1957, den 4. November
Am den Lehrkörper der mitteldeutschen Universitäten!
Die Stunde verdient es , sich zu sammeln und wenigstens die Courage zu haben, einmal nachzudenken, ohne Furcht, unbequeme Konsequenzen ziehen zu müssen, und unter Verzicht auf jegliche Illusionen, etwa ein irgendwohin gerichtetes Vertrauen, eine Zuversicht, die wohl Wunden heilen hilft, selten aber die Kraft hat, ihre Entstehung zu verhindern. Es wäre wahrlich beleidigend naiv, Ihnen die Parallelen zwischen diesem totalitären System und dem dritten Reich aufzuzählen. Doch denken wir an die allgemeine Haltung der deutschen Geistesschaffenden vor 20 Jahren. War nicht ihre Flucht in spekulative Räume, ihr Schwelgen in der Freiheit des schwebenden Gedankens im Grunde ein Selbstbetrug. Vielleicht wird man gegenwartsbezogen einwenden, daß ein zur Tat zwingendes Voraugenhalten der dem Stande der menschlichen Erkenntnis ins Gesicht schlagenden Realität eine übernatürliche oder gar unaufbringbare Kraft, andererseits einen unnütz übertriebenen Idealismus erfordere. Mit dem Vorwurf der Feigheit oder Schwäche ist freilich das eine heute nicht abzutun, während das letztere schon eine sehr gefährliche Konzession enthält. Zugegeben, der Widerstand des Einzelnen ist sinnlos, wenn er nicht von einer Gemeinschaft, mag sie noch so klein sein, getragen wird.- Das furchtbare Wüten krankhafter Machtgier ist über die Völker des Ostens hinweggegangen - Keiner blieb verschont, mochte er noch so hoch und abseits stehen; keiner Familie blieb die häusliche Stille erhalten. Und das abgesonderte ängstlich stille Pflichterfüllen des Einzelnen schien gerade die tierische Kampfeswut der NKWD noch aufzupeitschen. Wo sind die konkreten Einwände, die die Befürchtung einer mehr oder weniger genauen Übertragung der erwähnten Zustände entkräften könnten? Worauf könnte ein Optimismus basieren, wenn nicht auf unserer ungebrochenen Entschlossenheit, das Menschliche zu verteidigen (Kennen Sie die Haltung Ihrer polnischen Kollegen?)? Unsere Tat muß einsetzen, wo wir der Tyrannei in ihrer tiefgreifendsten Auswirkung begegnen.- Es ist klar, daß im Grunde nicht nur irgend eine Straftat, sondern der Geist als solcher verfolgt wird, denn "für die Dauer ist kein Doppelleben möglich, um in Harmonie mit sich selbst zu sein, paßt der Mensch notgedrungen seine Gedanken dem äußeren Verhalten an, zu dem die Gewalt ihn zwingt." (Th. Mann) Darum müssen wir die Pfeiler stürzen, auf denen unser mißtrauisches unaktuelles menschliches Begegnen begründet ist: Wirken Sie an den deutschen Universitäten auf die Festigung des Vertrauens innerhalb des Lehrkörpers und zur Studentenschaft hin, weichen Sie nicht aus! Wenn die selbstquälerische Skrupelhaftigkeit, die nie zur Tat führt, durch die Einsicht in die Notwendigkeit der freien verantwortlichen Tat ersetzt ist, wenn die Civilcourage restauriert ist, dann muß sich in dieser Gemeinschaft die Macht des Geistes entfalten ( und es würde keine 96%ige "Wahl"-beteiligung mehr zustande kommen). Wir tendieren alle dazu, im Auftrag einen Beruf und in diesem eine Berufung zu sehen. Würde nicht ein geringer Bruchteil der hier aufgewendeten Energie genügen, ein gewisses politisches Geschick zu erwerben, um unsere menschliche und nationale Pflicht auch im Politisch-Gesellschaftlichen zu erfüllen? Der deutsche Arbeiter, entblößter als wir der ätzenden Lüge preisgegeben, sieht auf uns.- Wir rufen alle, die nicht nur dieses totalitäre System ablehnen, sondern auch erfüllt sind vom Glauben an ewige und unveräußerliche Werte im Dasein des Menschen und des Staates, wie Freiheit und Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit.
Die soziale Demokratie ist das ewig Junge, das Menschlichste,
laßt uns einig darum ringen!
Voller Besorgnis, die freien Stimmen könnten verhallen, gedenken wir ihrer Opfer im aller Welt. Doch hier ist unser Platz, hier unsere Pflicht.
Den Geschwistern Scholl
[Handschriftlicher Vermerk am linken Rand:]
Dies Schrift ist mit dem von mir verfaßten Aufruf identisch, der am 4.11.1957 an den Lehrkörper der Universität Leipzig per Post versendet werden sollte.