Sturm auf SED und Stasi - Der 17. Juni 1953 in Görlitz
Das hat die kleine Stadt in der Lausitz noch nicht erlebt. Der Marktplatz ist voller Menschen. Das aufsässige Volk übernimmt die Macht.
Heute ist die ganze Stadt auf den Beinen: Die Kunde vom Arbeiteraufstand in Berlin breitet sich wie ein Lauffeuer in Görlitz aus. Im Lokomotiv- und
Waggonbau Görlitz, dem größten Betrieb der Stadt, beginnt der Streik mit der Frühschicht; andere Betriebe schließen sich an. Im Bild: Über 40.000 Menschen demonstrieren am 17. Juni 1953 in der Innenstadt von Görlitz.
Görlitz, 17. Juni 1953: Der 20-jährige Autoschlosser Stefan Weingärtner schließt sich spontan den Demonstranten in seiner Heimatstadt an. Er
gehört zu jenen, die die Kreisdienststelle des MfS stürmen und besetzen, ohne dass er sich durch Gewalttätigkeiten hervortut. Als die Demonstration am Nachmittag aufgelöst wird, verhaften ihn sowjetische Soldaten. Am 19. Juni wird er durch ein Militärtribunal als einer der „Haupträdelsführer“ zum Tode verurteilt. Im Oktober 1953 wird die Todesstrafe in 25 Jahre Arbeitslager umgewandelt. Erst im Januar 1963 wird er aus dem Zuchthaus Torgau entlassen. Das Foto zeigt Stefan Weingärtner nach seiner Entlassung 1963.
Heute ist die ganze Stadt auf den Beinen: Die Kunde vom Arbeiteraufstand in Berlin breitet sich wie ein Lauffeuer in Görlitz aus. Im Lokomotiv- und
Waggonbau Görlitz, dem größten Betrieb der Stadt, beginnt der Streik mit der Frühschicht; andere Betriebe schließen sich an. Im Bild: Über 40.000 Menschen demonstrieren am 17. Juni 1953 in der Innenstadt von Görlitz.
Sturm auf die Staatsmacht: Wie in anderen Städten der DDR besetzen die Demonstranten am 17. Juni 1953 auch in Görlitz alle wichtigen Staatsgebäude.
Für Stunden ist Görlitz eine freie Stadt. Die Streikenden fordern den Sturz der Regierung und die Revidierung der Ostgrenzen.
Saures für die Stasi: Am 17. Juni 1953 werden fünf MfS-Kreisdienststellen besetzt und verwüstet. In Görlitz haben sich die Stasi-Mitarbeiter im
Haus verschanzt und schießen aus dem Fenster auf Demonstranten. Zu dieser Zeit befinden sich etwa 4.000 vor dem Gebäude. Die erstürmen schließlich die Kreisdienststelle und verprügeln zwei MfS-Mitarbeiter. Viele Dokumente werden vernichtet, einige in den Westen geschmuggelt und dort veröffentlicht.
Demonstranten besetzen am 17. Juni 1953 das Rathaus von Görlitz. Die Demonstrationen in Görlitz haben Signalwirkung für die Region: Der Aufstand
breitet sich schnell im ganzen Landkreis aus.
Befehl aus Dresden: Um die Lage wieder in den Griff zu bekommen, verhängt die sowjetische Besatzungsmacht den Ausnahmezustand über die Stadt und den
Kreis Niesky. Abends rücken die ersten sowjetischen Truppen in die Stadt ein und räumen sämtliche Gebäude von Aufständischen.
In Niesky richtet sich der Unmut der Bevölkerung vor allem gegen die verhasste Staatssicherheit. Über tausend Demonstranten versammeln sich vor dem
Gebäude, in dem sich die MfS-Mitarbeiter verschanzt haben. Diese haben den Befehl, das Gebäude unbedingt zu verteidigen. Die aufgebrachte Menge stürmt das Haus schließlich und verwüstet die Räume.
Görlitz, am Morgen des 17. Juni 1953: Die Arbeiter der großen Betriebe treten in den Streik. Als der 20-jährige Autoschlosser Stefan Weingärtner davon erfährt, schließt er sich spontan an. Gemeinsam mit seinen Kollegen zieht er ins Stadtzentrum. Dort versammelt sich die Menschenmenge vor der
Stefan Weingärtner gehört zu einer Delegation, die ins Gebäude gelassen wird. Sie will nachprüfen, ob sich in den Kellern Häftlinge befinden. Kurz darauf stürmen die Demonstranten das Gebäude. Der
Görlitz belagert die Stasi-Zentrale
Noch am Nachmittag wird Stefan Weingärtner von einem sowjetischen Offizier festgenommen. Er wird zunächst im Rathaus festgehalten, dann zum MfS und schließlich zur sowjetischen Kommandantur gebracht. Am 19. Juni 1953 verurteilt ein
Am 5. Oktober 1953 wandelt das Militärgericht die Todesurteile in 25 Jahre Arbeitslager um. Im Oktober 1956 wird Weingärtners Strafe „durch Gnadenentscheid des Präsidenten der DDR“ auf zehn Jahre herabgesetzt.
Während der langen Haftzeit lässt Stefan Weingärtner sich nicht beugen. Mehrfach werden gegen ihn Strafen wie Arrest oder Post- und Besuchssperren verhängt. Als im September 1960, nach dem Tode des Staatspräsidenten
Nach der Haft gibt es für Stefan Weingärtner keinerlei berufliche Chancen in der DDR. Er steht unter strenger Aufsicht des MfS. Trotzdem gelingt ihm 1964 über Berlin die Flucht in den Westen. Das MfS kann seinen Fluchtweg nicht ermitteln. Stefan Weingärtner stirbt 1977 im Alter von 44 Jahren an den Haftfolgen. Zur Beerdigung in Hannover darf nur seine Mutter fahren. Seine Schwester und sein Bruder erhalten von den DDR-Behörden keine Reisegenehmigung.
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350