„Hoch Dubček!“ – Kinder von Berliner Intellektuellen protestieren
In der DDR wächst Widerstand gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Armeen in die ČSSR. In Berlin verteilen Kinder von Intellektuellen Flugblätter – ihr Protest ist nur die Spitze des Eisbergs.
Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei stellen Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und Sanda Weigl
am 22. August 1968 rund 500 handgeschriebene Flugblätter mit verschiedenen Losungen her.
Flugblatt von Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und Sanda Weigl gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die
Tschechoslowakei. Die Flugblätter verteilen sie in der Nacht vom 22. auf den 23. August 1968 in Ost-Berlin.
Nach der Verhaftung ihres Freundes Thomas Brasch, mit dem sie ein Kind zusammen hat, setzt Bettina Wegner die Flugblattaktion mit eigenen Losungen
fort.
Ein Flugblatt, das Bettina Wegner nach der Verhaftung ihres Freundes Thomas Brasch schreibt und in Ost-Berlin verteilt. Kurze Zeit später wird sie
ebenfalls von der Staatssicherheit verhaftet.
Alle Hände voll zu tun für die Stasi: Hier die vom MfS gesammelten handschriftlichen Flugblätter der Gruppe um Thomas Brasch, Rosita Hunzinger,
Erika Berthold und Sanda Weigl.
„Staatsfeindliche Hetze“: Bericht des MfS über die Flugblattaktion von Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold, Sanda Weigl und Bettina
Wegner.
„Staatsfeindliche Hetze“: Bericht des MfS über die Flugblattaktion von Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold, Sanda Weigl und Bettina
Wegner.
Am 24. August 1968 verteilen drei Berliner Schüler dieses und andere Flugblätter im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin.
Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings muss das MfS zur Kenntnis nehmen, dass viele DDR-Bürger die Besetzung der Tschechoslowakei mit dem
Einmarsch der Wehrmacht 1938 gleichsetzen. Nach 1989 stellt sich heraus, dass die NVA – entgegen der SED-Verlautbarungen – an der Besetzung gar nicht unmittelbar beteiligt war. Am 24. August 1968 verteilen drei Berliner Schüler dieses und andere Flugblätter im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin.
Aderlass der DDR-Kultur. Foto: Schriftsteller Thomas Brasch (33) in seiner Wohnung. Berlin (Berlin West), 10. 07. 1978. Der Autor und Filmemacher
Brasch übersiedelte 1976 mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach und ihrer Tochter nach West-Berlin. Er war Mitunterzeichner der Resolution gegen die Ausbürgerung Biermanns und durfte nicht mehr publizieren. Zuvor hatte er 1968 die Hochschule für Film und Fernsehen (Babelsberg) verlassen müssen und wurde wegen staatsfeindlicher Hetze zu Gefängnis verurteilt. Nachtrag: Brasch starb im November 2001 im Alter von 56 Jahren in Berlin an Herzversagen.
Die ČSSR als Vorbild: In der DDR solidarisieren sich 1968 etliche junge Leute mit den Ideen des Prager Frühlings. Auf der zentralen
Mai-Demonstration 1968 in Ost-Berlin führen zwei Männer ein selbst gefertigtes Transparent mit. Kurz nach Entstehen dieser MfS-Aufnahme schreiten Sicherheitskräfte ein und nehmen die beiden fest.
Ab etwa 1965 bildet sich ein Freundeskreis von Berliner Oberschülern und Studierenden. Einige von ihnen sind Kinder von prominenten Intellektuellen und hohen
Zur Gruppe gehören Rosita Hunzinger und Erika Berthold, die gemeinsam die Schule besuchen. Im Sommer 1968 sind beide 18 Jahre alt. Rosita Hunzinger ist die Tochter der bekannten Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, deren Haus am Rande von Berlin ein beliebter Treffpunkt der intellektuellen Szene aus Ost und West ist. Erika Berthold ist die Tochter von Professor Lothar Berthold, dem Direktor des Instituts für
Kinder von Berliner Intellektuellen werden aufsässig
Zu dem Kreis gehören auch der 23-jährige Student Thomas Brasch, ein angehender Dichter und Sohn des stellvertretenden Kulturministers. Außerdem mit von der Partie: die 20-jährige Studentin Sanda Weigl und der 18-jährige Hans-Jürgen Uszkoreit, der die Schule abgeschlossen hat und in einem Betrieb arbeitet.
Der Einmarsch der Armeen des
Noch am Abend des 21. August 1968 schreiben Frank Havemann und Hans-Jürgen Uszkoreit „Dubcek“ an vier Häuserwände, denn
Im Laufe des 22. August stellen Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und Sanda Weigl rund 500 handgeschriebene Flugblätter her: „
„Hoch Dubcek!“: Gefährliche Solidarität mit Prag
Am nächsten Tag kommt es zu ersten Verhaftungen. An der Aktion beteiligen sich noch andere Jugendliche, deren Tatbeteiligung aber geringer eingeschätzt wird. Sie werden zwar mehrfach zu Vernehmungen beim MfS einbestellt, aber nicht angeklagt.
In der Nacht auf den 24. August setzt die Freundin des bereits verhafteten Thomas Brasch, Bettina Wegner, die Flugblattaktion fort. Sie wird ebenfalls verhaftet. (Im Zeitzeugen-Video berichtet Bettina Wegner über diese turbulenten Zeiten.)
Es kommt zur Verhandlung, an der ausgewählte Vertreter der Bildungseinrichtungen und Arbeitsstellen der Angeklagten teilnehmen – und natürlich Mitarbeiter des Parteiapparats und des MfS. Auch die Eltern der Jugendlichen sitzen im Gerichtssaal. Verhandelt werden jedoch kaum die „Taten“, denn deren strafrechtliche Relevanz ist schwer zu begründen. So ist Alexander Dubcek, dessen Namen die Angeklagten an Häuserwände geschrieben haben, zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung immer noch Vorsitzender der
Prominentenkinder: Freiheitsentzug, Einweisung, Repressionen
Am 21. und 22. sowie am 24. und 25. Oktober 1968 findet vor dem Strafsenat des Stadtgerichts Groß-Berlin die Hauptverhandlung statt. Am 28. Oktober 1968 ergehen folgende Urteile: Die Angeklagten Thomas Brasch und Rosita Hunzinger werden zu jeweils zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Sanda Weigl bekommt zwei Jahre, Erika Berthold ein Jahr und zehn Monate, Frank Havemann ein Jahr und sechs Monate, Hans-Jürgen Uszkoreit ein Jahr und drei Monate. Für den minderjährigen Florian Havemann wird die Einweisung in ein Jugendhaus beantragt.
Am 7. November 1968, dem Tag des Strafantritts, wird den Verurteilten Hans-Jürgen Uszkoreit, Sanda Weigl und Erika Berthold mitgeteilt, dass ihre Haftstrafe in Bewährung umgewandelt wird. Am 11. und 12. November 1968 erhalten die noch in Haft befindlichen Verurteilten Thomas Brasch, Rosita Hunzinger und Frank Havemann die Mitteilung, dass ihre Haftstrafen ausgesetzt werden. Sie werden alle aus dem Gefängnis entlassen.
Die Aktionen der Prominentenkinder werden durch die Westmedien bekannt. Zu Recht wird ihr Protest als die Spitze eines Eisbergs gesehen: Allein in Ost-Berlin registriert das MfS 389 Flugblattaktionen mit insgesamt 3.528 Flugblättern sowie 272 Losungen gegen den Einmarsch in die ČSSR. In diesen Monaten werden zahlreiche junge Menschen verhaftet. Trotz drohender Schulentlassungen und Universitätsverweise weigern sich viele Mitschüler und Kommilitonen, die „konterrevolutionären Aktionen“ zu verurteilen.
Um die Wogen etwas zu glätten, tritt die SED-Führung ab Ende Oktober 1968 nachgiebiger auf. Sie fürchtet, die Söhne und Töchter aus der SED-Führungsschicht mit zu harten Reaktionen dauerhaft ins gesellschaftliche Abseits zu drängen.
Mehrheitlich sind an den Aktionen um den Prager Frühling jedoch keine Prominentenkinder beteiligt, sondern Lehrlinge und Jungarbeiter, die nicht durch westliche Medien oder ihre Eltern geschützt sind.
Überall in der DDR regt sich Widerstand gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR. Auch die junge Bettina Wegner wird aktiv.
Nirgendwo gab es das, glaube ich, dass ein Volk wirklich hinter einer sozialistischen Führung stand. Das war da, und da war es eben möglich, dass andere Filme gemacht wurden, dass andere Bücher geschrieben werden durften. Was heißt andere, ich meine, dass die
Und dann ging's mit mir auch wirklich politisch bergab. Ich hatte da einen Freundeskreis, und die sind losgegangen. Weil ich nun junge Mutter war, hat mir keiner Bescheid gesagt. Ich sollte nicht mit, und sie haben Flugblätter verteilt. Das waren Roswitha Hunzinger, Erika Berthold, die Havemann-Söhne, Sandra Weigel und Thomas Brasch, von dem ich das Kind hatte. Die waren dann alle schon verhaftet, außer Thomas, der mir sagte: ´Mach bloß nichts, mit dem Kind`. Dann war auch er verhaftet, und ich dachte: Wenn jetzt keiner weitermacht, dann sieht das für die da drinnen ganz schön grau aus.
Da habe ich mich hingesetzt und habe mit der Hand Flugblätter geschrieben, mit Rotstift und Bleistift. Die habe ich dann nachts mit einem Kumpel – und zwei anderen, die gar nicht wussten, was wir da machen – verteilt. Am nächsten Tag wurde ich abgeholt.
Bettina Wegner, Zeitzeugin auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2007
Spieldauer: 2 Min.
© 2007 Robert-Havemann-Gesellschaft & Bundeszentrale für politische Bildung
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350