Von starken Frauen und Blues-Messen – Friedensbewegung in Berlin
Neben Jena ist Ost-Berlin das wichtigste Zentrum der Friedensbewegung in der DDR. Seit der ersten Bluesmesse im Sommer 1979, die der Berliner Pfarrer Rainer Eppelmann organisiert hat, werden diese Gottesdienste mit Musik in der DDR-Hauptstadt zu einem Anziehungspunkt für unangepasste Jugendliche aus der ganzen DDR.
1979 initiiert Kreisjugendpfarrer Rainer Eppelmann erstmals eine oppositionelle Bluesmesse. Bis 1987 finden über 20 Bluesmessen statt. Hier wird
Musik gemacht und über gesellschaftliche Fragen diskutiert. Zunächst finden sie in der Ostberliner Samariterkirche statt, später in der größeren Auferstehungskirche beziehungsweise in der Erlöserkirche. Zu den ersten Bluesmessen reisen Hunderte, später bis zu 9.000 Jugendliche an. Im Bild: Jugendliche während der Bluesmesse am 26. Juni 1981 vor der Ostberliner Samariterkirche.
Bluesmesse in der Berliner Erlöserkirche 1986.
Das MfS ist live dabei: Die Stasi fotografiert, wie zu den Bluesmessen Jugendliche aus dem ganzen Land nach Berlin strömen.
Das MfS ist live dabei: Die Stasi fotografiert, wie zu den Bluesmessen Jugendliche aus dem ganzen Land nach Berlin strömen.
Unerlaubte Menschenkette an der Marienkirche in Ost-Berlin zum Weltfriedenstag am 1. September 1983. Mit dabei: die Frauen für den Frieden.
Schwerter zu Pflugscharen: Stoffaufnäher mit dem Symbol der Friedensbewegung, hergestellt 1985/86 in Berlin.
Man singt, tanzt, feiert und diskutiert miteinander – auch über gesellschaftspolitische Themen. Während es zuerst nur einige Dutzend Zuhörer sind, versammeln sich Ende 1979 etwa 1.000 Jugendliche zu einer Bluesmesse in der Berliner Samariterkirche.
Die
Weil der Andrang immer stärker wird, ziehen die Bluesmessen 1980 in die größere
1980 finden Bluesmessen in der Erlöserkirche statt
Doch ganz ohne behördliche Einmischung geht es dann doch nicht: Der Staat sieht in den Veranstaltungen sein Monopol auf Jugendkultur und -politik bedroht und versucht, die Bluesmessen zu verbieten. Das Argument: Es handelt sich hierbei nicht um genehmigungsfreie Gottesdienste, sondern um genehmigungspflichtige Massenveranstaltungen. Die Behörden üben einen starken Druck auf Pfarrer Eppelmann und die Kirchenleitung aus, doch vergeblich: Die Berliner Bluesmessen bleiben jahrelang ein wichtiger Treffpunkt der unangepassten DDR-Jugend.
Eine der wichtigsten Friedensgruppen, die sich 1982 in Berlin gründen, ist Frauen für den Frieden. Diese Initiative entsteht nach Änderung des DDR-Wehrdienstgesetzes, wonach im Mobilmachungsfall nun auch Frauen zur Landesverteidigung eingezogen werden können. Zahlreiche Frauen beschweren sich spontan bei staatlichen und militärischen Dienststellen. Die Berliner Gruppe formuliert einen Brief an
In einer anderen Aktion sammeln Mütter der Gruppe Bilder ihrer Kinder. Sie tun das in Absprache mit Mitgliedern der westdeutschen Bundestagsfraktion der Grünen, die die Fotos während der Nachrüstungsdebatte im Bundestag am 21./22. November 1983 an alle Fraktionen verteilen. Im Namen ihrer Kinder fordern sie sowohl von der Bundesrepublik als auch vom „Friedensstaat“ DDR Initiativen zur Abrüstung.
Im Sommer 1983 fasten die Frauen für den Frieden öffentlich
Gemeinsames Plädoyer: 150 Frauen protestieren bei Erich Honecker gegen das neue Wehrdienstgesetz, nach dem im Mobilmachungsfall nun auch Frauen zur
Landesverteidigung eingezogen werden können (12. Oktober 1982).
Gemeinsames Plädoyer: 150 Frauen protestieren bei Erich Honecker gegen das neue Wehrdienstgesetz, nach dem im Mobilmachungsfall nun auch Frauen zur
Landesverteidigung eingezogen werden können (12. Oktober 1982).
„Lernt Frieden – nicht schießen!“ Diese Losung bringen mehrere Frauen für den Frieden auf einem Schießplatz nahe Röbel an.
Friedenswerkstatt in der Erlöserkirche Berlin: Barbe Linke, Katja Havemann und Gisela Metz (v.l.n.r.) am Stand der Frauen für den Frieden (3. Juli
1983).
Frieden für die nächste Generation: Gegen die Aufrüstung in Ost und West gestalten die Frauen für den Frieden Protestpostkarten mit den Fotos
ihrer eigenen Kinder. Diese verteilen Abgeordnete der Grünen während der Nachrüstungsdebatte im Bundestag an alle Fraktionen (21./22. November 1983).
Demo am Checkpoint Charlie: Die Westberliner Frauen für den Frieden demonstrieren für die Freilassung ihrer Schwestern im Geiste jenseits der Mauer.
Die Frauen für den Frieden versammeln sich mit anderen Friedensgruppen in der Erlöserkirche, um ab 6. August 1983 eine Woche lang für Abrüstung zu fasten. Am 12. Dezember 1983 werden die vier Hauptinitiatorinnen in Berlin verhaftet:
Im Rahmen einer
Am 25. März 1982 tritt ein neues Wehrdienstgesetz in Kraft. Ab jetzt gilt im Mobilmachungs- und Verteidigungsfall auch für Frauen die allgemeine Wehrpflicht. Eingaben der Frauen gegen dieses Gesetz und die Auseinandersetzung mit der staatlichen Friedenspolitik führen 1982 zur Gründung der Gruppe Frauen für den Frieden. Ein Netzwerk Frauen für den Frieden entsteht in der gesamten DDR.
Zeitzeugin: Ulrike Poppe (* 1953 in Rostock)
Einige von uns hatten den Eindruck, dass in diesen gemischten Gruppen doch die Frauen sehr zurückhaltend waren und die Männer das Wort führten. Und nun trat die Situation ein, dass die
Während dieser Unterschriftensammlung sind wir mit vielen Frauen ins Gespräch gekommen. Für manche war es das erste Mal, dass sie sozusagen alleine als Frau ohne Absprache mit dem Mann eine Entscheidung getroffen haben, z. B. ihre Unterschrift darunterzusetzen. Dann haben wir uns als Frauen zusammengesetzt und machten die Erfahrung, dass die Frauen, die oft in den gemischten Runden sehr zurückhaltend waren, eigentlich gute Gedanken hatten und auch reden konnten. Wir hatten den Eindruck, dass wir eigentlich auch gut als Frauengruppe Aktionen machen könnten und sollten, dass wir auch in der Lage sind, eine ganz besondere Atmosphäre miteinander herstellen zu können.
Spieldauer: 2 Min.
hrsg. von: Robert-Havemann-Gesellschaft
© Robert-Havemann-Gesellschaft
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350