Hildegart Becker
Mit einer alten Schreibmaschine und reichlich Wut im Bauch protestiert Hildegart Becker gegen die blutige Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes.
Hildegart Becker als Schülerin 1960.
Hildegart Becker mit ihrer Freundin Barbara Dunemann und ihrer Schwester Gerlinde (v.l.n.r.). Das Foto entstand nach der Untersuchungshaft der drei
Mädchen Ende der 1960er Jahre.
Hildegart Becker (ganz links) mit ihrer Familie im Dezember 1965.
Evangelische Rüstzeit im Sommer 1966 in Hirschluch. Ganz links die tschechische Freundin Jana, rechts daneben Hildegart Becker.
Hildegart Becker (links, sitzend) und ihre Schwester Gerlinde (hintere Reihe 3. v. r.) zu Besuch bei der Evangelischen Jugend der Tschechoslowakei in
Kunvald im Juli 1966.
Dresden, im August 1969: Hildegart Becker (2. v. l.) bei der Aktion Sühnezeichen.
Hildegart Becker 2007.
Frankfurt (Oder), Winter 1968. Das Gemeindehaus mit der Pfarrerswohnung, in dem Hildegart Becker zu Hause ist, und die Untersuchungshaftanstalt des
Am 15. Dezember 1968 schreibt sie einen Kassiber (= geheime Botschaft eines Gefangenen) an ihre Eltern:
Jeden Abend warte ich auf das Läuten, und dann denke ich an Euch. Gestern Abend hörte ich die Orgel. Das freute mich gewaltig. Ich stand am Fenster und hörte zu [...].
Als ihr Vater sie im Gefängnis besucht, gelingt es ihr, von den Bewachern unbemerkt den Kassiber von Ärmel zu Ärmel an ihren Vater zu übergeben.
Was reißt die Pastorentöchter Hildegart Becker und Gerlinde Becker aus Frankfurt an der Oder aus den wohl behüteten Verhältnissen heraus und bringt sie in die Knastzellen der
Die Kirchengemeinde Frankfurt (Oder) unterhält Partnerschaftsbeziehungen zu einer Gemeinde in Mähren (ehemalige
Als Hildegart Becker und ihre Freundinnen wieder zu Hause sind, verfolgen sie die politischen Nachrichten aufmerksam: Es wird berichtet, dass sich drohende Wolken über der Tschechoslowakei zusammenschieben. Nach einigen Tagen Ruhe vor dem Sturm fallen in der Nacht zum 21. August 1968 die Panzerdivisionen des
Hildegart Becker geht zu einer Freundin, die eine Schreibmaschine hat. In ihrer Empörung entwerfen beide ein Flugblatt und tippen mit vier oder fünf Durchschlägen kleine Zettel:
Jeder Staat hat ein Recht darauf, seinen Weg selbst zu bestimmen. Die Besetzung der ČSSR ist eine grobe Einmischung in die Innenpolitik dieses Staates. Kann man von einer Konterrevolution sprechen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung hinter Svoboda und Dubcek steht und ihrer Politik zustimmt?
Sie stecken die Zettel in Briefumschläge und verschicken sie. Später hilft auch Hildegart Beckers große Schwester Gerlinde Becker mit. Sie besorgt eine Schreibmaschine aus dem Gemeindebüro. Die Mädchen arbeiten das Frankfurter Telefonbuch bis zum Buchstaben K ab. Dann sind die großen Ferien vorbei. Gerlinde Becker fährt zum Studium nach Greifswald. Hildegart Becker geht wieder zur Schule. Doch inzwischen ermittelt die Stasi bereits hektisch, und es dauert nicht lange, bis klar ist, wer hinter der Aktion steckt.
Am 18. September wird Gerlinde Becker aus der Vorlesung heraus zum Rektor der Universität Greifswald gerufen. Dort warten Mitarbeiter der Stasi auf sie, die sie nach Frankfurt (Oder) bringen. Sie fahren sie jedoch nicht nach Hause in die Pfarrei, sondern direkt ins Gefängnis. Die Familie ahnt von allem nichts. Am nächsten Morgen wird Hildegart Becker auf dem Schulweg von Stasi-Leuten angesprochen:
Sind Sie Fräulein B.?
Als sie die Frage bejaht, fordern die Beamten sie auf, in einen bereitstehenden PKW zu steigen. Dann beginnen die Verhöre.
In ihrem Brief an die Eltern entschuldigt sich Hildegart Becker: „Es ist mir klar, dass wir Euch genug Scherereien, Schwierigkeiten und Sorgen machen, und ich bitte Euch damit um Verzeihung.“ Dennoch steht sie zu ihrer Haltung: „Im Umschlag von Gerlindes Bibel war mal ein Flugblatt, falls es noch da ist, könnt ihr es ansehen, aber dann gut und sicher weglegen.“
Offenbar aus Rücksicht auf die Kirche verzichtet die Staatsmacht auf einen Prozess gegen die beiden Pfarrerstöchter und deren Freundin. Sie kommen kurz vor Weihnachten 1968 aus dem Gefängnis frei.
Biografische Angaben zu Hildegard Becker finden sie im
Wer nicht Mitglied in der Pionierorganisation ist, muss schon als Kind lernen, zu argumentieren.
Ich war die Einzige, die in der Klasse nicht bei den Pionieren war. Oder gab es noch eine Zweite? Doch, eine Familie, die vor '61 in den Westen ging. Es waren oft Familien. Es war irgendwie merkwürdig: 'Es ist aber schade, dass du nicht bei den Pionieren bist. Lassen dich deine Eltern nicht, und warum willst denn du nicht?'. Solche Fragen zu beantworten in der ersten, zweiten, dritten Klasse, so übt man schon argumentieren.
Hildegart Becker, Zeitzeugin auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2007
Spieldauer: 1 Min.
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