Kontext
Studentenunruhen 1968, Vietnam, Prager Frühling, Grundlagenvertrag, Tramperszene, Notstandsgesetze, KSZE, Renft-Combo
Nach langwierigen Verhandlungen: Der Bundesminister für besondere Aufgaben Egon Bahr (links) und DDR-Staatssekretär Michael Kohl (rechts)
unterzeichnen am 21. Dezember 1972 den Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Darin verpflichten sich beide deutschen Staaten zu gutnachbarlichen Beziehungen und Gewaltverzicht. Entgegen dem Wunsch der DDR-Führung erkennt die Bundesrepublik die DDR völkerrechtlich aber nicht an.
Am 21. Dezember 1972 tauschen der Bundesminister für Besondere Aufgaben Egon Bahr (rechts) und der DDR-Staatssekretär Michael Kohl im Bonner Palais
Schaumburg die Noten des Grundlagenvertrags zwischen der Bundesrepublik und der DDR aus.
DDR-Umschlag vom Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR.
Am 18. September 1973 werden die Bundesrepublik und die DDR zugleich als Vollmitglieder in die Vereinten Nationen (UNO) aufgenommen. Vor dem
UNO-Hauptquartier in New York hisst man die Flaggen der beiden neuen Mitgliedsstaaten.
Mit der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) versuchen die Staaten West- und Osteuropas unter Einbeziehung der USA und
Kanadas, die Entspannung in Europa durch multilaterale Zusammenarbeit zu sichern. Die Vertreter des Westens wollen zudem die Wahrung der Menschenrechte durch setzen. Doch in der DDR werden auch weiterhin Menschenrechte missachtet. Der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker (2. v. l.) und Bundeskanzler Helmut Schmidt (rechts von ihm) im Gespräch vor Beginn der Konferenz.
Nach über zweijährigen Verhandlungen in Genf unterzeichnen die Staats- und Regierungschefs der 35 Teilnehmerstaaten am 1. August 1975 in Helsinki
die KSZE-Schlussakte (v. l. n. r.: Helmut Schmidt, Erich Honecker).
Im Sommer 1973 finden in Ost-Berlin die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten statt.
Erst nach zwei Jahren Hausarrestes, im Mai 1979, darf sich der DDR-Regimekritiker Robert Havemann wieder ohne besondere Genehmigung außerhalb seines
Hauses bewegen. Doch gleich darauf, im Juni 1979, wird er in einem Zoll- und Devisenverfahren, dessen Drehbuch die Staatssicherheit geschrieben hat, wegen seiner Publikationen im Westen zu einer Geldstrafe von 10.000 Mark verurteilt. Robert Havemann in seinem Haus in Grünheide, wenige Tage nach der Aufhebung des Hausarrestes.
Oskar Brüsewitz (1929 - 1976), Pfarrer von Rippicha, protestiert 1975 mit einem Plakat gegen den atheistischen Staat. Aus Protest gegen das
repressive System und die mangelnde Unterstützung durch die Kirche setzt er sich am 18. August 1976 auf dem Marktplatz der Stadt Zeitz selbst in Brand. Wenige Tage später erliegt er seinen Verletzungen.
Ein DDR-Bürger klagt an: Im August 1977 erscheint Rudolf Bahros Buch „Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus“ in der
Bundesrepublik. Seine Ansichten kommentiert Rudolf Bahro auch im Westfernsehen. Daraufhin wird er wegen des Verdachts der „nachrichtendienstlichen Tätigkeit“ verhaftet. Der erste Strafsenat des Berliner Stadtgerichts verurteilte ihn am 30. Juni 1978 wegen Sammlung von Nachrichten und Geheimnisverrat zu acht Jahren Gefängnis. Rudolf Bahro (l.) mit seinem Verteidiger Gregor Gysi.
Mit Schreibmaschine und Durchschlagpapier vervielfältigter Vortrag des Philosophen und DDR-Kritikers Rudolf Bahro. Verbotenes Schriftgut muss in der
DDR mühsam vervielfältigt werden. Die wenigen Exemplare gehen von Hand zu Hand.
Auch in der DDR gibt es eine Aussteigerszene: Sie nennen sich Blueser, Tramper oder Kunden. Zu ihrem Outfit gehören lange Haare, üppige Bärte,
Bluejeans, Parka und Jesuslatschen. Für die Staatssicherheit sind diese „Gammler“ einfach nur vorsätzliche Feinde der DDR. Und so kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen den jungen Leuten und der Volkspolizei beziehungsweise Staatssicherheit.
Aus der ganzen DDR trampen 1975 etwa 2.000 langhaarige Kuttenträger zum dritten Blues- und Rock-Open-Air in die kleine thüringische Gemeinde
Wandersleben. Der Staatsmacht ist dieses Festival schon lange ein Dorn im Auge. Mit der fadenscheinigen Begründung, die anreisenden Tramper würden den Transitverkehr auf der nahe gelegenen Autobahn A 4 gefährden, wird das Bluesfestival verboten.
„Blutige Erdbeeren“: in West und Ost ein Kultfilm mit legendärem Soundtrack.
Seit Mitte der 1970er Jahre führen Terroranschläge der Roten Armee Fraktion in der Bundesrepublik zu großen Polizeiaktionen, Prozessen und einer
ständigen Verschärfung des politischen Strafrechts. Diese Entwicklung gipfelt im Deutschen Herbst. Im Bild: Fahndungsplakat nach Terroristen: Susanne Albrecht, Elisabeth von Dyck, Friedrike Krabbe, Silke Maier-Witt Brigitte Mohnhaupt, Juliane Plambeck, Adelheid Schulz, Angelika Speitel Sigrid Sternebeck, Inge Viett, Christian Klar, Jörg Lang Willy Peter Stoll, Christoph Michael Wackernagel, Rolf Heiss(ß)ler, Rolf Clemens Wagner.
Das Cover der ersten Renft-LP von 1973. Die Klaus Renft Combo genießt unter den Rockfans der DDR Kultstatus. Besonders in Gerulf Pannachs Texten, die
sich kritisch mit den Lebensverhältnissen auseinandersetzen, können sich viele Jugendliche wiederfinden. Als Gerulf Pannach Berufsverbot erhält, solidarisiert sich die Band mit ihm. Am 22. September 1975 wird die ganze Band verboten.
Internationales Geschehen
In Helsinki wird 1973 die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) eröffnet. Beteiligt sind 7 Staaten des
Eine der wichtigsten oppositionellen Gruppierungen im
Auch in der westlichen Welt gibt es Veränderungen und Erschütterungen. In Portugal wird 1974 das seit den 1920er Jahren herrschende diktatorische Regime durch die „Nelkenrevolution“ gestürzt. Eine der Konsequenzen ist, dass Angola 1975 die volle Unabhängigkeit von Portugal erhält. Dort entwickelt sich umgehend ein Bürgerkrieg, in dem eine Partei vor allem durch Soldaten aus Kuba unterstützt wird und die Gegenseite durch das rassistische südafrikanische Regime. Als Folge des Bürgerkrieges kommen viele Angolaner als Studenten und Vertragsarbeiter in die DDR.
Mit dem Tode von General Francisco Franco (1939–1975) endet in Spanien die Diktatur.
Lateinamerika bleibt ein Unruheherd. In Chile, das seit 1970 von einem linken Wahlbündnis unter dem sozialistischen Präsidenten
Deutsche Demokratische Republik
Die Unterzeichnung des
Die Realität zwischen Elbe und Oder sieht anders aus: Die DDR-Führung gesteht ihren Bürgern weder
Ein Fanal gegen die festgefahrenen politischen Verhältnisse setzt der Pfarrer
In der Jugendkultur der DDR ist Musik als Fluchtpunkt von großer Bedeutung. Da offene Rebellion gegen das System schnell zu Sanktionen führt, entwickelt sich die Kunst des „Zwischen-den-Zeilen-Hörens“. Eine Band wie
West-Bands wie Led Zeppelin und auch einige Ost-Bands liefern den Soundtrack zum Aufbegehren gegen die festgefahrenen Zustände. Den US-amerikanischen Film „Blutige Erdbeeren“, bei dem es um Studentenproteste gegen den
Mit Argusaugen beobachten die Behörden auch die Tramperszene – Jugendliche, die zu Konzerten vor allem von Bluesbands quer durch das ganze Land reisen, meistens per Anhalter. Die Tramper werden von der Polizei häufig kontrolliert und schikaniert. Aber letztlich erweist sich jede Staatsstrategie gegen Rock und Blues als machtlos.
Bundesrepublik Deutschland
In der Bundesrepublik wird seit 1972 jeder Bewerber für Positionen im öffentlichen Dienst von den Ämtern für Verfassungsschutz einer „Regelüberprüfung“ unterzogen. Das ist der Beginn der Berufsverbotspraxis aus politischen Gründen, erklären die Kritiker. Überall bilden sich Komitees gegen Berufsverbote. Innenpolitisch wird die Studentenbewegung von den neuen sozialen Bewegungen abgelöst, zu denen lokale Bürgerinitiativen, Friedens-, Umwelt- und Anti-Atomkraft-Gruppen gehören. Am 18. Februar 1975 wird der Bauplatz des geplanten Atomkraftwerks in der badischen Gemeinde Wyhl von Atomkraftgegnern zum ersten Mal besetzt. Solche Aktionen und die nachfolgenden Gerichtsverhandlungen verhindern schließlich den Bau.
Parallel zu den neuen sozialen Bewegungen entwickelt sich der Linksterrorismus mit einer wachsenden Zahl blutiger Morde, mit großen Polizeiaktionen, Prozessen und einer ständigen Verschärfung des politischen Strafrechts. Diese Entwicklung gipfelt im Deutschen Herbst. Am 5. September 1977 wird Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von Terroristen der Rote-Armee-Fraktion (RAF) entführt. Sein Fahrer und drei Polizisten sterben im Kugelhagel.
Mitte Oktober 1977 entführt ein arabisches Terrorkommando eine voll besetzte Lufthansa-Maschine, um die Freilassung inhaftierter RAF-Terroristen durchzusetzen. Nachdem es der Anti-Terror-Einheit des Bundesgrenzschutzes, GSG 9, in der somalischen Hauptstadt Mogadischu gelungen ist, die Geiseln zu befreien, erschießen RAF-Terroristen Hanns Martin Schleyer. Im Stammheimer Gefängnis begehen daraufhin die inhaftierten Anführer der RAF Selbstmord. Bereits in den Monaten zuvor werden Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Bankier Jürgen Ponto Opfer von Mordanschlägen der RAF. Das innenpolitische Klima in der Bundesrepublik ist im Herbst 1977 in höchstem Maße vergiftet.
Aus Solidarität mit dem 1978 verurteilten DDR-Dissidenten Rudolf Bahro bildet sich in West-Berlin ein Komitee für die Freilassung Rudolf Bahros, das im November einen großen Bahro-Kongress veranstaltet.
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350