Jugendkultur
An den Wochenenden dröhnt der Blues durch die DDR-Provinz. Tausende langhaarige Jugendliche sind unterwegs, immer beobachtet vom wachsamen Auge der Staatssicherheit.
Mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann im November 1976 beginnt eine neue kulturpolitische Eiszeit in der DDR. Der bis dahin relativ unbekannte
Liedermacher wird über Nacht zur bekannten Persönlichkeit. Viele Jugendliche besorgen sich Mitschnitte seiner Lieder und vervielfältigen seine Texte, die unter der Hand weitergereicht werden.
Der PM 12 wird anstelle des Personalausweises ausgegeben, wenn dieser aus meist politischen Gründen eingezogen wird. Der Besitzer eines PM 12 ist
faktisch vorverurteilt: Er muss sich regelmäßig auf dem Revier der Volkspolizei melden, darf in vielen Fällen die Stadt nicht verlassen und nicht ins Ausland reisen. Ein Original des Dokuments ist im Mauermuseum am Checkpoint Charlie in Berlin ausgestellt.
„Blutige Erdbeeren“: in West und Ost ein Kultfilm mit legendärem Soundtrack.
Plakat zu Martin Scorseses Konzertfilm über das Abschiedskonzert der legendären Rockband The Band vom 25. November 1976.
Die Romanfassung des Theaterstücks „Die neuen Leiden des jungen W.“ wird in der DDR zum Bestseller. Da der Verlag die Nachfrage nicht befriedigen
kann, werden Autorenlesungen veranstaltet und die raren Exemplare im Foyer verkauft. Im Bild: die Autoren Ulrich Plenzdorf (l.) und Klaus Schlesinger am 11. Mai 1973 auf der Bühne des Filmtheaters Kosmos.
Im offiziellen Sprachgebrauch der DDR sind westliche Begriffe unerwünscht. So sollen die Jugendlichen zu einer Tanzveranstaltung statt zu einer Disko
gehen, und die Musik wird von einem Plattenunterhalter statt von einem Diskjockey gemacht. Diese Sprachregelung hat sich allerdings bei den DDR-Jugendlichen nie durchgesetzt. Für die Jugendlichen bleibt es bei Disko und DJ. Im Bild eine "Tanzveranstaltung" in einem Lehrlingsinternat in Jördenstorf in der Nähe von Neubrandenburg, 17. August 1978.
Autogrammkarte von Renft aus dem Jahr 1974.
1971 löst der ehemalige Vorsitzende der
Plötzlich ist es sogar möglich, relativ unbefangen über die Verhältnisse in der DDR zu diskutieren. In Kulturhäusern finden Veranstaltungen statt, in denen Texte kritischer Schriftsteller gelesen werden. In Jena gründet
Ein Ereignis der Superlative: Vom 28. Juli bis zum 5. August 1973 finden in Ost-Berlin die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten statt. Neun Tage herrscht eine Art Ausnahmezustand in Berlin. Rund acht Millionen Menschen kommen in Berlin zusammen, darunter über 25.000 ausländische Schüler und Studenten aus 140 Ländern. Von über 90 Bühnen ertönt Musik, vom politischen Lied bis zur Beat- und Rockmusik ist alles vertreten. Die Jugendlichen diskutieren und feiern miteinander bis in die frühen Morgenstunden. Und doch guckt die
Unter
Musik, Literatur, Theater: Ein Hauch von Fernweh und Rebellion
Das staatliche Freizeitangebot bleibt derweil weit hinter den Bedürfnissen der Jugend zurück. 60 Prozent der in den Diskotheken und bei Tanzveranstaltungen gespielten Musik muss aus sozialistischen Ländern kommen. Dabei orientieren sich die Jugendlichen viel lieber an westlichen Musik- und Modetrends.
Platten westlicher Rock- und Popidole finden ihren Weg über Verwandte und Bekannte aus der Bundesrepublik in die DDR, wo sie für 100 Mark oder mehr weiterverkauft werden. Bands wie die
Mitte der 1970er Jahre erreicht die Tramperbewegung in der DDR ihren Höhepunkt. Die Tramper, Blueser oder Kunden, wie sie sich selbst nennen, sind die ostdeutsche Variante der westlichen Blumenkinder. Sie leben die aus dem Westen herübergeschwappten Ideale von Love and Peace und versuchen, der spießbürgerlichen Enge des DDR-Alltags zu entkommen. Dabei riskieren sie ständig einen Konflikt mit der Staatsmacht.
Die Musik verbindet alle in der Szene: An den Wochenenden trifft man sich in den Tanzsälen der Provinz bei Konzerten von Engerling, Monokel, Jürgen Kerth oder
Alles, was den Hauch von Fernweh und Rebellion an sich hat, wird von Tausenden Jugendlichen begeistert aufgenommen. Bücher wie J. D. Salingers „Der Fänger im Roggen“, „Unterwegs“ von Jack Kerouac oder Hermann Hesses „Steppenwolf“ verschlingen auch die Jugendlichen in der DDR.
Auf Flower Power folgt eine neue kulturpolitische Eiszeit
1972 wird in Halle an der Saale das Bühnenstück „Die neuen Leiden des jungen W.“ von
Zu einem Kassenschlager an den ostdeutschen Kinos entwickelt sich der amerikanische Film „Blutige Erdbeeren“, der von seiner ergreifenden Handlung und mitreißenden Musik lebt. Wegen der Songs von Größen wie Crosby, Stills, Nash & Young, Joni Mitchell und nicht zuletzt John Lennon wird der Film unter den ostdeutschen Jugendlichen zum Kult.
Mitte der 1970er Jahre zieht die SED-Führung die Zügel in der Jugend- und Kulturpolitik wieder straffer an. Der von Lutz Rathenow in Jena geleitete Arbeitskreis "Literatur und Lyrik" wird 1975 von den staatlichen Organen ebenso verboten wie die Veranstaltungsreihe „Eintopp“ von Bettina Wegner im Ostberliner Haus der Jungen Talente. Mit dem Verbot der
Selbst Parteimitglieder sind mit dem Beschluss ihrer Führung nicht einverstanden. In einem Brief fordern prominente Künstler und Schriftsteller, die Ausbürgerung Biermanns noch einmal zu überdenken.
Gerulf kam gleich angefahren. Das war in der Nacht. Wir sind gleich gestartet, mit einem befreundeten Menschen, der uns nach Berlin gefahren hat, nach Grünheide, zu
Da war eine Truppe von Schriftstellern von der bekannteren Sorte, zum Teil wohl auch Parteimitglieder. Die hatten sich tatsächlich zu einer Bitte an die Regierung durchgerungen, diesen Beschluss zu überdenken. Das war auf die Freundliche und Nette formuliert, so dass man wenig dagegen sagen konnte. An diese Erklärung haben sich viele angeschlossen und Unterschriftenlisten geliefert. In Jena, und ich weiß nicht, wo sonst noch. Es gab da eine ganze Menge Solidarität, vergleichsweise. Das hatte natürlich immer zwei Seiten. Die eine ist der Protest, der spürbar für so eine Staatsmacht wird. Die andere ist, dass alle Namen und Adressen auf den Listen die Leute liefern, die in Zukunft zu beobachten und zu drangsalieren sind.
Ich hätte gerne noch was gemacht. Ich habe mit Gerulf noch auf der Bude gehockt und wir dachten: Wir müssen einen Song schreiben, der alle umhaut, der uns berühmt macht. Einen, der macht, dass das Volk uns liebt, und was weiß ich nicht alles. Wir haben aber keinen zustande gekriegt, leider. Das war sehr traurig.
Christian Kunert, Zeitzeuge auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2004
Spieldauer: 3 Min.
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350