Arbeiteralltag
Mitte Mai 1953 legt das Zentralkomitee der SED das Ziel fest, die Erhöhung der Arbeitsnormen um durchschnittlich zehn Prozent bis zum 1. Juni 1953 sicherzustellen. Überall beginnen nun die Vorbereitungen für eine Normenerhöhung. In den Betrieben werden Versammlungen der Gewerkschaft einberufen, auf denen die Funktionäre die Notwendigkeit dazu erklären sollen. Es kommt zu heftigen Diskussionen.
Am 13. Oktober 1948 fördert der Bergmann Adolf Hennecke im Karl-Liebknecht-Schacht in Oelsnitz (Erzgebirge) in einer Sonderschicht 24,4 m³
Steinkohle und erreicht damit 387 Prozent der durchschnittlichen Tagesleistung. Diese Normübererfüllung ist Auslöser der sogenannten Hennecke-Bewegung. Adolf Hennecke wird als Held des erwünschten sozialistischen Wirtschaftswunders inszeniert. Die SED wählt ihn und andere Arbeiter als Vorbilder, um den Brigaden die Überbietung der Normen schmackhaft zu machen.
Essen à la carte: In der Bundesrepublik wird die Rationierung von Lebensmitteln 1950 aufgehoben. In der DDR gelten die Lebensmittelmarken dagegen bis
1958.
Am 16. August 1952 eröffnet der Ostberliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert den Schwerpunkt II des Nationalen Aufbauprogramms, die Stalinallee.
Ein Jahr später, am 16. und 17. Juni 1953, streiken die Bauarbeiter der Stalinallee und fordern die Rücknahme der Normenerhöhung, freie Wahlen und die Absetzung der Regierung. Der Volksaufstand vom Juni 1953 hat hier seinen Ursprung.
Big Brother is watching: Unter den Augen Stalins, dem „treuen Lehrmeister beim Aufbau des Sozialismus, dem Bannerträger des Friedens und
Fortschritts in der ganzen Welt“, wird an der Stalinallee ein Richtfest gefeiert.
Ungleiche Verhältnisse: Während in der Bundesrepublik der Wirtschaftsaufschwung für ein üppiges Warenangebot sorgt, das sich allerdings nicht
jeder leisten kann, herrscht in der DDR chronische Mangelwirtschaft.
Im Fräsmaschinenwerk "Fritz Heckert" in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, werden den Werktätigen die neuen Normkarten erläutert.
Von einem üppigen Warenangebot keine Spur. Margarine als Schaufensterdekoration in einem HO-Laden in Ost-Berlin in den 1950er Jahren.
Zum ständigen Repertoire kommunistischer Staatspropaganda gehören Aufrufe, die Arbeitsleistung zu steigern. Der Bergarbeiter Adolf Hennecke und die Weberin Frida Hockauf aus Zittau werden als Helden des erwünschten sozialistischen Wirtschaftswunders inszeniert. Die
Nach der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 macht
Trotz dieser bedrohlichen Anzeichen entschließt sich die SED-Führung, im Frühsommer 1953 die Normenerhöhung durchzusetzen. Die Appelle an die „Freiwilligkeit der Arbeiterschaft“ zeigen nicht den erwünschten Erfolg, denn eine Mehrarbeit ist kaum noch möglich. Dennoch legt das
Mehr, mehr, mehr: Die SED macht Druck auf die Arbeiter
Überall beginnen nun die Vorbereitungen für eine solche Normenerhöhung. In den Betrieben werden Versammlungen der Gewerkschaft einberufen, auf denen die Funktionäre die Notwendigkeit der Normenerhöhung erklären sollen. Es kommt zu heftigen Diskussionen, zu Widerspruch und grundsätzlicher Kritik an der Parteiführung. Es herrscht eine gereizte Stimmung, die durchaus – wie man heute aus dem überlieferten Material weiß – nach oben vermeldet wird. Es fehlt also nicht an Warnungen, doch die Parteiführung bleibt stur.
Die Sowjetführung ist über die Situation in der DDR beunruhigt und verordnet der SED-Führung einen Kurswechsel. Eine Reihe von Maßnahmen werden in Moskau diskutiert und beschlossen. Die sofort umzusetzenden Beschlüsse betreffen unter anderem das Schulwesen, die Kirchen und Künstler, das Flüchtlingsproblem sowie die Lebensmittellage. Als am 9. Juni 1953 der Neue Kurs beschlossen wird, gibt die SED in fast allen Punkten nach. Die Normenerhöhungen sollen aber bleiben. Eine Woche später ziehen die Bauarbeiter von der Stalinallee und von der Baustelle Krankenhaus Friedrichshain quer durch Berlin zum Regierungssitz in der Leipziger Straße. Die Normenfrage ist nicht die einzige Ursache des Volksaufstands vom 17. Juni. Doch sie ist der zündende Funke im Pulverfass des allgemeinen Unmuts.
Anfang 1953 merkt Heinz Grünhagen schon, dass die Bauleitung nervös ist. In der DDR werden die Arbeitsnormen um 10% erhöht. In der Bevölkerung macht sich Unzufriedenheit breit.
Ich musste eine Liste mit Namen führen, und dann wurden die Arbeiten da eingetragen. Wenn ich am Tag 10.000 Steine abgeladen habe, musste ich zum Normer. Der hat mir die Norm dafür gegeben. Sagen wir mal als Beispiel 1,0 Stunden. Das wurde alles eingetragen, der Oberbauleiter hat das nach zehn Tagen noch mal kontrolliert und dann seinen Wilhelm drunter gemacht. Wir merkten das schon: Die Bauleiter waren nervös, und der Oberbauleiter genauso. Da war die Normerhöhung schon bei denen durch.
Heinz Grünhagen, Zeitzeuge auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2006
Spieldauer: 1 Min.
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350