Oppositionszentrum Leipzig
Die Partei putzt Leipzig für Messe und Touristen heraus. Was den Bürgern bleibt, ist marode, hässlich und verkommen. Die Leipziger haben die Faxen dicke.
Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, denken sich die Leipziger Oppositionsgruppen: Mit dem Pleiße-Marsch am 5. Juni 1988 (Weltumwelttag) machen
sie auf die Umweltzerstörung in ihrer Stadt aufmerksam. Es ist die erste größere Leipziger Aktion außerhalb kirchlicher Räume. Im Bild: ein Aufnäher zum ersten Pleiße-Gedenk-Umzug in Leipzig.
Verfallene Altbauten in der Leipziger Ostvorstadt Ende der 1980er Jahre. Die beiden jungen Oppositionellen Siegbert Schefke und Aram Radomski
dokumentieren das Ausmaß der Zerstörung.
Verfallene Altbauten in der Leipziger Ostvorstadt Ende der 1980er Jahre. Die beiden jungen Oppositionellen Siegbert Schefke und Aram Radomski
dokumentieren das Ausmaß der Zerstörung.
Baustelle in der Leipziger Ostvorstadt. Ein großer Teil der Altbausubstanz wird abgerissen und durch moderne Plattenbauten nach sozialistischen Ideal
ersetzt.
Riesige Tagebaue stillen den Hunger der Industrie nach Braunkohle. Das Ergebnis der Umweltzerstörung sind nicht nur Smog, saurer Regen und
Waldsterben, sondern auch mondähnliche Landschaften, wie hier bei Eythra bei Leipzig.
Im Frühjahr und im Herbst öffnete sich der Eiserne Vorhang für kurze Zeit und Leipzig wurde für die Bürger der DDR zum Fenster in die freie Welt.
Dann fand die MMM, die Messe der Meister von Morgen statt und die DDR-Wirtschaft präsentierte sich trotz Millionen Schulden und langen Schlangen an den Konsumkassen in all ihrer Pracht. Das Doppel-M, hier im September 1989, steht für Mustermesse und begrüßt die Besucher am Osttor der Alten Messe Leipzig.
Zur Leipziger Messe präsentierte die DDR-Wirtschaft die neuesten Errungenschaften der sozialistischen Planwirtschaft. Neue Verfahren, neue Modelle
und neue Maschinen wurden vorgeführt sollten von der Fortschrittlichkeit des Sozialismus zeugen. Im Bild besichtigt Staatschef Erich Honecker (Bildmitte, grauer Anzug) bei einem Eröffnungsrundgang die Frühjahrsmesse im März 1989.
Die Initiative zur demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft ruft alle Bürger der Stadt Leipzig zu einer Demonstration für die Demokratisierung
des Landes auf. Der Termin: 15. Januar 1989, der Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.
Die verbotene Luxemburg-Liebknecht-Demonstration in der Leipziger Petersstraße (15. Januar 1989). Über 500 Menschen versammeln sich in der
Innenstadt und fordern ihr verfassungsmäßiges Recht auf Meinungsfreiheit. Polizei und Stasi lösen die Demonstration gewaltsam auf und verhaften mehr als 50 Teilnehmer.
Erklärung des Arbeitskreises Gerechtigkeit, der Initiativgruppe Leben und der Aktion Sühnezeichen (20. Januar 1989): Sie fordern die Haftentlassung
von Mitgliedern verschiedener Leipziger Basisgruppen, die während der unabhängigen Demo zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1989 in Leipzig verhaftet wurden.
Information zu den Ereignissen in Leipzig zwischen dem 12. und 20. Januar 1989.
Propaganda-Polemik: Das Zentralorgan der FDJ Junge Welt vom 21./22. Januar 1989 zu den Ereignissen um die Luxemburg-Liebknecht-Demonstration am 15.
Januar 1989 in Leipzig. Das Regime ahnt noch nicht, dass es in gut neun Monaten abdanken darf.
Selbstverständniserklärung (Januar 1989) der Initiativgruppe Leben Leipzig, einer von der Arbeitsgruppe Umweltschutz (AGU) Leipzig abgespaltenen
Gruppe, die wesentlich konfliktorientierter agiert. Zu ihren Gründern gehören Uwe Schwabe, Frank Sellentin, Kerstin Heuschert und Jens Kronberg.
Selbstverständniserklärung (Januar 1989) der Initiativgruppe Leben Leipzig, einer von der Arbeitsgruppe Umweltschutz (AGU) Leipzig abgespaltenen
Gruppe, die wesentlich konfliktorientierter agiert. Zu ihren Gründern gehören Uwe Schwabe, Frank Sellentin, Kerstin Heuschert und Jens Kronberg.
Jetzt sind viele internationale Besucher und Journalisten in der Stadt: Demonstration für Reisefreiheit während der Leipziger Messe im März 1989.
Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche am 14. März 1989 gibt es eine Demo in der Messe-Metropole der DDR: Es wird gegen die Inhaftierung zweier
Leipziger und gegen den „Schaufensterfrieden“ in Leipzig während der Frühjahrsmesse protestiert. Zudem machen die Demonstranten auf die Ausreiseproblematik aufmerksam. Im Bild: Bericht der Initiativgruppe Leben.
Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche am 14. März 1989 gibt es eine Demo in der Messe-Metropole der DDR: Es wird gegen die Inhaftierung zweier
Leipziger und gegen den „Schaufensterfrieden“ in Leipzig während der Frühjahrsmesse protestiert. Zudem machen die Demonstranten auf die Ausreiseproblematik aufmerksam. Im Bild: Bericht der Initiativgruppe Leben.
Handzettel zum Leipziger Straßenmusikfestival (10. Juni 1989), das von verschiedenen Leipziger Gruppen organisiert wird. Die Veranstaltung selbst hat
keine politischen Ziele. Mit zahlreichen Musik- und Theatergruppen wollen die Akteure einfach mehr Leben in die Stadt bringen.
Rainer Müller (links) und Uwe Schwabe (rechts) tragen auf der Abschlussveranstaltung des Kirchentags der Sächsischen Landeskirche in Leipzig ein
Transparent mit den chinesischen Schriftzeichen für Demokratie (9. Juli). Sie protestieren damit gegen die blutige Niederschlagung der friedlichen Proteste in Peking am 4. Juni 1989. Die SED-Führung begrüßt das Massaker ausdrücklich.
In Leipzig, der zweitgrößten Stadt der DDR, sind die Probleme des „
Auf der anderen Seite hat Leipzig eine große Universität und gibt sich zwei Mal im Jahr als weltoffene Stadt. Dann nämlich, wenn Zehntausende – darunter viele ausländische Besucher – die Stadt zu den internationalen Frühjahrs- und Herbstmessen besuchen.
Es ist vor allem dieses Spannungsfeld, in dem sich in Leipzig schon früh eine oppositionelle Bewegung herausbildet, die durch ein Netz von persönlichen Beziehungen mit Oppositionsgruppen in der ganzen DDR verbunden ist.
Wie in manch anderen Teilen des Landes entwickelt sich die Friedensbewegung auch in Leipzig unter dem Dach der Kirche. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre findet hier eine immer stärkere Politisierung der Friedensgruppen statt, deren Aktionen offensiver werden.
Die
Die Vernetzung der Gruppen, ihre größer werdende Mitgliederzahl und ihre bessere Organisation haben immer stärkere Repressionen zur Folge. Die Staatsmacht übt Druck auf die Kirche aus, die daraufhin für einige Zeit den aktivsten Gruppen in Leipzig ihre Unterstützung verweigert. Anfang 1989 eskaliert die Situation: Die Gruppe
Nervöse Obrigkeit: Die Leipziger Interner Link: Opposition wächst stetig
Trotz einer ersten Verhaftungswelle im Vorfeld, in deren Verlauf auch Uwe Schwabe und Rainer Müller (Zeitzeugen) inhaftiert werden, versammeln sich am 15. Januar 1989 über 500 Menschen in der Leipziger Innenstadt. Sie fordern ihr verfassungsmäßiges Recht auf
In den kommenden Tagen finden in Leipzig und anderen Städten der DDR Bittgottesdienste statt. Bevor sich diese Form des Protests ausbreitet, gibt die Staatsführung nach: Vier Tage später werden alle Inhaftierten entlassen. Vor allem deshalb, weil die Nachricht von den Verhaftungen bis zum gerade stattfindenden dritten
Flugblatt für das Leipziger Straßenmusikfestival am 10. Juni 1989.
Mitglieder der oppositionellen Szene in Leipzig versuchen Anfang Juni 1989, ein Straßenmusikfestival zu organisieren. Die Veranstaltung wird nicht
genehmigt. Trotzdem kommen 15 Musik- und Theatergruppen aus der ganzen DDR am 10. Juni 1989 nach Leipzig, um in der Innenstadt zu spielen.
1.000 Mark in die Staatskasse: Das Straßenmusikfest kommt Jochen Läßig teuer zu stehen. Wegen seines Engagements für eine lebendigere Leipziger
Innenstadt wird er mit einer hohen Ordnungsstrafe belegt.
Die Staatsmacht beobachtet die Leipziger Oppositionsszene mit großer Nervosität. Wie blank die Nerven bei der Staatsführung und den Sicherheitsorganen liegen, zeigt sich am 10. Juni 1989, als ein Straßenmusikfestival stattfinden soll. Die Veranstaltung hat keine politischen Ziele. Zahlreiche Musik- und Theatergruppen wollen einfach mehr Leben in die Stadt bringen und die Menschen unterhalten. Das Festival wird von jungen Leuten verschiedener Leipziger Gruppen organisiert, wie der IG Leben und der
Das Festival wird im Vorfeld verboten. Begründung: Die auftretenden Bürger müssten erst den Nachweis ihrer künstlerischen Qualifikation erbringen. Trotz des Verbots kommen zahlreiche junge Künstler in die Stadt. Sie musizieren, singen, führen kleine Theaterstücke auf. Was zunächst friedlich beginnt, endet im Fiasko: Verständnislos sehen die Leipziger Bürger zu, wie Polizisten und Stasi-Leute die Musiker durch die Innenstadt jagen, einkesseln und verhaften. Festgenommen werden die Leute schon allein deshalb, weil sie ein Instrument oder einen Fotoapparat bei sich haben. Viele Bürger solidarisieren sich daraufhin mit den jungen Leuten.
Der Staat, das wird vielen in diesen Tagen klar, fürchtet um die Kontrolle über „sein Volk“. (Uwe Schwabe berichte im Zeitzeugen-Interview über das Straßenmusikfestival, den Pleiße-Gedenk-Umzug und über Aktionen des Leipziger Widerstands, bei denen die Stasi mit harter Hand durchgreift.)
Eine halbe Stunde in die Leipziger Innenstadt geradelt und Katrin Hattenhauer hat ein schwarzes Gesicht. Einige Stadtviertel wirken so, als wäre der Zweite Weltkrieg gerade erst zuende gegangen.
Ich bin nach Leipzig gekommen, das erste Mal für meine Aufnahmeprüfung und auch selbst, obwohl das absolute Innenstadt war, da wo das Theologische Seminar lag: Du fuhrst eine halbe Stunde mit dem Fahrrad dahin, und du hattest ein schwarzes Gesicht. Das war einfach so, das war mein erster Eindruck von Leipzig. Der ist dann auch viele Jahre noch so geblieben. Und ich habe später in viel schlechteren Wohnvierteln gewohnt, wo der Zustand der Stadt so war, wie man sich das nach dem Zweiten Weltkrieg so vorgestellt hat, bildhaft. Also wenn man die Aufnahmen sieht, wo ich gewohnt habe: Mariannenstraße, Meißner Straße, und das sind Aufnahmen aus dem Jahre 1988/1989. Immer wenn die gezeigt werden und Leute aus Westdeutschland die sehen, dann sagen sie: „Oh Gott, das sieht ja aus wie nach dem Krieg.“ Ja, genau. Also wirklich Fassaden, wo die Hälfte fehlt, wo Fenster fehlen und mit Pappe ersetzt sind. Also ich habe in einem Haus gewohnt, wo die Wohnung neben mir schon nach unten abgestürzt war. Heute wäre so was eigentlich baupolizeilich gesperrt gewesen, aber das war eben nicht so. Insofern hatte ich einen klaren Eindruck von Verfall und Dreck, und Leipzig war auch einfach eine Industriestadt. Das konnte man riechen. Da gab es gar keine Fragen.
Produktion: 2021
Spieldauer: 2 Min.
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350