Der Fall Matthias Domaschk
Ein junger Jenenser wird ohne Grund verhaftet und stirbt in der U-Haft der Stasi. Die Nachricht von Matthias' Tod radikalisiert seine Freunde.
Matthias Domaschk 1979.
„Ihr habt Matthias Domaschk ermordet“: Sein ungeklärter Tod am 12. April 1981 in der Stasi-Haftanstalt Gera ist nicht in Vergessenheit geraten.
Nach der Erstürmung der Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße am 15. Januar 1990 erinnern mehrere Graffiti an den gewaltsamen Tod von Matthias Domaschk.
Nach der Erstürmung der Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße am 15. Januar 1990 erinnern mehrere Graffiti an den gewaltsamen Tod von
Matthias Domaschk.
Das Unrecht bleibt unvergessen: Am 12. April 1996 wird eine Straße in Jena-Neulobeda nach Matthias Domaschk benannt.
Matthias Domaschk, geboren am 12. Juni 1957, Mitglied der Jenaer
In seinem Buch „Vision und Wirklichkeit“ über die Jenaer
„Am Freitag, den 10. April 1981, fuhren Matthias Domaschk und sein Freund
Jetzt wird der Ton scharf. Knebelketten werden angelegt, im Bus die Hände unter die Oberschenkel. Redeverbot. Ankunft in der U-Haft Gera gegen 22 Uhr. Ein Spalier Bewacher. Gebrüll. Laufschritt! Blase (
Die traurige Geschichte von Blase und Matz
Matthias Domaschk und Peter Rösch werden nahezu ohne Unterbrechung bis zum nächsten Mittag verhört – ohne brauchbares Ergebnis für die Stasi. Am Nachmittag, so das Stasi-Protokoll, sollen sie nach Hause entlassen werden. Doch davon wissen die beiden noch nichts. Und kurz vor seiner Entlassung soll sich Matthias Domaschk – der fünf Wochen später heiraten will, Vater einer vierjährigen Tochter ist und den seine Freunde als lebenslustigen Menschen beschreiben – erhängt haben.
Nach 1989 taucht in den Stasi-Akten eine
Am Ende ist es egal, ob die Erklärung echt oder gefälscht ist. Es ist egal, ob Matthias Domaschk ermordet wurde oder sich selbst umgebracht hat. Was bleibt, ist die Tatsache, dass ein junger Mann aus nichtigem Grund verhaftet, unter starken psychischen und physischen Druck gesetzt wird und schließlich in der Stasi-Haft ums Leben kommt.
Matthias Domaschks Tod ist ein Fanal. Die Jenenser Oppositionellen wissen, dass es jeden von ihnen hätte treffen können. Wie Dorothea Fischer und Andreas Friedrich sind viele zutiefst geschockt. (Beide berichten darüber im Zeitzeugen-Video.) Nach der ersten Lähmung beschließen sie, nicht untätig zu bleiben. Dieser Tod radikalisiert die jungen Oppositionellen und löst in Jena eine Reihe von Aktionen aus, in deren Folge wiederum etliche Jugendliche verhaftet werden.
Ein von Matthias Domaschks Freunden nach 1989 angestrebter Prozess gegen die involvierten Stasi-Offiziere endet mit geringen Geldstrafen für die Angeklagten. Unterlagen, die Auskunft über die Ereignisse hätten geben können, wurden vernichtet. Und die Stasi-Offiziere, die Matthias Domaschk 1981 verhörten, schweigen bis heute.
Erstmal Ohnmacht, dann Wut. Nach dem Tod von Matthias Domaschk führt bei Dorothea Fischer nicht zu noch mehr Vorsicht. Dann muss sie eben auch deutlicher und klarer, konsequenter sein.
„
Frage: Welche Auswirkungen hatte der Tod von
Ich kann nur davon sprechen, wie das auf mich gewirkt hat. Auf mich hat das erstmal richtig paralysierend gewirkt. Ich habe mich wie gelähmt gefühlt. Wenn das möglich ist, dass aus einer
Wir haben alle so gelebt. Es kann sein, dass wir jetzt in Untersuchungshaft kommen oder ein paar Tage ins Gefängnis, vielleicht sogar richtig verurteilt werden. Wir wussten ja, dass es so komische Paragraphen gab. Damals habe ich nicht damit gerechnet, dass wirklich jemand dadurch sterben kann. Das war ein richtiger Schock.
Frage: Was hat das für eine Reaktion in Ihnen ausgelöst?
Erstmal Ohnmacht und Wut: Das kann doch nicht so bleiben, es muss doch irgendwas geschehen! Ich hatte Lust, irgendwas zusammen zu schlagen. Dann hat es mich in gewisser Weise radikalisiert. Zu sagen: Dann ist das die Realität, dann muss ich mich dem anpassen, dann bin ich eben nicht noch vorsichtiger, ganz im Gegenteil. Dann muss ich eben auch deutlicher und klarer, konsequenter sein. Noch mutiger sozusagen.“
Dorothea Fischer, Zeitzeugin auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2004
Spieldauer: 2 Min.
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350