Die Studentenratswahlen von 1947
Noch gibt es an den Universitäten demokratische Nischen. Doch wie weit kann man gehen? Hinter der SED stehen die Sowjets, aus deren Gefängnissen es oft keine Rückkehr gibt.
Vor der im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten Berliner Universität grasen 1945 Kühe.
Die Studenten müssen in einer zerstörten Stadt für ihre Unterkunft, für Heizung, Strom und Verpflegung sorgen. Die Universitätsgebäude sind
teilweise zerstört, es mangelt an Lehrkräften und Büchern. Viele dieser Probleme sind alleine nicht zu lösen. Hilfe und Koordinierung bei den Alltagsproblemen bietet der Studentenrat, sodass diesem eine wichtige integrative Funktion zukommt. Im Bild der Wiederaufbau zerstörter Gebäude der Berliner Universität im August 1946.
Studenten im Dezember 1947 auf dem Weg zur Vorlesung an die Berliner Universität (ab 8. Februar 1949 Humboldt-Universität).
Anfang Februar 1947 finden in Berlin und an den Universitäten der SBZ freie und geheime Wahlen zu den Studentenräten statt. Die Wahlbeteiligung
liegt bei 70 bis 90 Prozent. Zugelassen sind Vertreter der SED, CDU, LDP und parteilose Kandidaten. Die SPD ist nach der Zwangsvereinigung mit der KPD nur in Berlin zugelassen. Sie wird hier noch vor der SED zur stärksten Partei. Im Bild: der Aufruf des Kulturbundes zur Studentenratswahl an allen Universitäten im Wintersemester 1946/47.
Studium ade: Georg Wrazidlo initiiert am 5. Mai 1946 gemeinsam mit 30 Kommilitonen einen öffentlichen Protest gegen das Anbringen von roten Fahnen
und SED-Losungen am Berliner Universitätsgebäude. Er wird daraufhin von der Zentralverwaltung für Volksbildung seiner Funktion als Vorsitzender der Studentischen Arbeitsgemeinschaft enthoben. Am 13. März 1947 wird er verhaftet und später von einem Sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach seiner Entlassung flüchtet er 1956 nach West-Berlin.
Studenten der Berliner Universität sammeln Unterschriften gegen das Anbringen von roten Fahnen und SED-Losungen zum 1. Mai 1946 am Hauptgebäude der
Berliner Universität.
Gefährliches Engagement: Manfred Klein baut zusammen mit Georg Wrazidlo eine starke christdemokratische Hochschulgruppe an der Berliner Universität
auf und wird in den ersten Studentenrat gewählt. Zugleich ist er Mitglied im Zentralrat der FDJ. Er gerät mit der SED über Fragen der Studienzulassung in Konflikt und wird am 13. März 1947 zusammen mit Wrazidlo vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet. Manfred Klein wird zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung 1956 flieht er nach West-Berlin.
Massive Proteste gegen den Wahlmodus: Im Februar 1950 finden an allen DDR-Universitäten erneut Studentenratswahlen statt. Sie gelten vielen Kritikern
als Generalprobe für die Volkskammerwahlen im Oktober, weil sie nach einem ähnlichen Muster (Einheitswahl) organisiert werden. An allen Universitäten empören sich die Studenten, was allerdings nicht verhindern kann, dass die in den ersten Nachkriegsjahren demokratisch gewählte und arbeitende Institution Studentenrat abgeschafft wird.
Clevere Mitgliederanwerbung: 1949 schließt sich der Slawistikstudent Roland Bude einer etwa 20 Studenten umfassenden Widerstandsgruppe an der
Universität Rostock an. Die Gruppe versucht, den Monopolanspruch der SED im Studentenrat und in der FDJ zu unterlaufen, indem sie eigene Leute auf Schlüsselpositionen setzt. Im Bild: das Porträt des 20-jährigen Roland Bude, 1946.
Noch vor der Wiedereröffnung der Universitäten gründen Studenten, die im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv waren, den Zentralausschuss der deutschen Studentenschaft beim
Hunger, Kälte und Not stehen auf der Tagesordnung
Unter den harten Nachkriegsbedingungen müssen die Studenten enorme Schwierigkeiten überwinden und ihr tägliches Überleben sichern. Sie müssen in einer zerstörten Stadt für ihre Unterkunft, für Heizung, Strom und Verpflegung sorgen. Die Universitätsgebäude sind teilweise zerstört, und es mangelt an Lehrkräften und Büchern. Viele dieser Probleme können sie alleine nicht lösen. Hilfe und Koordinierung bei den Alltagsproblemen bietet der Studentenrat, so dass ihm eine wichtige integrative Funktion zukommt.
Anfang Februar 1947 finden in Berlin und an den Universitäten der SBZ freie und geheime Studentenratswahlen statt. Ausnahme: die Universität Rostock, die wegen Kohlemangels geschlossen ist. Die Wahlbeteiligung liegt bei 70 bis 90 Prozent. Zugelassen sind Vertreter der SED, CDU,
In Leipzig, Jena und Greifswald wird die SED zwar stärkste Partei, erhält aber nicht die absolute Mehrheit. Lediglich in Halle geht die SED mit 52,4 Prozent als klarer Sieger hervor. So existiert nach den Studentenratswahlen an fast allen Universitäten der
Auf politisches Engagement stehen 25 Jahre Zwangsarbeit
Diese politischen Mehrheiten an den Universitäten kann die machtbewusste SED nicht akzeptieren. Im März 1947 verhaften die sowjetischen Behörden Georg Wrazidlo und Manfred Klein, zwei christdemokratische Studentenvertreter der Berliner Universität, sowie die parteilose Studentin Gerda Rösch, die im Zulassungsbüro arbeitet (Bildergalerie). Der Studentenrat protestiert, kann aber nichts erreichen. Selbst ein ordentliches Gerichtsverfahren bleibt den drei Beschuldigten versagt. Sie werden im Dezember 1947 vom
Zu einer besonderen Entwicklung kommt es an der Universität Rostock. Dort versuchen überwiegend parteilose Studenten, den Monopolanspruch der SED im Studentenrat und in der
In Leipzig wird Wolfgang Natonek zu einer herausragenden Figur des studentischen Widerstands gegen die Alleinherrschaft der SED. Er ist der Sohn des antifaschistischen Schriftstellers Hans Natonek, der 1933 von den
„Freiheit für die Universitäten!“
Wolfgang Natonek studiert in Leipzig und setzt sich für eine Wissenschaft ein, die frei von jeder ideologischen Beeinflussung ist. Daraufhin gerät
er in Konflikt mit der SED. Am 11. November 1948 wird er vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach seiner Entlassung 1956 flüchtet er in die Bundesrepublik.
Nach den ersten Studentenratswahlen am 6. Februar 1947 wird Wolfgang Natonek Vorsitzender des studentischen Selbstverwaltungsgremiums. Der SED ist der rhetorisch begabte und unter den Studenten beliebte Natonek ein Dorn im Auge (Bildergalerie). Im Vorfeld der zweiten Studentenratswahlen beginnt die SED-Presse eine Hetzkampagne gegen ihn. Sie kann es dennoch nicht verhindern, dass Natonek auch vom zweiten Studentenrat im Dezember 1947 zum Vorsitzenden gewählt wird. Auf dem Wartburgfest der deutschen Studenten zu Pfingsten 1948 hält er eine viel beachtete Rede. Auch auf Parteitagen der LDP tritt Natonek für die Freiheit der Universitäten ein.
Die Besatzungsmacht und die SED wollen um jeden Preis eine dritte Wiederwahl Natoneks bei den im Dezember 1948 anstehenden Neuwahlen verhindern. Am 11. November 1948 verhaften ihn die sowjetischen Behörden. Ein Militärtribunal verurteilt Wolfgang Natonek zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Mit ihm werden mindestens zehn weitere Mitglieder der bürgerlichen Hochschulgruppen festgenommen und teilweise zu hohen Haftstrafen verurteilt. Wie zuvor in Halle geschehen, wird die LDP-Hochschulgruppe in Leipzig verboten. Den 600 Mitgliedern wird das Stipendium, das allen Studierenden entsprechend ihrer sozialen Situation zusteht, willkürlich entzogen.
Bei den dritten Studentenratswahlen 1948/49 kann die SED durch vorherige Verhaftungen, Relegationen, Stipendienentzug, Drohungen und andere Repressionen die absolute Mehrheit für sich durchsetzen. Die gleichgeschalteten Studentenräte führen fortan ein Schattendasein und werden 1952 endgültig aufgelöst.
Wie Studierende in Berlin die Gründung einer neuen Universität fordern, lesen Sie hier:
Der Weg von der inneren Opposition bis zur offenen Ablehnung der SED-Diktatur.
Nun war das politische Mitspielen ja so, dass beispielsweise jemand wie Manfred Klein als führender Vertreter der katholischen Jugend sogar im Zentralrat der
Ein Punkt, der mich in die Irre geführt hat, war die Luftbrücke. Die Blockade Berlins war unvorstellbar: Zwei Millionen Menschen einschließlich Kohle, einschließlich Brennmaterial, im Winter 1948/49, über die Luftbrücke... Das hat man nicht für möglich gehalten. Das haben die gemacht. Da gehörte ich zu denen, die der irrigen Meinung waren: Der Westen lässt die totale Bolschewisierung, die totale Realisierung des Sowjetsystems in diesem Teil Deutschlands nicht zu. Wenn er sogar einen Krieg riskiert hat, mit dieser Luftbrücke.
Wir haben nicht gemerkt, dass die Amerikaner und die West-Mächte das nur für ihre
Roland Bude, Zeitzeuge auf www.jugendopposition.de
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350