Gründung der Freien Universität
Aus Protest gegen die Vorgänge an der in Ost-Berlin gelegenen Berliner Universität unterschreiben mehr als 2000 Studenten einen Aufruf zur Gründung einer neuen Universität. Im Juni 1948 konstituiert sich ein Gründungsauschuss für die Freie Universität Berlin.
Titelblatt der Sondernummer „Kampf um die Universität“ der Zeitschrift Colloquium. Sie erscheint nach den Vorfällen an der Berliner Universität
im April 1948.
Der Student Otto Stolz veröffentlicht in der Zeitschrift Colloquium satirische Artikel, zum Beispiel über die Amtseinführung des neuen Rektors der
Berliner Universität. Daraufhin stimmt der Präsident der Zentralverwaltung für Volksbildung, Paul Wandel (SED), seiner Immatrikulation nicht zu und entzieht ihm die Studienerlaubnis.
Im Colloquium erscheint ein kritischer Kommentar von Otto Hess mit dem Titel „Wie lange noch? Kampf um die Universität“. Darin wendet er sich
gegen den zunehmenden Einfluss der SED auf die von den sowjetischen Behörden kontrollierte Universität. Daraufhin entzieht man ihm am 16. April 1948 die Immatrikulation.
Joachim Schwarz ist Mitherausgeber der Zeitschrift Colloquium. Auch ihm entzieht Paul Wandel (SED) am 16. April 1948 die Studienerlaubnis.
Gefährlich nahe der Sektorengrenze: Im ausgebombten Hotel Esplanade protestieren im April 1948 Berliner Studenten gegen die Relegierung ihrer
Kommilitonen Otto Stolz, Otto Hess und Joachim Schwarz. Die Studenten fordern die Gründung einer freien Universität in den Westsektoren Berlins.
Dr. med. Friedrich (Fritz) von Bergmann wird vom West-Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter am 2. Februar 1949 als Kurator der Freien Universität
(FU) Berlin eingesetzt. Von 1945 bis 1946 leitet er die Abteilung Wissenschaft und Ausbildung der Zentralverwaltung für das Gesundheitswesen in der SBZ. Danach ist er freier Mitarbeiter des Berliner Tagesspiegels und Sekretär des Vorbereitenden Ausschusses für die Gründung der FU.
Die Berliner Universität untersteht nach Kriegsende formal nicht dem
Spätestens am 16. April 1948 beginnt der offene Kampf um die Berliner Universität. Die drei Herausgeber des Colloquiums, die Studenten Otto Stolz, Otto Hess und der 22-jährige Joachim Schwarz, werden von der Universität verwiesen. Der Studentenrat protestiert gegen diesen willkürlichen Akt. Einige Tage später findet im Westteil der Stadt eine Protestveranstaltung statt: im ausgebombten Hotel Esplanade, das unmittelbar an der Grenze zum sowjetischen
Maulkorb, Zensur und Exmatrikulation? Nein danke!
Unter dem Beifall der Anwesenden wird die Forderung nach einer neuen Universität laut. In den folgenden Wochen unterschreiben mehr als 2.000 Studenten einen Gründungsaufruf. Am 19. Juni 1948 konstituiert sich ein Gründungsauschuss für die Freie Universität (FU). Die Leitung übernimmt Ernst Reuter (SPD). Er ist der von der Stadtverordnetenversammlung 1947 gewählte Oberbürgermeister von Berlin. Allerdings ist er auf sowjetischen Druck von der Alliierten Kommandantur nicht bestätigt.
Fast zeitgleich verhängt die
Bereits zum Wintersemester 1948/49 beginnt an mehreren Fakultäten der Lehrbetrieb. Es gibt rund 5.000 Studienplatzbewerber, von denen nur 2.000 berücksichtigt werden können. Über 20 Prozent der Studierenden kommen aus dem sowjetischen Sektor Berlins und der SBZ. Viele von ihnen kommen von der Berliner Universität, die ab 1949 Humboldt-Universität heißt. Von den 30 Mitgliedern des 1947 frei gewählten Studentenrats wechseln 25 zur FU.
Zum 1. Mai 1946 weigern sich Studenten der Berliner Universität, auf dem Gebäude die rote Fahne zu hissen. Daraufhin wird der Vorsitzende der Studentischen Arbeitsgemeinschaft abgesetzt.
Sprecher (off):
„1. Mai 1946. Berlin prangt im Fahnenschmuck. Aber als die kommunistische Zentralverwaltung uns zwingen will, die rote Fahne auf der Universität zu hissen, spielten wir nicht mit, und die Universität blieb ohne Fahne. Dafür wurde der Vorsitzende unserer Studentischen Arbeitsgemeinschaft abgesetzt. Wir nahmen das noch nicht so ernst.
Wir gingen in das Sommersemester. Es kamen die Sommerferien. Wir genossen die Wärme und holten unsere Wissenslücken auf. Wir verdienten unser Geld, jeder auf seine Weise. Manche spielten ein Instrument, andere arbeiteten als Handwerker. Und die sonst nichts gelernt hatten, arbeiteten hart, oder sie gerieten in gefährlichere Geschäfte.
Herbst 1946. Berlin hatte gewählt und eine politische Entscheidung getroffen. Auch wir wählten. Aber bei unserer Studentenratswahl am 6. 2. 1947 wollten wir nicht in erster Linie politische Vertreter, sondern eine Studentenvertretung, die aus tüchtigen und vertrauenswürdigen Studenten bestand. Die Wahl entsprach unseren Erwartungen.
Oft ging es in unseren Studentenratssitzungen stürmisch zu. Oft waren die Meinungen so gegensätzlich, dass man kaum eine Einigung erwarten konnte. Aber unsere Studentenvertreter brachten jetzt endlich unsere Wünsche und Forderungen vor die Öffentlichkeit, ohne die Sorge zu haben, man könnte sie absetzen. Doch das war ein verhängnisvoller Irrtum.
Einer dieser Studentenvertreter wird im März 1947, also einen Monat nach unserer Wahl, in einem Berliner Café verhaftet, verschwand und blieb verschwunden. In der gleichen Zeit: Eine Studentin wird im Foyer eines Theaters angesprochen, verhaftet – seitdem verschwunden. Ein anderer Student wird in diesen Tagen von einer Dame aufgesucht. Seitdem fehlt jede Spur von ihm.
Wir protestierten in unserer Studentenzeitung gegen den Menschenraub. Wir wollten uns nicht in eine bestimmte politische Richtung drängen lassen, nicht schon wieder mithilfe eines Abzeichens, eines Parteiabzeichens, zum Studium zugelassen werden. Wir wollten uns nicht mit Kartoffeln kaufen lassen, obwohl wir sie dringend brauchten. Wir wollten endlich in Ruhe studieren!“
Ausschnitt aus „Eine freie Universität“ von Wolfgang Kiepenheuer aus dem Jahr 1949
Produktion: 1949
Spieldauer: 3 Min.
hrsg. von: Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin
Weitere Inhalte
Die Texte von www.jugendopposition.de sind in Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. entstanden. Weitere Angaben zu den Autorinnen und Autoren finden Sie im Impressum.
Kontakt zur Redaktion von www.jugendopposition.de: E-Mail Link: info@jugendopposition.de
Für den Hinweis auf Texte von www.jugendopposition.de, die keine konkrete Autorin/ keinen konkreten Autor genannt haben, empfehlen wir folgende Zitierweise (Beispiel):
„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350