Der Weg an die Öffentlichkeit – Radio Glasnost und Siebdruck
Wie kann man unzensierte Informationen verbreiten – ganz ohne Demo, ohne Sender, ohne Kopierer, ohne Computer, ohne Drucker?
Harte Strafen: Für eine frei geäußerte Meinung gibt es in der DDR bis zu zwölf Jahre Freiheitsentzug. Im Bild: das Strafgesetzbuch der DDR 1984,
§ 220, „öffentliche Herabwürdigung“. Im politischen Strafrecht existieren Paragraphen, die freie Meinungsäußerung unter strafrechtlichen Generalverdacht stellen und die Sammlung von Nachrichten und Informationen sanktionieren. Neben dem § 220 sind das außerdem der § 106, „staatsfeindliche Hetze“, und der § 219, „ungesetzliche Verbindungsaufnahme“.
Auf dem Weg zur Bluesmesse in die Berliner Samariterkirche: Mit versteckter Kamera observiert die Stasi verdächtige Jugendliche (26. Juni 1981).
„Hände für den Frieden“: Ausstellung des Antikriegsmuseums während der Friedenswerkstatt in der Berliner Erlöserkirche (27. Juni 1982).
Während der Friedenswerkstätten in der Berliner Erlöserkirche verbreiten oppositionelle Gruppen Infoblätter zu verschiedenen Themen. Am Stand der
Frauen für den Frieden am 3. Juli 1983 verteilen Barbe Linke, Katja Havemann und Gisela Metz (v.l.n.r.) Informationen zur Wehrdienstverweigerung.
Ironische Protestpostkarte zum UNO-Jahr des Friedens 1986, angefertigt von Johannes Beleites. Die in einer Auflage von 100 bis 500 Stück hergestellte
Karte verteilt er auf Kirchentagen, Radsternfahrten und Umweltseminaren.
Protestpostkarte für den Umweltschutz: „Mobil ohne Auto“ (1986), angefertigt von Johannes Beleites. Auflage: 100 bis 500 Stück. Ursprünglich
handelte es sich bei dieser Karte um ein Plakat, das Johannes Beleites für eine Fahrradtour der Jungen Gemeinde Zeitz hergestellt hatte. Später verbreitet er die Karte, wie auch seine anderen Collage auf Kirchentagen, Radsternfahrten und Umweltseminaren.
In der Galerie der Ostberliner Umwelt-Bibliothek werden regelmäßig Ausstellungen organisiert, bei denen kritische Künstler ihre Werke vorstellen.
Am 11. Oktober 1987 wird eine von Igor Tatschke und der AG Mauerstein eröffnet.
Bibliotheksraum der 1986 gegründeten Umwelt-Bibliothek Berlin: Im Bestand befinden sich in der DDR verbotene und unerwünschte Bücher, Broschüren
und Infohefte zu Friedens- und Umweltproblemen.
Siegbert Schefke (im Bild) und Aram Radomski dokumentieren mit Videokameras den Städtezerfall und die zunehmende Umweltverschmutzung in der DDR. In
ARD-Politmagazinen wie Kontraste werden ihre Beiträge ausgestrahlt und kommen so in die Wohnzimmer der DDR-Bürger.
Die Kamera haben sie von Roland Jahn aus West-Berlin: Aram Radomski und Siegbert Schefke dokumentieren den Städtezerfall in der DDR.
Verfall des Holländischen Viertels in Potsdam um 1989. In vielen Städten der DDR verfallen erhaltenswerte historische Gebäude, da der Staat die
notwendige Sanierung unterlässt. Aram Radomski und Siegbert Schefke dokumentieren den Städtezerfall in der DDR.
Bluesmesse in der Berliner Erlöserkirche 1986.
Protestpostkarte von Christoph Wonneberger aus Leipzig (November 1986).
Die staatlich kontrollierten und
Das Sammeln staatskritischer Nachrichten und Informationen steht unter Strafe. Trotz dieser ständigen Gefahr versuchen Oppositionsgruppen, öffentlichkeitswirksame Gegenstrategien zu entwickeln und der einseitigen Berichterstattung der DDR-Führung ausgewogenere Informationen entgegenzusetzen.
In den 1950er Jahren ermöglichen die durchlässigen
Der Mauerbau kappt die Unterstützung aus dem Westen
In den 1970er Jahren entwickeln sich neue oppositionelle Bewegungen und Kreise in der DDR, die zunächst kaum oder gar keine Westverbindungen haben. Diskussionen, Lesungen und Ausstellungen finden fast ausschließlich in Privatwohnungen statt. Das
In den 1980er Jahren sammelt sich die
Zu einem großen Erfolg werden ab 1979 die
Öffentliche politische Kritik entwickelt sich auch durch die Mail-Art-Bewegung und das Verbreiten von Protestpostkarten. Der 19-jährige
Durch das Verbreiten von Informationsblättern im
Unzensierte Protestpostkarten, Samisdat und Tabuthemen
Dem Bedürfnis nach mehr und
Erreichen die inoffiziell verbreiteten Publikationen nur wenige Menschen, so sind Rundfunk und Fernsehen aus dem Westen fast in jedem DDR-Haushalt zu empfangen. Die meisten DDR-Bürger verfolgen abends aufmerksam die Berichte aus dem Westen und diskutieren sie am nächsten Tag am Arbeitsplatz. Besonders gefragt sind die TV-Politmagazine von
Der bekannte Regimekritiker
Plötzlich werden oppositionelle Themen, Publikationen und Personen über die Westmedien DDR-weit bekannt. Bislang verschwiegene oder offiziell verbotene Themen erreichen nun einen großen Teil der DDR-Bevölkerung. Die immer enger werdende Verbindung zu einigen Journalisten der Bundesrepublik ermöglicht der kleinen Oppositionsbewegung einen enormen Bedeutungszuwachs.
Oppositionelle spielen den Westmedien Informationen zu
Eine neue Qualität wird 1987 mit der Gründung von Radio 100 in West-Berlin erreicht. Auf dieser Welle wird einmal im Monat Radio Glasnost gesendet. Radio Glasnost kündigt Veranstaltungstermine der DDR-Opposition an, verbreitet Informationen über deren Arbeit und stellt die Positionen einzelner Gruppen dar. Mit Redebeiträgen und Interviews, die illegal in Ost-Berlin aufgenommen und dann über die Grenze geschmuggelt werden, erhält die DDR-Opposition 1987 eine eigene Stimme.
Als noch wirkungsvoller, weil nahezu flächendeckend, erweisen sich die Fernsehberichte. Eine wichtige Kontaktperson in West-Berlin ist Roland Jahn, der unter anderem Druckmaschinen für die Oppositionsgruppen besorgt. Er stattet Aram Radomski und
Über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Opposition, eine Gegenöffentlichkeit in der DDR zu erzeugen, berichten Aram Radomski und Roland Jahn im Zeitzeugen-Interview. Auch
(West-)Fernsehmagazine wie „Kontraste“ oder „Kennzeichen D“ werden zu einem wichtigen Medium, um über die Aktivitäten der DDR-Opposition zu berichten und damit viele Leute im Osten zu erreichen.
In West-Berlin habe ich als Kontaktstelle angefangen. Angefangen, die Informationen aus dem Osten zur West-Presse zu organisieren. Es war natürlich nicht einfach, von West-Berlin aus Kontakt mit den Leuten in der DDR zu haben. Ich musste da ein ganzes Netzwerk von geheimen Kurieren aufbauen, die zwischen Ost und West hin und her gingen und Briefe, verbotene Bücher und Druckmaschinen transportierten. Das waren vorwiegend Diplomaten. Das waren Bundestagsabgeordnete, speziell der Grünen, das waren auch ganz normale Touristen. Gerade das Zusammenspiel zwischen Ost und West hat es möglich gemacht, dass eine Öffentlichkeit geschaffen worden ist. Dass die Öffentlichkeit auf die Verhaftungen in der Umwelt-Bibliothek, in der
Die Proteste, die dann einsetzten – die Mahnwachen, die Gottesdienste, auch die republikweiten Proteste gegen die Inhaftierungen der Mitarbeiter der Umwelt-Bibliothek – haben dazu geführt, dass sie wieder freigelassen worden sind. Deswegen hat man eine Kriminalisierung meiner Person vorgenommen und gesagt: ´So, das ist jetzt ein Agent. Er sitzt in West-Berlin und steuert die
Ich habe angefangen, noch mehr Videokameras in den Osten zu schicken. Weil ich wusste: Fernsehen, das ist genau das, was wichtig ist, was bis in den Osten reinstrahlen muss, was die Massen erreicht. Und nicht nur die Untergrundpresse, die immer dieselben erreicht. Das Medium Fernsehen wurde für mich immer wichtiger. Ich habe in der Redaktion ´Kontraste` angefangen zu arbeiten, die für die
In anderen Städten haben sie gesehen: Die Polizei hat nicht zugeschlagen, sie hat die Demonstranten nicht verprügelt. Wir haben eine Chance. Wir müssen auch auf die Straße gehen. Und so gingen sie auch in anderen Städten auf die Straße. Leipzig und diese Bilder haben das Signal dafür geliefert.
Roland Jahn, Zeitzeuge auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2004
Spieldauer: 3 Min.
© 2004 Robert-Havemann-Gesellschaft & Bundeszentrale für politische Bildung
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350