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Hildegart Becker

Hildegart Becker

Redaktion

Mit einer alten Schreibmaschine und reichlich Wut im Bauch protestiert Hildegart Becker gegen die blutige Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes.

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Frankfurt (Oder), Winter 1968. Das Gemeindehaus mit der Pfarrerswohnung, in dem Hildegart Becker zu Hause ist, und die Untersuchungshaftanstalt des Interner Link: Ministeriums für Staatssicherheit liegen nur wenige Schritte voneinander entfernt. In der Zelle hört Hildegart Becker die Glockenschläge der Kirche. Nur deswegen weiß die 17-Jährige, wo sie ist.

Am 15. Dezember 1968 schreibt sie einen Kassiber (= geheime Botschaft eines Gefangenen) an ihre Eltern:

Zitat

Jeden Abend warte ich auf das Läuten, und dann denke ich an Euch. Gestern Abend hörte ich die Orgel. Das freute mich gewaltig. Ich stand am Fenster und hörte zu [...].

Als ihr Vater sie im Gefängnis besucht, gelingt es ihr, von den Bewachern unbemerkt den Kassiber von Ärmel zu Ärmel an ihren Vater zu übergeben.

Was reißt die Pastorentöchter Hildegart Becker und Gerlinde Becker aus Frankfurt an der Oder aus den wohl behüteten Verhältnissen heraus und bringt sie in die Knastzellen der Interner Link: Stasi?

Die Kirchengemeinde Frankfurt (Oder) unterhält Partnerschaftsbeziehungen zu einer Gemeinde in Mähren (ehemalige Interner Link: Tschechoslowakei). Dort fahren die beiden Schwestern mit einigen Freundinnen regelmäßig hin. Sie arbeiten in einer sogenannten Waldbrigade, da die Jugendarbeit der Kirche in der Interner Link: ČSSR untersagt ist. Im Sommer 1968 spüren die Mädchen die Veränderungen im sozialistischen Nachbarland deutlich: Es herrscht ein neuer, freier Ton. Die Tschechen wollen alles besser machen als bisher. Sie streben eine menschliche Gesellschaft ohne Ausbeutung an, aber auch ohne die Unfreiheit, die bis dahin den Interner Link: Sozialismus bestimmt.

Als Hildegart Becker und ihre Freundinnen wieder zu Hause sind, verfolgen sie die politischen Nachrichten aufmerksam: Es wird berichtet, dass sich drohende Wolken über der Tschechoslowakei zusammenschieben. Nach einigen Tagen Ruhe vor dem Sturm fallen in der Nacht zum 21. August 1968 die Panzerdivisionen des Interner Link: Warschauer Paktes in der ČSSR ein. Auch in Frankfurt (Oder) sieht man die sowjetischen Truppentransporte in Richtung Süden rollen. Die Mädchen fragen sich: Was soll man gegen eine so gewaltige Übermacht tun?

Hildegart Becker geht zu einer Freundin, die eine Schreibmaschine hat. In ihrer Empörung entwerfen beide ein Flugblatt und tippen mit vier oder fünf Durchschlägen kleine Zettel:

Zitat

Jeder Staat hat ein Recht darauf, seinen Weg selbst zu bestimmen. Die Besetzung der ČSSR ist eine grobe Einmischung in die Innenpolitik dieses Staates. Kann man von einer Konterrevolution sprechen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung hinter Svoboda und Dubcek steht und ihrer Politik zustimmt?

Sie stecken die Zettel in Briefumschläge und verschicken sie. Später hilft auch Hildegart Beckers große Schwester Gerlinde Becker mit. Sie besorgt eine Schreibmaschine aus dem Gemeindebüro. Die Mädchen arbeiten das Frankfurter Telefonbuch bis zum Buchstaben K ab. Dann sind die großen Ferien vorbei. Gerlinde Becker fährt zum Studium nach Greifswald. Hildegart Becker geht wieder zur Schule. Doch inzwischen ermittelt die Stasi bereits hektisch, und es dauert nicht lange, bis klar ist, wer hinter der Aktion steckt.

Am 18. September wird Gerlinde Becker aus der Vorlesung heraus zum Rektor der Universität Greifswald gerufen. Dort warten Mitarbeiter der Stasi auf sie, die sie nach Frankfurt (Oder) bringen. Sie fahren sie jedoch nicht nach Hause in die Pfarrei, sondern direkt ins Gefängnis. Die Familie ahnt von allem nichts. Am nächsten Morgen wird Hildegart Becker auf dem Schulweg von Stasi-Leuten angesprochen:

Zitat

Sind Sie Fräulein B.?

Als sie die Frage bejaht, fordern die Beamten sie auf, in einen bereitstehenden PKW zu steigen. Dann beginnen die Verhöre.

In ihrem Brief an die Eltern entschuldigt sich Hildegart Becker: „Es ist mir klar, dass wir Euch genug Scherereien, Schwierigkeiten und Sorgen machen, und ich bitte Euch damit um Verzeihung.“ Dennoch steht sie zu ihrer Haltung: „Im Umschlag von Gerlindes Bibel war mal ein Flugblatt, falls es noch da ist, könnt ihr es ansehen, aber dann gut und sicher weglegen.“

Offenbar aus Rücksicht auf die Kirche verzichtet die Staatsmacht auf einen Prozess gegen die beiden Pfarrerstöchter und deren Freundin. Sie kommen kurz vor Weihnachten 1968 aus dem Gefängnis frei.

Biografische Angaben zu Hildegard Becker finden sie im Interner Link: Personenlexikon.

Fussnoten

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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350