Kontext
Super-GAU Tschernobyl, Abrüstungsverhandlungen, Honecker-Besuch, Glasnost und Perestroika, Sputnik-Verbot, Subkultur, Orange Alternative
Wie ein leuchtendes Band zieht sich die Mauer durch Berlin. Hier der Potsdamer Platz 1982, von West-Berlin aus gesehen.
„Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ ("Mr. Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese
Mauer nieder!") Vor dem Brandenburger Tor in West-Berlin hält der amerikanische Präsident Ronald Reagan am 12. Juni 1986 eine Rede, in der er den sowjetischen Staatschef auffordert, die Mauer niederzureißen.
US-Präsident Ronald Reagan während seiner Rede vor dem Brandenburger Tor in Berlin (12. Juni 1987).
Wegen des Besuchs von US-Präsident Ronald Reagan (und vor dem Hintergrund des NATO-Gipfels) demonstrieren Anhänger der Friedensbewegung vor der
Berliner Gedächtniskirche.
Vom 7. bis 11. September 1987 besucht der Staatsratsvorsitzende der DDR Erich Honecker (Bildmitte), zum ersten Mal die Bundesrepublik und wird von
Bundeskanzler Helmut Kohl (links) vor dem Bundeskanzleramt mit militärischen Ehren empfangen.
Bundeskanzler Helmut Kohl (rechts) empfängt den Staatsratsvorsitzenden der DDR Erich Honecker im Foyer des Bundeskanzleramts.
Im Oktober 1988 verbietet die SED-Führung die sowjetische Zeitschrift Sputnik. Das Verbot der Zeitschrift erzeugt vielfachen Protest. Über Wochen
manifestiert sich der meist unorganisierte, spontane Protest in heimlich gemalten Schriftzügen an Häuserwänden und auf Straßen, auf Zetteln, Plakaten und Flugblättern. Immer mehr Menschen lehnen sich mit solchen Aktionen gegen die ideologisch verbohrte Partei- und Staatsführung auf.
„The Boss“ auf dem Gelände der Radrennbahn in Berlin-Weißensee. Um die Jugend zurück zu gewinnen, veranstalten SED und FDJ ab 1987
Großkonzerte mit den internationalen Größen aus Rock und Pop. Am 19. Juli 1988 gibt Bruce Springsteen sein legendäres Konzert, zu dem rund 160.000 Fans strömen.
Gedämpfte Euphorie: FDJ-Ordner beim Konzert von Bruce Springsteen am 19. Juli 1988 auf dem Gelände der Radrennbahn in Berlin-Weißensee.
Zum Konzert von Bruce Springsteen weht das Sternenbanner über Ost-Berlin, auch wenn es selbst gebastelt ist.
Die Zionskirche in Ost-Berlin – Observationsfoto der Stasi vom 4. März 1987.
Im April 1986 findet in Ost-Berlin der XI. Parteitag der SED statt. Der Staats- und Parteichef der Sowjetunion, Michail Gorbatschow (Mitte), besucht
aus diesem Anlass Ost-Berlin. Hier am 15. April zusammen mit Erich Honecker im Ernst-Thälmann-Park.
„Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“: Diesen Spruch kennt in der DDR jedes Kind. Während in der Sowjetunion Perestroika und
Glasnost für Veränderungen sorgen, lehnt die DDR-Führung jegliche Reformen ab. Losung an einem Sowjetpanzer in Schwerin (1988).
Im Laufe der 1980er-Jahre entstehen in allen Teilen der DDR oppositionelle Gruppen. Sie versuchen, mit Veranstaltungen und illegalen Publikationen,
eine eigene Öffentlichkeit herzustellen. Der Zusammenschluss in Netzwerken und Verbindungen in den Westen vergrößern den Aktionsradius entscheidend. Ab September 1986 arbeitet die Umwelt-Bibliothek im Gemeindehaus der Ostberliner Zionskirche. Neben systemkritischen Flugschriften werden von der Oppositionsgruppe die Umweltblätter publiziert. Sie gehören zu den am weitesten verbreiteten Untergrundzeitschriften in der DDR. Die erste Ausgabe der Umweltblätter erscheint unter dem Titel „Umwelt-Bibliothek – Informationen und Mitteilungen“ im September 1986.
Internationales Geschehen
Mit der Ernennung
Erschwerend kommt im April 1986 der
In dieser Situation kündigt
In vielen sozialistischen Ländern entwickelt sich in den 1980er Jahren eine starke jugendliche Subkultur, die in klarer
Die westlichen Demokratien begrüßen den neuen sowjetischen Kurs und drängen auf seine Fortführung. Die Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und der
In Südafrika kommt es zu blutigen Unruhen gegen die rassistische Politik der Regierung. In Lateinamerika setzen die USA ihre massive Unterstützung der Contras fort, die gegen die sozialistische Regierung in Nicaragua kämpfen. Im Dezember 1987 beginnt in Palästina die erste Intifada, das heißt: ein Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Armee, die seit dem Sechstagekrieg von 1967 das Westjordanland und den Gazastreifen besetzt hält. Die Sowjetunion beginnt ab Mai 1988, ihre Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Der Irak-Iran-Krieg endet im August 1988 durch einen Waffenstillstand.
Deutsch-deutsches Verhältnis
Die von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) fortgesetzte Politik der deutsch-deutschen Annäherung erreicht im September 1987 mit dem Staatsbesuch
Gemeinsam mit der SPD formuliert die SED 1987 ein Grundsatzpapier: „Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“. Darin treten beide Parteien für demokratische Entwicklungen, aktiven Umweltschutz und ein friedliches Miteinander der Systeme – Kapitalismus und
Und auch dies sind Erfolge der Annäherung: Die DDR sagt zu, den Asylantenstrom nach West-Berlin aus Ländern der Dritten Welt zu unterbinden. Dieser Strom bahnt sich schon seit längerer Zeit über den Ostberliner Flughafen Schönefeld seinen Weg. Als 1988 in West-Berlin der Internationale Währungsfonds (IWF) tagt, gestattet die DDR, dass Polizisten aus der Bundesrepublik mit Fahrzeugen über die Transitstrecken nach West-Berlin fahren. Damit unterstützt die DDR die westdeutsche Polizei im Einsatz gegen die Proteste, die sich gegen die Ausplünderung der Dritten Welt richten.
Entspannung – nicht Wiedervereinigung – ist angesagt.
Wie sehr auch in der Bundesrepublik die Hoffnung auf Wiedervereinigung schwindet, zeigt die Tatsache, dass noch am 31. März 1988 eine Vereinbarung zu einem Gebietstausch zwischen West-Berlin und der DDR unterzeichnet wird. Gegen eine Ausgleichszahlung von 76 Millionen Westmark verkauft die DDR ein größeres Gelände am Rande des Potsdamer Platzes an West-Berlin. Heute steht dort das Sony-Center.
Deutsche Demokratische Republik
Die DDR-Führung ist Mitte der 1980er Jahre auf ein entspanntes Verhältnis zur Bundesrepublik angewiesen. Ihre schwierige wirtschaftliche Situation erfordert die Aufnahme von westdeutschen Krediten. Außerdem hofft die Partei, mit dem Staatsbesuch Erichs Honeckers auch im Westen Deutschlands endgültig als zweiter deutscher Staat anerkannt zu werden.
Die DDR-Bürger profitieren allerdings kaum von der Entspannungspolitik auf Regierungsebene. Die SED-Führung macht keine Anstalten, das Land zu reformieren.
Als Zeichen des guten Willens gegenüber der Bundesrepublik beschließt der
Während die SED-Führung in den innerdeutschen Beziehungen auf Entspannung setzt, verschärfen sich innerhalb der DDR die gesellschaftlichen Konflikte. Die sowjetische Reformpolitik stößt bei den SED-Oberen auf Widerstand, und die wachsende oppositionelle Bewegung wird weiterhin unterdrückt. Die Unsicherheit der DDR-Führung in Bezug auf die Veränderungen beim „
Kulturpolitisch verändert sich in der Honecker-Ära die bisherige politische Leitlinie eines am antifaschistischen und sozialistischen Ideal orientierten Kunst- und Kulturlebens. Im Sinne der Entwicklung einer sozialistischen Nationalkultur werden nun auch ehemals als bürgerlich oder reaktionär verfemte Persönlichkeiten wie
Mitte der 1980er Jahre verliert die staatlich geregelte Kultur aber zunehmend an Ansehen in der Bevölkerung. Als Antwort auf die Gängelung der Künstler entwickeln sich verschiedene Subkulturen, deren auffälligste die Anfang der 1980er Jahre entstehende Punkbewegung ist.
Viele der kulturell eingeengten Künstler sind bereits in den Westen geflüchtet. Die verbliebenen reagieren mit wachsender Abneigung gegen die alltäglichen Repressionen und die kulturelle Bevormundung. All das zwingt die Kulturpolitiker der SED, vormals verbotene Künstler wieder zuzulassen. Einige wenige kritische Werke, wie zum Beispiel Günther de Bruyns Roman „Neue Herrlichkeit“, werden wieder aufgelegt.
Diese scheinbar gelockerten Rahmenbedingungen zeugen aber nicht von einer liberaleren Kulturpolitik. Sie sind vielmehr Zeichen einer zunehmenden Hilflosigkeit der Staatsführung, deren Wunschgesellschaft immer stärker auseinanderstrebt.
Bundesrepublik Deutschland
Die Tschernobyl-Katastrophe bestätigt die Anti-Kernkraftbewegung der Bundesrepublik in ihrem Kampf. Im Streit gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf im Taxöldner Forst engagieren sich Tausende Kernkraftgegner. Hier kommt es zu massiven Auseinandersetzungen mit der Polizei. Allerdings kann die Anti-AKW-Bewegung nicht verhindern, dass das Kernkraftwerk Brockdorf als erster deutscher Reaktor nach der Katastrophe von Tschernobyl in Betrieb genommen wird.
Der Friedensbewegung gelingt es weiterhin, Hunderttausende zu Protesten gegen die Stationierung amerikanischer Marschflugkörper (
Nicht nur deutsche Linksterroristen morden weiter. Bei einem Bombenanschlag auf die Westberliner Diskothek La Belle im April 1986, in der auch US-Soldaten verkehren, werden zwei Menschen getötet und rund 200 verletzt. Es handelt sich um einen Anschlag libyscher Terroristen.
Was in Berlin 1987 auf offizieller Ebene nicht gelingt – gemeinsame Absprachen über die 750-Jahrfeier –, verwirklicht die vielfältige Oppositionsbewegung 1988 in beiden Teilen der Stadt. Sie spricht Proteste gegen die Politik des Internationalen Währungsfonds miteinander ab, der 1988 in West-Berlin tagt. Gemeinsamer Bezugspunkt ist die Ausplünderung der Länder der Dritten Welt.
Der amerikanische Präsident
Angeödet von der drögen Jugendpolitik der DDR werden immer mehr Jugendliche durch den neuen Kurs Gorbatschows ermutigt. Im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg entsteht eine Subkultur.
Sprecher (off):
„Doch schon seit einigen Jahren tanzen immer mehr DDR-Jugendliche aus der Reihe. In den Altbauvierteln der Städte, nicht nur im Prenzlauer Berg von Ost-Berlin, haben sie sich inoffizielle Freiräume geschaffen, um es im Staat der verkrusteten Strukturen überhaupt aushalten zu können. Ob Hinterhof-Konzert, Lesung, Theater oder Ausstellung, jedes Mal droht den Beteiligten die Staatsmacht. Immer wieder führt dies und die ständige Entmündigung zur Resignation, zur Ausreise und bei anderen zur Verbitterung. Einige verschaffen sich ab und zu Luft mit politischer
Ausschnitt aus einem Beitrag im Politikmagazin Kontraste des Senders Freies Berlin aus dem Jahr 1987.
Schnitt: Jutta Kahlenberg
Produktion: 16.06.1987
Spieldauer: 1 Min.
hrsg. von: Sender Freies Berlin, Redaktion Kontraste
© Rundfunk Berlin Brandenburg
Weitere Inhalte
Die Texte von www.jugendopposition.de sind in Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. entstanden. Weitere Angaben zu den Autorinnen und Autoren finden Sie im Impressum.
Kontakt zur Redaktion von www.jugendopposition.de: E-Mail Link: info@jugendopposition.de
Für den Hinweis auf Texte von www.jugendopposition.de, die keine konkrete Autorin/ keinen konkreten Autor genannt haben, empfehlen wir folgende Zitierweise (Beispiel):
„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350