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Der Fall Matthias Domaschk

Der Fall Matthias Domaschk

Redaktion

Ein junger Jenenser wird ohne Grund verhaftet und stirbt in der U-Haft der Stasi. Die Nachricht von Matthias' Tod radikalisiert seine Freunde.

(© Robert-Havemann-Gesellschaft/Kerstin Hergert/RHG_Fo_HAB_11269) (© Robert-Havemann-Gesellschaft/Rolf Zöllner/RHG_Fo_RZ_0297) (© Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke/RHG_Fo_HAB_11905) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_11741 )

Matthias Domaschk, geboren am 12. Juni 1957, Mitglied der Jenaer Interner Link: Jungen Gemeinde (JG) Stadtmitte, kommt am 12. April 1981 in der Haftanstalt der Interner Link: Staatssicherheit in Gera zu Tode. Interner Link: Matthias Domaschk, so der offizielle Untersuchungsbericht der Interner Link: Stasi, habe sich aus seinem Hemd einen Strick gedreht und an einem Heizungsrohr erhängt.

In seinem Buch „Vision und Wirklichkeit“ über die Jenaer Interner Link: Opposition beschreibt der Schriftsteller und Publizist Interner Link: Udo Scheer die Verhaftung von Interner Link: Matthias Domaschk wie folgt:

„Am Freitag, den 10. April 1981, fuhren Matthias Domaschk und sein Freund Interner Link: Peter Rösch mit dem Abend-D-Zug über Gera nach Berlin. Ein Freund hatte sie zum Geburtstag eingeladen. Gegen 21 Uhr wurden sie in Jüterbog von der Interner Link: Transportpolizei (Interner Link: Trapo) geweckt: ,Fahrscheinkontrolle. Ausweiskontrolle. Aussteigen! Da geht`s lang!` [...] Stundenlanges Warten in den Verwahrräumen der Trapo erleben sie nicht das erste Mal. Tief in der Nacht kommen Zivile: ‚Ausweiskontrolle. Name? Adresse? Wohin?` Alles normal. Interner Link: Berlin-Verbot haben beide nicht. Weiter warten. Bis zum nächsten Morgen, Vormittag, Nachmittag. Was sie nicht wissen: Ein Barkas B 1000, ein Kleinbus der Interner Link: Stasi-Bezirksverwaltung Gera, ist unterwegs, soll sie abholen, hat eine Panne, bleibt liegen. Ein zweiter Bus wird geschickt, kommt am zeitigen Abend in Jüterbog an.

Jetzt wird der Ton scharf. Knebelketten werden angelegt, im Bus die Hände unter die Oberschenkel. Redeverbot. Ankunft in der U-Haft Gera gegen 22 Uhr. Ein Spalier Bewacher. Gebrüll. Laufschritt! Blase (Interner Link: Peter Rösch) und Matz (Matthias Domaschk) werden in den Keller gejagt. Das Interner Link: U-Boot. Einzelzellen. Die Zellentüren knallen zu. Es ist eng, keine Liege, kein Fenster, ein Hocker, Klo, Waschbecken, Lüftungssieb in der Decke. Sie werden wieder rausgeholt, alles abgeben: Schnürsenkel, Gürtel, Tascheninhalt, auch die Visitenkarte von Rechtsanwalt Schnur. Dröhnendes Gelächter: ,So wie wir das machen, sehen Sie ein halbes Jahr lang gar keinen Rechtsanwalt.` [...] Gegen 23 Uhr beginnen die Verhöre.“

Die traurige Geschichte von Blase und Matz

Matthias Domaschk und Peter Rösch werden nahezu ohne Unterbrechung bis zum nächsten Mittag verhört – ohne brauchbares Ergebnis für die Stasi. Am Nachmittag, so das Stasi-Protokoll, sollen sie nach Hause entlassen werden. Doch davon wissen die beiden noch nichts. Und kurz vor seiner Entlassung soll sich Matthias Domaschk – der fünf Wochen später heiraten will, Vater einer vierjährigen Tochter ist und den seine Freunde als lebenslustigen Menschen beschreiben – erhängt haben.

Nach 1989 taucht in den Stasi-Akten eine Interner Link: Verpflichtungserklärung auf: Matthias Domaschk soll sich, kurze Zeit vor seinem Tod, handschriftlich dazu verpflichtet haben, als Interner Link: Inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi zu spionieren.

Am Ende ist es egal, ob die Erklärung echt oder gefälscht ist. Es ist egal, ob Matthias Domaschk ermordet wurde oder sich selbst umgebracht hat. Was bleibt, ist die Tatsache, dass ein junger Mann aus nichtigem Grund verhaftet, unter starken psychischen und physischen Druck gesetzt wird und schließlich in der Stasi-Haft ums Leben kommt.

Matthias Domaschks Tod ist ein Fanal. Die Jenenser Oppositionellen wissen, dass es jeden von ihnen hätte treffen können. Wie Dorothea Fischer und Andreas Friedrich sind viele zutiefst geschockt. (Beide berichten darüber im Zeitzeugen-Video.) Nach der ersten Lähmung beschließen sie, nicht untätig zu bleiben. Dieser Tod radikalisiert die jungen Oppositionellen und löst in Jena eine Reihe von Aktionen aus, in deren Folge wiederum etliche Jugendliche verhaftet werden.

Ein von Matthias Domaschks Freunden nach 1989 angestrebter Prozess gegen die involvierten Stasi-Offiziere endet mit geringen Geldstrafen für die Angeklagten. Unterlagen, die Auskunft über die Ereignisse hätten geben können, wurden vernichtet. Und die Stasi-Offiziere, die Matthias Domaschk 1981 verhörten, schweigen bis heute.

Fussnoten

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Atomares Wettrüsten, NATO-Doppelbeschluss, Kriegsrecht in Polen, Afghanistan, Punk, Rock für den Frieden

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Matthias Domaschk fand in der Jungen Gemeinde Halt und Freiraum, im DDR-Staat geriet er ins Visier der Stasi. Sein Engagement für Freiheit und Solidarität machte ihn zum „politisch…

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Aktionen nach dem Tod von Matthias Domaschk

Seine Freunde lassen das Vergessen nicht zu. Am ersten Todestag von Matthias Domaschk verteilen sie viele ausgeschnittene Todesanzeigen gut sichtbar im gesamten Jenaer Stadtgebiet.

Zeitzeugin

Dorothea Fischer

Am 12. April 1981 stirbt Matthias Domaschk während eines zweitägigen Verhörs durch die Staatssicherheit. Der Tod ihres Freundes schockt und radikalisiert die Jugendlichen.

Zeitzeuge

Roland Jahn

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Andreas Friedrich

In der DDR gibt es in den 1970er Jahren eine gut vernetzte Tramperszene, zu der auch Andreas Friedrich gehört. Er trampt quer durch die Republik, zu Konzerten oder um Freunde zu besuchen.

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Die Aktion der Jungen Gemeinde Stadtmitte

Mitglieder der Jungen Gemeinde Jena Stadtmitte und Freunde unterstützen per Unterschriften den Protest gegen Biermanns Ausbürgerung. Viele von ihnen landen kurz darauf in der Bundesrepublik.

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Bildungsverbot für Protestierende

Wer in einem Seminar kritische Fragen stellt, riskiert exmatrikuliert zu werden. Vielen Studenten, die offen und frei diskutieren wollen, wird die Aufnahme eines Studiums in der DDR fortan verwehrt.

Die Texte von www.jugendopposition.de sind in Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. entstanden. Weitere Angaben zu den Autorinnen und Autoren finden Sie im Impressum.

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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350