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Ereignisse an der Berliner Ossietzky-Schule

Ereignisse an der Berliner Ossietzky-Schule

Redaktion

Meinungsfreiheit ist in der Verfassung der DDR zwar festgeschrieben, die Realität sieht aber anders aus. Die ideologische Formung der Kinder und Jugendlichen im Sinne der SED ist erklärtes Ziel der DDR-Volksbildung. Diesen Drill in Frage zu stellen bedeutet, das Machtmonopol der Parteiführung zu untergraben. Und das ist gefährlich.

(© Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert-Schefke/RHG_Fo_HAB_17914) (© "Ein Rausschmiss - Und nun?", "Klartext" vom 14. November 1989, Deutsches Runfunkarchiv (DRA).) (© Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv, MfS, BV Berlin, AOP 1224/91, Band 6, Bl. 11) (© BStU, MfS, BV Berlin, AOP 1224/91, Bl. 4) (© BStU, MfS, BV Berlin, AOP 1224/91, Bl. 5) (© BStU, MfS, BV Berlin, AOP 1224/91, Bl. 7) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fak_0097)

Meinungsfreiheit ist in der Verfassung der DDR zwar festgeschrieben, die Realität sieht aber anders aus. Die ideologische Formung der Kinder und Jugendlichen im Sinne der Interner Link: SED ist erklärtes Ziel der DDR-Volksbildung. Diesen Drill in Frage zu stellen bedeutet, das Machtmonopol der Parteiführung zu untergraben. Und das ist gefährlich.

Abiturienten der Interner Link: Carl-von-Ossietzky-Schule in Berlin-Pankow erfahren dies im Oktober 1988 am eigenen Leib. Sie hängen Beiträge an die Wandzeitungen ihrer Schule, auf denen sie sich ihre eigenen Gedanken über die Streiks in Polen und den Unsinn der jährlich stattfindenden DDR-Militärparaden machen. Zudem organisiert einer der Schüler eine Unterschriftenaktion bei Eltern und Schülern, um gegen die Militärparade zum DDR-Jubiläum am 7. Oktober 1988 zu demonstrieren. Diese Aktionen werden aufmerksam von der Schulleitung verfolgt. Nach der Unterschriftenaktion greift sie hart durch.

Die beteiligten acht Schüler werden vor ein Schultribunal geladen. Interner Link: Kai Feller, Katja Ihle, Interner Link: Philipp Lengsfeld und Interner Link: Benjamin Lindner werden von der Schule geworfen, zwei weitere werden umgeschult, zwei erhalten Verweise. Sie müssen Befragungen, außerordentliche Schulversammlungen und Diffamierungen vor ihren Klassen über sich ergehen lassen. Drei von ihnen werden zudem aus der Interner Link: Freien Deutschen Jugend (Interner Link: FDJ) ausgeschlossen.

Der Vorwurf: Ihr Verhalten sei „antisozialistisch“, sie betrieben „verräterische Gruppenbildung“ und bildeten eine „pazifistische Plattform“. Der Rauswurf der vier Schüler bedeutet zugleich, dass sie kein Abitur mehr ablegen dürfen. Trotz Einspruchs der Eltern und mutiger Kritik einiger Mitschüler bleiben die Urteile bestehen. In alter SED-Tradition werden auch unter der Bildungsministerin Interner Link: Margot Honecker in der Schule abweichende Meinungen nicht gestattet.

SED wie eh und je: Schüler müssen die Klappe halten

Dem Druck von Lehrern und Direktor, von Interner Link: Stasi und FDJ können viele der Abiturienten, die sich mit den acht Schülern solidarisieren, nicht standhalten. Sie ziehen ihre Unterschriften gegen die Militärparaden zurück und lassen sich, wie die meisten Lehrer und Eltern auch, von den Drohgebärden einschüchtern. Viele distanzieren sich öffentlich von ihren Mitschülern.

Solidarität erfahren die acht nonkonformen Schüler durch die oppositionellen Gruppen. Schon am 16. Oktober 1988 berichtet die Berliner Umwelt-Bibliothek (UB) über die Vorgänge und sorgt für die Verbreitung der Nachricht von den Ereignissen an der Pankower Schule. Wenige Tage später entwirft der 21-jährige Interner Link: Andreas Kalk gemeinsam mit Freunden aus der UB und anderen Gruppen ein Flugblatt, in dem die Ungerechtigkeiten zusammengefasst werden. Am nächsten Tag liegen 3.000 Flugblätter zum Verteilen bereit, hergestellt in der Druckerei der UB. Neben Uta Ihlow (23) und Till Böttcher (18) steht das erste Mal Interner Link: Frank Ebert (18) an der Druckmaschine. Ausführlich berichten die Umweltblätter in der Dezemberausgabe. Die Schlagzeile lautet: „Das Risiko eine eigene Meinung zu haben“.

(© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fak_0661_a) (© BStU, MfS, BV Berlin, AOP 1224/91, Bl 74) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_17913) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fak_0916) (© RHG/ EP 07) (© BStU, MfS, AOP 1224/91, Bd. 6, Bl. 29, Bd. 1) (© BStU, MfS, AOP 1224/91, Bd. 6, Bl. 29, Bd. 1) (© BStU, MfS, BV Berlin, AOP 1224/91, Bd. 6, Bl. 29, Bild 2) (© BStU, MfS, BV Berlin, AOP 1224/91, Bd. 6, Bl. 29) (© BStU, MfS, BV Berlin, AOP 1224/91, Band 6, Bl. 36) (© BStU, MfS, HA IX, 2469, Bl. 8)

Mitarbeiter des Stadtjugendpfarramts Berlin, unter ihnen Interner Link: Marianne Birthler, wenden sich in einem offenen Brief an alle Berliner Kirchengemeinden. Darin informieren sie über die Ereignisse an der Ossietzky-Schule und rufen zu Protesten, Informationsverbreitung und einer allgemeinen Auseinandersetzung mit dem Thema Volksbildung in der DDR auf. In diese Solidaritätsaktionen fließt auch die schon lange existierende Kritik am DDR-Schulsystem ein, am Organisationszwang und an der militärischen Früherziehung.

Unterstützung erhalten die abgestraften Schüler auch aus der Bundesrepublik. Lehrer von Westberliner Schulen senden einen öffentlichen Appell an die Regierung der DDR, um gegen die Repressalien zu demonstrieren. Gerade eine dem Namen des Pazifisten und Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky verpflichtete Schule dürfe nicht gegen engagierte Schüler vorgehen.

Nach der Friedlichen Revolution von 1989 können alle vier der Schule verwiesenen Schüler ihr Abitur nachholen.

Fussnoten

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Super-GAU Tschernobyl, Abrüstungsverhandlungen, Honecker-Besuch, Glasnost und Perestroika, Sputnik-Verbot, Subkultur, Orange Alternative

Zeitzeuge

Kai Feller

Weil er gegen die Militarisierung in der DDR protestiert wird Kai Feller 1988 von der Schule verwiesen.

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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350