auf dem Gelände der Berliner Zionsgemeinde mit diversen Samisdat-Publikationen. Er verkauft zum Beispiel Umweltblätter und die Einzelausgabe Schuldenkrise. Die Ausgaben können gegen geringfügige Beträge gekauft werden. Gleichzeitig sammelt Tom Sello Unterschriften für Aufrufe und Petitionen. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
Interview: Johannes Mundo und Christoph Ochs
Produktion: 17.09.2007
Spieldauer: 3 Min.
hrsg. von: Robert-Havemann-Gesellschaft
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350