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Die Studentenratswahlen von 1947

Die Studentenratswahlen von 1947

Redaktion

Noch gibt es an den Universitäten demokratische Nischen. Doch wie weit kann man gehen? Hinter der SED stehen die Sowjets, aus deren Gefängnissen es oft keine Rückkehr gibt.

(© Bundesarchiv/183-D0217-0002-007) (© Bundesarchiv/183-S74631/Heinscher) (© Bundesarchiv/183-S77804/Walter Heilig) (© Studentischer Widerstand an der Universität Leipzig 1945 bis 1955, hrsg. von der Universität Leipzig, 2. Aufl. Beucha 1998, S. 98 ) (© Gedenkstätte Deutscher Widerstand ) (© Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin ) (© Gedenkstätte Deutscher Widerstand ) (© Studentischer Widerstand an der Universität Leipzig 1945 bis 1955, hrsg. von der Universität Leipzig, 2. Aufl., Beucha 1998, S. 28 ) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20207)

Noch vor der Wiedereröffnung der Universitäten gründen Studenten, die im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv waren, den Zentralausschuss der deutschen Studentenschaft beim Interner Link: Magistrat von Berlin. Dieser unabhängige Studentenverband ist den von der Interner Link: KPD beherrschten Jugendausschüssen ein Dorn im Auge. Er wird schon im Oktober 1945 von der sowjetischen Kulturverwaltung wieder aufgelöst. Statt seiner etablieren sich in Berlin und an anderen Universitäten der Interner Link: Sowjetischen Besatzungszone (Interner Link: SBZ) sogenannte Studentische Arbeitsgemeinschaften. Doch auch hier gelingt es der KPD und später der Interner Link: SED nur bedingt, ihren Einfluss geltend zu machen. Trotzdem wird am 1. Mai die Berliner Universität mit roten Fahnen und einer Losung über dem Haupteingang geschmückt. Am 5. Mai 1946 protestieren 30 Verfolgte des Naziregimes gegen die Ausgestaltung der Universität mit „Symbolen einer einzelnen Partei“. Sie müssen Interner Link: die Partei nicht nennen: Es weiß ohnehin jeder, dass sie die SED meinen.

Hunger, Kälte und Not stehen auf der Tagesordnung

Unter den harten Nachkriegsbedingungen müssen die Studenten enorme Schwierigkeiten überwinden und ihr tägliches Überleben sichern. Sie müssen in einer zerstörten Stadt für ihre Unterkunft, für Heizung, Strom und Verpflegung sorgen. Die Universitätsgebäude sind teilweise zerstört, und es mangelt an Lehrkräften und Büchern. Viele dieser Probleme können sie alleine nicht lösen. Hilfe und Koordinierung bei den Alltagsproblemen bietet der Studentenrat, so dass ihm eine wichtige integrative Funktion zukommt.

Anfang Februar 1947 finden in Berlin und an den Universitäten der SBZ freie und geheime Studentenratswahlen statt. Ausnahme: die Universität Rostock, die wegen Kohlemangels geschlossen ist. Die Wahlbeteiligung liegt bei 70 bis 90 Prozent. Zugelassen sind Vertreter der SED, CDU, Interner Link: LDP und parteilose Kandidaten (Bildergalerie). Die SPD ist nach der Interner Link: Zwangsfusion mit der KPD nur in Berlin zugelassen. Hier erringt sie mit 17,9 Prozent fünf von 28 Mandaten und liegt damit als stärkste Partei vor der SED und der CDU, die jeweils nur 10,7 Prozent erhalten.

In Leipzig, Jena und Greifswald wird die SED zwar stärkste Partei, erhält aber nicht die absolute Mehrheit. Lediglich in Halle geht die SED mit 52,4 Prozent als klarer Sieger hervor. So existiert nach den Studentenratswahlen an fast allen Universitäten der Interner Link: Sowjetzone eine nichtkommunistische Mehrheit. Zu Vorsitzenden der Studentenräte werden, außer in Halle, erklärte Gegner der SED gewählt.

Auf politisches Engagement stehen 25 Jahre Zwangsarbeit

Diese politischen Mehrheiten an den Universitäten kann die machtbewusste SED nicht akzeptieren. Im März 1947 verhaften die sowjetischen Behörden Georg Wrazidlo und Manfred Klein, zwei christdemokratische Studentenvertreter der Berliner Universität, sowie die parteilose Studentin Gerda Rösch, die im Zulassungsbüro arbeitet (Bildergalerie). Der Studentenrat protestiert, kann aber nichts erreichen. Selbst ein ordentliches Gerichtsverfahren bleibt den drei Beschuldigten versagt. Sie werden im Dezember 1947 vom Interner Link: Sowjetischen Militärtribunal Berlin-Lichtenberg zu jeweils 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Der absurde Vorwurf lautet „Bildung einer faschistischen Untergrundorganisation an der Universität Berlin“ und „Spionage“. Rösch, Klein und Wrazidlo kommen erst 1956 wieder frei.

Zu einer besonderen Entwicklung kommt es an der Universität Rostock. Dort versuchen überwiegend parteilose Studenten, den Monopolanspruch der SED im Studentenrat und in der Interner Link: FDJ zu unterlaufen. Unter ihnen ist der 23-jährige Slawistikstudent Roland Bude, der Mitglied im Studentenrat und 1949 zeitweise auch Vorsitzender der FDJ-Hochschulgruppenleitung ist (Bildergalerie). Die Studenten versuchen, die Kommilitonen, die der SED fern stehen, zum Eintritt in die FDJ zu bewegen. So gelingt es der Gruppe zeitweilig, entscheidende Positionen innerhalb der FDJ zu besetzen, um somit Einfluss auf wichtige Entscheidungen zu nehmen: zum Beispiel auf die Vergabe von Stipendien. Am 13. Juli 1950 wird Roland Bude durch die Interner Link: Staatssicherheit verhaftet und von einem Sowjetischen Interner Link: Militärtribunal zu zweimal 25 Jahren Zwangsarbeitslager verurteilt. (Über die Arbeit der Widerstandsgruppe an der Universität Rostock und über seine Gefangenschaft in der Interner Link: Sowjetunion berichtet Roland Bude im Zeitzeugen-Interview.)

In Leipzig wird Wolfgang Natonek zu einer herausragenden Figur des studentischen Widerstands gegen die Alleinherrschaft der SED. Er ist der Sohn des antifaschistischen Schriftstellers Hans Natonek, der 1933 von den Interner Link: Nazis ins Exil getrieben wurde. Die Familie bleibt in Deutschland. Wolfgang Natonek unterliegt als „Halbjude“ zahlreichen Schikanen. Nach Kriegsende studiert er in Leipzig Anglistik, Germanistik, Geschichte und Philosophie. 1945 tritt er mit 25 Jahren der LDP bei und gründet wenig später die Liberaldemokratische Hochschulgruppe der Universität Leipzig.

„Freiheit für die Universitäten!“

(© Gedenkstätte Deutscher Widerstand )

Nach den ersten Studentenratswahlen am 6. Februar 1947 wird Wolfgang Natonek Vorsitzender des studentischen Selbstverwaltungsgremiums. Der SED ist der rhetorisch begabte und unter den Studenten beliebte Natonek ein Dorn im Auge (Bildergalerie). Im Vorfeld der zweiten Studentenratswahlen beginnt die SED-Presse eine Hetzkampagne gegen ihn. Sie kann es dennoch nicht verhindern, dass Natonek auch vom zweiten Studentenrat im Dezember 1947 zum Vorsitzenden gewählt wird. Auf dem Wartburgfest der deutschen Studenten zu Pfingsten 1948 hält er eine viel beachtete Rede. Auch auf Parteitagen der LDP tritt Natonek für die Freiheit der Universitäten ein.

Die Besatzungsmacht und die SED wollen um jeden Preis eine dritte Wiederwahl Natoneks bei den im Dezember 1948 anstehenden Neuwahlen verhindern. Am 11. November 1948 verhaften ihn die sowjetischen Behörden. Ein Militärtribunal verurteilt Wolfgang Natonek zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Mit ihm werden mindestens zehn weitere Mitglieder der bürgerlichen Hochschulgruppen festgenommen und teilweise zu hohen Haftstrafen verurteilt. Wie zuvor in Halle geschehen, wird die LDP-Hochschulgruppe in Leipzig verboten. Den 600 Mitgliedern wird das Stipendium, das allen Studierenden entsprechend ihrer sozialen Situation zusteht, willkürlich entzogen.

Bei den dritten Studentenratswahlen 1948/49 kann die SED durch vorherige Verhaftungen, Relegationen, Stipendienentzug, Drohungen und andere Repressionen die absolute Mehrheit für sich durchsetzen. Die gleichgeschalteten Studentenräte führen fortan ein Schattendasein und werden 1952 endgültig aufgelöst.

Wie Studierende in Berlin die Gründung einer neuen Universität fordern, lesen Sie hier: Interner Link: Gründung der Freien Universität

Fussnoten

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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350