Die junge oppositionelle Szene in Jena
Für die vielen jungen Leute in Jena gibt es wenig interessante Angebote, dafür viel staatliche Enge. Einige versuchen, sich Freiräume zu schaffen.
Die oppositionelle Szene in Jena trifft sich oft zu Ausflügen in die Umgebung, hier eine Wanderung nach Vollradisroda im März 1976.
Platz der Kosmonauten 1983. Im Hintergrund die Jenaer Kernberge, ein beliebtes Ausflugsziel für viele Jenenser.
1973, Leitlinien für den Arbeitskreis Literatur und Lyrik in Jena. Den Jugendlichen soll die Möglichkeiten gegeben werden, sich künstlerisch zu
betätigen.
Der 21-jährige Student und Autor Lutz Rathenow 1973 mit Freunden während einer Wanderung zwischen Jena und Weimar. V.l.n.r.: Thoralf Bauer, Lutz
Rathenow, Bernd Klubeck, Christine Hildebrandt, Norbert Weinz.
1973 initiiert der 21-jährige Autor Lutz Rathenow in seiner Wohnung den Zirkel Literatur und Lyrik. Drei Monate später zieht der Kreis ins
Kulturhaus Jena-Neulobeda. Hier können auch „inoffizielle“ Autoren auftreten. Am 5. Oktober 1973 stellt Lutz Rathenow beim Kabinett für Kultur Jena einen Antrag auf Einstufung als Leiter des Arbeitskreises Literatur und Lyrik.
Genehmigt: Schreiben vom Kabinett für Kultur Jena an das Kulturhaus Neulobeda, in dem Lutz Rathenow als Leiter des Arbeitskreises Literatur und Lyrik
bestätigt wird (31. Oktober 1973).
Eröffnungsbericht der Kreisdienststelle Jena zum Operativen Vorgang „Pegasus“, in dem das MfS die Akteure des Literaturzirkels (Jürgen Fuchs,
Lutz Rathenow, Wolfgang und Martin Hinkeldey und Bernd Markowsky) bearbeitet (27. Januar 1975). Der SED ist das Maß an Selbstorganisation ein Dorn im Auge. Im Frühjahr 1975 verbietet sie die Arbeit des Zirkels im Kulturhaus.
Eröffnungsbericht der Kreisdienststelle Jena zum Operativen Vorgang „Pegasus“, in dem das MfS die Akteure des Literaturzirkels (Jürgen Fuchs,
Lutz Rathenow, Wolfgang und Martin Hinkeldey und Bernd Markowsky) bearbeitet (27. Januar 1975). Der SED ist das Maß an Selbstorganisation ein Dorn im Auge. Im Frühjahr 1975 verbietet sie die Arbeit des Zirkels im Kulturhaus.
Werkstatttage der Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte 1980. Diese Arbeitsform wird 1972 in Jena entwickelt und bietet vielen jungen Menschen bis 1989 die
Möglichkeit des aktiven Austauschs.
Mitglieder der Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte treffen sich im April 1983 zu einer Wanderung auf dem Platz der Kosmonauten.
Mitglieder der Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte treffen sich im April 1983 zu einer Wanderung auf dem Platz der Kosmonauten.
Vorverurteilt: Ein Jugendlicher aus Jena zeigt seinen PM 12, den berüchtigten Ersatzausweis. Der PM 12 wird anstelle des Personalausweises
ausgegeben, wenn dieser aus meist politischen Gründen eingezogen wurde. Wer einen PM 12 bekommt, muss sich regelmäßig auf dem Revier der Volkspolizei melden, darf in vielen Fällen die Stadt nicht verlassen und nicht ins Ausland reisen.
Aus einer Bierlaune heraus rufen Jugendliche ein Open-Air-Frühstück ins Leben: Am 12. Juli 1986 frühstücken 60 bis 80 Leute auf dem Platz der
Kosmonauten in Jena an weiß gedeckten Tischen. Es gibt gekochte Eier, frische Brötchen, Musik und jede Menge guter Laune, bis die Polizei mit mehreren Mannschaftswagen anrückt und mit der Räumung des Platzes droht. Am Ende müssen die beteiligten Jugendlichen Ordnungsstrafen in Höhe von 50 bis 500 Mark zahlen. Begründung: Gefährdung der öffentlichen Sicherheit.
Aus einer Bierlaune heraus rufen Jugendliche ein Open-Air-Frühstück ins Leben: Am 12. Juli 1986 frühstücken 60 bis 80 Leute auf dem Platz der
Kosmonauten in Jena an weiß gedeckten Tischen. Es gibt gekochte Eier, frische Brötchen, Musik und jede Menge guter Laune, bis die Polizei mit mehreren Mannschaftswagen anrückt und mit der Räumung des Platzes droht. Am Ende müssen die beteiligten Jugendlichen Ordnungsstrafen in Höhe von 50 bis 500 Mark zahlen. Begründung: Gefährdung der öffentlichen Sicherheit.
Sozialistisches Wohnen: Im Zuge des Wohnungsbauprogramms nach dem VIII. Parteitag der SED entstehen in den DDR-Städten monotone Großsiedlungen, die
im Volksmund als Arbeiterschließfächer, Wohnsilos, Karnickelbuchten oder Massenverwahrung bezeichnet werden. Im Bild: das Neubaugebiet Jena-Neulobeda, in dem Matthias Domaschk und viele seiner Freunde aufwachsen.
Was ihre Bevölkerungsstruktur in der DDR anbelangt, nimmt die Stadt Jena in den 1980er Jahren eine Sonderstellung ein. Der kleine Ort wächst vor allem durch die Universität und das
Das kulturelle Angebot für Jugendliche hinkt den Wünschen allerdings hinterher. Manche Studenten und Lehrlinge versuchen deshalb, eigene Alternativen zu entwickeln – unabhängig von
Manchmal gelingt es den Jugendlichen, öffentliche Räume für ihre kulturellen Aktivitäten zu erobern. 1973 initiiert der 21-jährige Autor
Junge Jenenser widersetzen sich dem befohlenen Kulturprogramm
Auch
Einer der tragenden Pfeiler der alternativen Jugendkultur in Jena ist die
Unter dem Dach der Kirche organisieren Jenaer Jugendliche ihr eigenes Kulturprogramm. Die offizielle Unterstützung durch die Kirchengemeinden beschränkt sich meist auf die kostenlose Bereitstellung von Räumlichkeiten. Und doch: Mancher Diakon hilft auf eigenes Risiko und ohne Absprache mit der Kirchenleitung den Aktivisten bei Widerstandsaktionen – zum Beispiel beim Vervielfältigen von Flugblättern. Häufig finden die Veranstaltungen im Rahmen der sogenannten
Im Februar 1983 verfasst die Geraer
Als problematisch empfindet die Stasi unter anderem „die Unterwanderung und Schwächung der Wehrbereitschaft, Verteidigungs- und Friedenspolitik der sozialistischen Staaten“. Sie glaubt auch, eine „Unterwanderung der sozialistischen Jugend“ sowie eine „Diffamierung der Tätigkeit der Schutz- und Sicherheitsorgane“ zu erkennen.
Bei den Veranstaltungen und Diskussionen in der Jungen Gemeinde geht es nicht in erster Linie um die christliche Religion. Es geht eher um angewandtes Christentum.
„Es waren Leute, die waren alle ein bisschen verrückt gekleidet, die sahen verrückt aus. Die Männer hatten lange Haare und Bärte und trugen Parkas – damals hieß das Kutten, die waren ausgefranst. Und Jeans, da achtete man nicht so drauf, dass die super schick und sauber waren. Das hat mir alles ein bisschen Angst gemacht, aber auf der anderen Seite hat es mich auch fasziniert. Ich habe die bewundert, ich habe zu denen aufgeschaut. Es war eine sehr offene Atmosphäre. Da war ein Jugenddiakon, der fragte: Wer hat Lust, das nächste Mal den Abend zu gestalten oder ein Thema auszuarbeiten?`.
Es wurden viel politische Themen diskutiert: Das Verhältnis Lehrlinge und Arbeitgeber, würde man heute sagen. Wie kann man sich im Betrieb zurecht finden, was passiert eigentlich in den anderen sozialistischen Ländern? Man hat sich vor allen Dingen darüber ausgetauscht, was man so erlebte, auf der Arbeit oder in der Ausbildung, was anderen widerfahren ist. Wenn einer aus der Uni geschmissen wurde oder jemandem die Arbeit gekündigt wurde. Was kann man machen?
Das ist ja eigentlich schon Politisieren, wenn man überlegt, was einem selber oder seinen Freunden widerfährt. Wenn man überlegt, das einzuordnen und damit umzugehen. Diese religiösen Themen spielten wirklich nur eine untergeordnete Rolle. Es ging eher um angewandtes Christentum. Man musste nicht drüber sprechen, man versuchte es zu leben. Das hat der Kirche irgendwie ein bisschen Kopfzerbrechen und Herzklopfen bereitet. Einerseits, denke ich, dass sie wollten, dass wir erhalten bleiben, dass es uns weiter geben kann. Andererseits wussten sie, was wir es nicht so einschätzen konnten, dass wir mit dem Feuer spielen.
Irgendeiner brachte das mit, dass es auch in anderen Ländern so laufen sollte, dass eine Schweigeminute für den Frieden abgehalten werden sollte. Und dann haben wir überlegt: Das machen wir auch. Wir sind dahin gegangen und haben uns im Kreis aufgestellt. Die
Frage: Und hat die Stasi da schon eingegriffen?
Bei der ersten Schweigeminute nicht. Ich glaube, bei der zweiten. Das ist schon so lange her, ich weiß es gar nicht mehr. Ich glaube, es gab zwei, und die zweite war Heilig Abend oder kurz vor Weihnachten. Ich weiß noch, dass mich die Stasi mit meiner kleinen Tochter mitgenommen hat. Wir haben am Heiligen Abend ein paar Stunden auf der Kriminalpolizei herumgesessen und blöde Fragen beantwortet. Ich habe mir Sorgen gemacht, was mit meiner Tochter ist, weil sie die von mir getrennt hatten. Ich wusste nicht: Geht es der gut, ist das jetzt was, wie muss ich mich jetzt verhalten? Muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass es meiner Tochter nicht gut geht, muss ich jetzt eher entgegenkommen? Das war ganz schwierig.“
Dorothea Fischer, Zeitzeugin auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2004
Spieldauer: 4 Min.
© 2004 Robert-Havemann-Gesellschaft & Bundeszentrale für politische Bildung
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350