Die Aktion der Jungen Gemeinde Stadtmitte
Mitglieder der Jungen Gemeinde Jena Stadtmitte und Freunde unterstützen per Unterschriften den Protest gegen Biermanns Ausbürgerung. Viele von ihnen landen kurz darauf in der Bundesrepublik.
Juni 1976: Jugendliche auf einer Wanderung in Jenas Umgebung. Mit dabei Thomas Auerbach, Jugenddiakon der Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte. Er wird
1976 verhaftet und 1977 in den Westen abgeschoben (v.l.n.r. Andreas Fröbe, Detlef Pump, Uwe Behr, Thomas Auerbach, Bodo Sturhann).
Mitglieder der Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte nehmen 1976 am Landesjugendsonntag der Evangelischen Kirche in Eisenach teil.
Mitglieder der Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte nehmen 1976 am Landesjugendsonntag der Evangelischen Kirche in Eisenach teil.
Freche Aussage: Dieses Transparent wird am 1. Mai 1976 am Balkon der Wohnung Jahnstraße 10 in Jena angebracht. Die Losung Nr. 2 in der jährlich zum
1. Mai von der SED veröffentlichten Liste der offiziellen Mai-Losungen lautet: „Proletarier aller Länder vereinigt euch“. Die Idee stammt von Wolfgang Hinkeldey, der im November 1976 nach der Protestaktion gegen die Wolf-Biermann-Ausbürgerung verhaftet wird. Am 2. September 1977 wird er zusammen mit einigen Freunden nach West-Berlin ausgewiesen.
Unterschriftenliste der Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte vom 17. November 1976, mit der sich die Jenaer dem Protest der Berliner Künstler
anschließen.
Der Jugenddiakon der evangelischen Kirche, Thomas Auerbach (29), organisiert am 18. November 1976 die Informationsveranstaltung in der Jungen Gemeinde
zur Biermann-Ausbürgerung. Als er inhaftiert wird, unterstützt ihn die Amtskirche nicht.
Die Kindergärtnerin Kerstin Graf (22) stellt für eine Veranstaltung ihre Biermann-Schallplatten zur Verfügung. Wegen ihrer Kontakte zu Robert
Havemann und seiner Tochter Sybille steht sie im Visier der Stasi.
Gefährlicher Kurierdienst: In der Nacht vom 16. auf den 17. November 1976 fährt Bernd Markowsky (25, links vor der Bühne) zu Robert Havemann und
Jürgen Fuchs nach Grünheide. Nach seiner Rückkehr verliest er am 18. November in der Jungen Gemeinde Robert Havemanns Offenen Protestbrief an die Regierung der DDR. Stunden später wird er verhaftet.
Die Theologiestudentin Doris Liebermann (22, links) vervielfältigt am 18. November 1976 die Schriftstellerpetition, die Jürgen Fuchs kurz vor seiner
Verhaftung telefonisch übermittelt. Am 19. November wird Doris Liebermann verhaftet und durch die Stasi verhört (Zeitzeugen-Video).
Cleveres Versteck: In der Wohnung von Marian Kirstein (23) werden weitere Unterschriften gegen die Biermann-Ausbürgerung gesammelt. Hier werden auch
die Protestresolution der Berliner Künstler und der Protestbrief von Robert Havemann an das Politbüro abgetippt. Vier Exemplare der Unterschriftenlisten versteckt Marian Kirstein in seiner Wohnung im Staubsaugerbeutel. Am 19. November wird er verhaftet. Stasi-Offiziere durchwühlen seine Wohnung, aber die Listen finden sie nicht.
Der Krankenpfleger Uwe Behr (20) holt die Unterschriftenlisten gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der Wohnung des gerade verhafteten Marian
Kirstein. Der hatte sie dort in einem Staubsaugerbeutel versteckt, sodass die Stasi sie nicht finden konnte. Uwe Behr bringt die Listen nach Berlin. Unterwegs besucht er, gemeinsam mit Gerd Lehmann, Robert Havemann in Grünheide bei Berlin und bespricht das weitere Vorgehen.
Wolfgang Hinkeldey (24) gehört zu den Organisatoren der Protestveranstaltung gegen die Biermann-Ausbürgerung. Seine Wohn- und Kellerräume werden
mehrfach nach staatsfeindlichen Schriften durchsucht. Am 11. Dezember wird er verhaftet.
Gerd Lehmann und Doris Hardekopf während einer Wanderung. Der 24jährige Gerd Lehmann fährt zusammen mit Uwe Behr nach Berlin, um die
Unterschriftenlisten an den Staatschef Erich Honecker, ans Neue Deutschland und an den Spiegel zu senden. Ein Exemplar vergraben sie. Zurück in Jena werden sie verhaftet.
Der Krankenpfleger Walfred Meier (29) verbreitet die Schriftstellerpetition in Erfurt. Nach seiner Rückkehr wird er an seinem Arbeitsplatz in der
Chirurgischen Klinik in Jena verhaftet.
Vorgang „Pegasus“: In einem Telegramm lässt sich Stasi-Chef Erich Mielke persönlich über die Aktivitäten der Jungen Gemeinde in Jena
unterrichten.
18. November 1976. Bericht des Stasi-Spitzels mit dem Decknamen „Helmut Falke“ zu den Aktivitäten am 17. November 1976 anlässlich der
Biermann-Ausbürgerung.
18. November 1976. Bericht des Stasi-Spitzels mit dem Decknamen „Helmut Falke“ zu den Aktivitäten am 17. November 1976 anlässlich der
Biermann-Ausbürgerung.
18. November 1976. Bericht des Stasi-Spitzels mit dem Decknamen „Helmut Falke“ zu den Aktivitäten am 17. November 1976 anlässlich der
Biermann-Ausbürgerung.
Die Mitglieder der Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte organisieren im Sommer 1977 ein Kinderfest auf einem Sportplatz im Westviertel. Die Jugendlichen
versuchen, sich bewusst Freiräume zu erobern, damit sie sich trotz der allgegenwärtigen Stasi-Überwachung austauschen können (3. v. r. Matthias Domaschk).
Neben dem Offenen Brief der Künstler gegen die willkürliche Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 ist die Unterschriften-Aktion der Jenaer
In die meisten Gruppierungen, die der Politik der
Am kommenden Abend, nach der Lesung von
Der 23-jährige Marian versteckt Beweismaterial im Staubsauger
Im Gefängnis versucht die Stasi, die Jenenser durch Isolationshaft und Psychoterror zu Geständnissen zu bewegen. Viele der Verhafteten sind gerade erst Anfang 20. Ihre Wohnungen werden unterdessen nach belastenden Materialien durchwühlt. Doch es gelingt der Stasi (noch) nicht, die Unterschriftenliste vom 19. November zu finden. Marian Kirstein (23) hat sie nämlich im Staubsaugerbeutel versteckt.
Im Westen reagieren Gruppen wie das „Schutzkomitee Freiheit und
Ein offizieller Prozess wird gegen die Mitglieder der Jungen Gemeinde nie geführt. Im September 1977 werden sieben der acht Inhaftierten nach West-Berlin abgeschoben – bei einer Weigerung drohen zwölf Jahre Haft. Dass die Jenaer Szene damit nicht unter Kontrolle gebracht ist, zeigt die Entwicklung der
Bei einer Veranstaltung in Jena erzählt Jurek Becker vom Brief der Schriftsteller an die DDR-Regierung. Dadurch kommt bei der JG überhaupt erst die Idee auf, sich diesem Brief anzuschließen.
Biermann war natürlich ein Sprachrohr für viele Jugendliche. Für uns alle hat Biermann Sachen ausgedrückt, die wir selbst nicht in der Lage waren zu formulieren. Wir haben das so ähnlich gefühlt, und er hat die Worte dafür gefunden. Ich war im Theologen-Konvikt. Das war ein Heim, in dem die jungen Theologen wohnten. Wir saßen beim Abendbrot, und ich weiß, dass einer sagte: ´Habt ihr schon gehört, dass der Biermann ausgebürgert ist?`. Da war für mich klar, dass jetzt alles zu Ende ist, dass die jetzt mit eisernen Besen aufräumen werden.
Was bestimmt wichtig war, ist der Umstand, dass
Das hätte auch niemand erfahren, wenn es nicht einen wichtigen
Doris Liebermann, Zeitzeugin auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2004
Spieldauer: 3 Min.
© 2004 Robert-Havemann-Gesellschaft & Bundeszentrale für politische Bildung
Weitere Inhalte
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350