Wehrdienstverweigerung in der DDR – Dienen, bauen oder sitzen?
Vor der Musterungskommission schlägt für jeden jungen Mann die Stunde der Entscheidung: freiwillig drei Jahre, achtzehn Monate Grundwehrdienst, Spatendienst oder Totalverweigerung?
Wie bereits in der NS-Diktatur sind die Zeugen Jehovas auch in der DDR seit 1950 verboten. Sie stellen die größte Gruppe der
Wehrdienst-Totalverweigerer. Für ihre religiöse Überzeugung gehen sie ins Gefängnis. Im Bild: inhaftierte Zeugen Jehovas auf dem Weg zur Zwangsarbeit 1971.
Eine völlig neue Truppe: Gruppenfoto der 1. Bausoldateneinheit der NVA im Frühjahr 1966. Sie wird in Löbten bei Köris zum Bau eines Flugplatzes
eingesetzt.
Kragenbinde des Bausoldaten Gerhard Müller, der zur 1. Bausoldateneinheit gehört. Auf ihr sind die Namen seiner Kameraden verzeichnet und die
Stationen seiner Bausoldatenzeit von 1964 bis 1966.
Friedenswerkstatt am 3. Juli 1983 in der Berliner Erlöserkirche: Hier sammeln die Frauen für den Frieden Geld zur Unterstützung der Angehörigen
von inhaftierten Wehrdienstverweigerern (v.l.n.r.: Barbe Linke, Katja Havemann, Gisela Metz).
Bausoldaten beim Bau des Flugplatzes in Alteno, Kreis Luckau (Frühjahr 1966). Die Spatensoldaten sind oft in primitiven Zeltlagern untergebracht.
Als in der DDR nach dem Bau der
In der Bausoldatenverordnung ist geregelt, dass Bausoldaten Wehrpflichtige sind, die Uniform tragen müssen und in Kasernen untergebracht sind. Sie sind außerdem der
Auf ihren Schulterstücken ist statt silbernem oder goldenem Pickel ein Spaten sichtbar, weshalb sie im Volksmund als „Spatensoldaten“ bezeichnet werden. Anfangs werden sie in Kompanien zusammengefasst und als Hilfstrupps den Baupionieren zugeteilt. Der Bausoldat ist somit voll in das militärische Regime der NVA eingebunden. Einen zivilen Wehrersatzdienst, wie wir ihn heute kennen, gibt es bis zum Ende der DDR nicht.
Ein Novum: Dienst mit dem Spaten statt mit dem Gewehr
Ab 1976 werden die Kompanien nach der 14-tägigen Grundausbildung aufgelöst, in kleine Gruppen von zehn bis 20 Mann aufgeteilt und auf verschiedene Standorte verteilt. Die DDR-Führung befürchtet nämlich, dass sich die geballte Ladung von Pazifisten und Antimilitaristen auf die anderen Wehrpflichtigen aufrührerisch auswirken könnte. Ab 1976 werden Bausoldaten meist in der Küche, im Garten oder bei den Heizungsanlagen eingesetzt. Oft arbeiten sie an Offiziersstandorten, wie zum Beispiel beim Kommando der Grenztruppen in Pätz bei Königs Wusterhausen.
Viele DDR-Bürger wissen gar nicht, dass es möglich ist, den Wehrdienst zu verweigern. Selbst innerhalb der evangelischen Kirche sind es nur wenige engagierte Pfarrer, die diese Option unter den jungen Christen publik machen. Der Staat hat einfach kein Interesse daran, und auch die westlichen Medien greifen dieses Thema nicht auf.
Eine Friedensszene entwickelt sich erst Anfang der 1980er Jahre in der DDR. Viele Bausoldaten sind Christen – mehrheitlich evangelische, aber auch Baptisten, Adventisten und andere freikirchliche Gruppen. Katholiken sind wenige darunter, da die katholische Kirche die These vom gerechten Krieg vertritt. Etwa 20 Prozent verweigern aus humanistischen Gründen den Wehrdienst.
Die Verweigerung kann bei der Musterung im Wehrkreiskommando schriftlich erklärt werden. Die Bausoldatenverordnung lässt neben religiösen Gründen auch „ähnliche“ gelten und sieht keine Gewissensprüfung vor. Entgegen dieser Verordnung verlangen die Musterungskommissionen ab den 1970er Jahren von den Antragstellern jedoch glaubhafte Erklärungen, dass sie aktiv am kirchlichen Leben teilnehmen und einer in der DDR anerkannten Kirche oder Religionsgemeinschaft angehören.
Viele Christen und Ausreisewillige verweigern den Wehrdienst
1970 gibt das Volksbildungsministerium unter
Für einen Teil der Wehrdienstverweigerer ist der Bausoldatendienst keine echte Alternative. Besonders die Zeugen Jehovas verweigern den Wehrdienst total. In den 1970er und 1980er Jahren kommen immer mehr Totalverweigerer hinzu: Männer aus anderen Kirchen oder Religionsgemeinschaften sowie nichtreligiöse Wehrpflichtige.
In den 1980er Jahren steigt die Zahl der Wehrdienstverweigerer sprunghaft an. Die einsetzende Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ und die Aktion „
Von den DDR-Gerichten werden jedes Jahr durchschnittlich 150 Totalverweigerer verurteilt. Unter ihnen befinden sich jeweils rund 100 Zeugen Jehovas. Die Strafen betragen zwischen 18 und 22 Monaten Freiheitsentzug. 1985 werden auf Anweisung des Verteidigungsministers Heinz Hoffmann alle Totalverweigerer aus der Haft entlassen. Von diesem Zeitpunkt an wird niemand mehr inhaftiert oder verurteilt. Die Anweisung wird nirgends veröffentlicht, und so hängen Verhaftung und Knast bis zur Revolution im Herbst 1989 weiterhin wie ein Damoklesschwert über allen Totalverweigerern.
Seit 1962 gilt in der DDR die allgemeine Wehrpflicht. Seit 1964 kann man aus religiösen Gründen den Umgang mit der Waffe als Soldat ablehnen. Sogenannte Bausoldaten müssen Repressalien in Kauf nehmen.
Moderatorin:
„Einberufung zur
1. Wehrdienstverweigerer:
„Also, warum verweigere ich. Im Grunde genommen aus Überzeugung, die aus Überlegung entstanden ist. Eine instinktive Abneigung gegen Uniform oder gegen Befehlsgewalt, Befehlsnotstand, alles das hat wohl nicht jeder, aber viele. Und trotzdem gehen unwahrscheinlich viele zur Armee, aus verschiedensten Gründen natürlich.
Bei mir ist das irgendwo so, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass ich irgendwann dann nach einer gewissen Zeit, wenn ich dort bin, Mitglied von einer Maschine bin, mit der man alles machen kann, dass ich dann dort ein Element bin, das im Grunde genommen keinen Einfluss mehr hat. Denn mir kann keiner erzählen, dass er dann nach einer gewissen Zeit Wehrdienst, wo er dann eben anfängt – was weiß ich –, die kleinen Bequemlichkeiten zu schätzen und alles, dass er dann noch genauso wie draußen, wenn er nicht mehr bei der Armee ist, bereit ist, noch einen eigenen Willen zu bekunden, noch aktiv zu sein, wenn es darum geht, irgendetwas zu machen, jetzt irgendwo seine Ideale durchzusetzen.
Vielleicht als Beispiel Polen. In Polen ist auch die Armee auf die Arbeiter losgegangen. So naiv, wie das klingt oder so: Da waren bestimmt eine Menge Soldaten dabei, die sich das vorher nie hätten denken können, dass sie so etwas jemals machen. Und trotzdem haben sie es gemacht. Und ich bin sicher, dass es hier genauso nachvollziehbar wäre. Und die Vorstellung alleine, dass mir so was passieren könnte, das erschreckt mich dermaßen, dass ich sage, das ist nichts für mich.“
2. Wehrdienstverweigerer:
„Also, ich habe zum Beispiel unheimliche Beklemmungen, wenn ich diese ganze Sachen sehe, wie es überhaupt abläuft, diese ganzen Funktionen, dieser Durchlauf innerhalb der Armee und so weiter und so fort.
Grundlegend ist für mich, dass mich das rein menschlich total abstößt, mir eine wahnsinnige Angst irgendwo macht, wenn ich weiß, ich muss dann irgendwas tun, wo ich eigentlich überhaupt keinen Bezug dazu habe. Also, das heißt zum Beispiel für irgendetwas üben, üben, um jemanden abzuschießen, ganz einfach mal gesagt. Natürlich ist jetzt die Konsequenz, also für mich – genauso wie bei dir, wie du es sagst –, dieses Verweigern. Eigentlich weiß ich, dass ich durch die Verweigerung gar nicht viel an dem eigentlichen Problem geändert habe. Ich würde zu den
Was die Bausoldaten betrifft, glaube ich, dass viele Bausoldaten nicht zu den Bausoldaten gehen würden, wenn es einen sozialen, also wie man so schön sagt, sozialen Friedensdienst oder Wehrdienst gäbe, in Anführungsstrichen. Das heißt, wenn man in Krankenhäusern arbeiten gehen kann und so weiter. Ich glaube, dass ich mich dafür auch … also das heißt, dafür würde ich mich auch einsetzen. Dafür würde ich auch arbeiten. Es soll vorgekommen sein, dass verschiedene Leute das auch geäußert haben und in dem Sinne auch länger dienen würden oder wollen.
Was ich eigentlich viel schlimmer finde: dass man versucht, die ganze Sache so abzutun als kriminell. Ich sehe es mal so: Es hat für mich einen ethischen Wert, die Sache abzulehnen, und bekomme eigentlich dafür eine Bestrafung. Ich werde dafür zum Kriminellen gemacht. Das ist für mich unvereinbar. Und darauf basiert im Prinzip eigentlich auch mein Antrag auf Ausreise.“
Foto: 7. Friedenswerkstatt 1988, Stand des
Produktion: 05.1988
Spieldauer: 6 Min.
hrsg. von: Radio Glasnost
Weitere Inhalte
Die Texte von www.jugendopposition.de sind in Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. entstanden. Weitere Angaben zu den Autorinnen und Autoren finden Sie im Impressum.
Kontakt zur Redaktion von www.jugendopposition.de: E-Mail Link: info@jugendopposition.de
Für den Hinweis auf Texte von www.jugendopposition.de, die keine konkrete Autorin/ keinen konkreten Autor genannt haben, empfehlen wir folgende Zitierweise (Beispiel):
„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350